Ärzte Zeitung online, 02.03.2009

Immer mehr US-Bürger leben von Essensmarken

WASHINGTON (dpa). Es ist die Schattenseite des Lebens im reichsten Land der Erde. Gerade eine Hand voll Dollar zahlt Vater Staat an jene, die in den USA auf Essensmarken angewiesen sind. Doch lässt die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten die Zahl der Bedürftigen rasant steigen. Nie zuvor waren derart viele Amerikaner von Essensmarken abhängig - Tendenz steigend.

Sean Callebs Speisezettel sieht nach strenger Diät aus. "Eine Schüssel Müsli, eine Banane, eine Tasse Tee - und noch vier lange Stunden bis zum Mittagessen", klagt er. In einem viel beachteten Selbstversuch probiert der Reporter des US-Fernsehsenders CNN aus, wie es sich von Essensmarken lebt lässt - oder auch nicht. Seine Eindrücke und Erfahrungen hält er in einem Web-Blog fest.

Einen Monat lang versucht er, mit rund sechs Dollar (4,80 Euro) am Tag auszukommen - dem Höchstsatz. Im Internet jammert der Reporter aus Louisiana über regelmäßige Hungerattacken. Nur selten könne er frisches Gemüse und Obst kaufen. "Ich vermisse meine Cola Light", schreibt er in seinem Internetblog.

Zumindest auf Zeit teilt Callebs das Schicksal jedes zehnten Amerikaners - mehr als 31 Millionen waren schon im September vorigen Jahres auf die Marken angewiesen. "Das ist die höchste Zahl aller Zeiten", weiß Ellen Vollinger, Direktorin der Organisation FRAC, die in der Hauptstadt Washington Lobbyarbeit gegen Hunger betreibt. "Viele Amerikaner wissen nicht mehr, wo ihre nächste Mahlzeit herkommen soll", sagt sie. Steigende Arbeitslosigkeit treibt die Nachfrage nach den Marken weiter nach oben.

Aber auch jene, die noch eine Stelle haben, hängen immer stärker von den "Food Stamps" ab. Viele hätten mehr als einen Job, aber der Lohn reiche trotzdem nicht. "Familien lassen Mahlzeiten aus, um ihre Miete zu bezahlen", berichtet sie. "Eltern hungern für ihre Kinder, und manchmal hungern auch Kinder in Amerika - das ist eine Schande".

Essensmarken helfen US-Bürgern mit geringem Einkommen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg, den Kühlschrank ein wenig zu füllen. Heute verteilt die Regierung keine Papiergutscheine mehr, sondern elektronische Karten, die jeden Monat mit durchschnittlich 100 Dollar (79 Euro) pro Person aufgeladen werden. Das zuständige Landwirtschaftsministerium vermeidet seit 2008 den Begriff Essensmarken, sondern spricht nur noch vom "Hilfsprogramm zur Nahrungsergänzung".

Doch dem Programm haftet immer noch ein Stigma an. "Bedürftige sträuben sich oft, nach Hilfe zu fragen", sagt Srindhi Vijaykumar. Die Sozialarbeiterin der Organisation "DC Hunger Solutions" wirbt in den Straßen Washingtons für Essensmarken. Besonders Senioren, Einwanderer und Arbeiterfamilien seien schwer zu erreichen.

Wer die Marken bezieht, steht im Supermarkt vor schweren Entscheidungen. Durchschnittlich drei Dollar erhalten Bedürftige pro Tag für den Einkauf im Supermarkt. Das zwingt zu Abstrichen bei der Ernährung. "Die Leute kaufen nur, was billig ist, sich lange hält und satt macht", sagt Sozialarbeiterin Vijaykumar. Das Monatsguthaben sei häufig bereits nach zwei oder drei Wochen aufgebraucht. "Viele Familien gehen dann in die Suppenküchen", sagt Lobbyistin Vollinger.

Viele hoffen nun auf die neue Regierung von Präsident Barack Obama. Mit dem kürzlich beschlossenen, 787 Milliarden Dollar (624 Milliarden Euro) schweren Konjunkturpaket werden die Ausgaben für Essensmarken um 13 Prozent gesteigert. Ellen Vollinger rechnet dennoch mit wachsendem Hunger in den Vereinigten Staaten. "Das wird bestimmt keine kurze Rezession", sagt sie.

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