Ärzte Zeitung, 14.04.2009

In China sollen künftig alle Bürger ein Recht auf medizinische Grundversorgung haben

Wer in China krank wird, sollte über einen dicken Geldbeutel verfügen. Medizin gibt es im Reich der Mitte nämlich nur gegen Bares. Das aber ist nicht das einzige Problem, an dem das chinesische Gesundheitssystem laboriert. Chinas Führung reagiert darauf mit einer Riesenreform - und verspricht medizinische Grundversorgung für alle.

Von Thomas Hommel

Gut ausgestattete Arztpraxen, die zum Beispiel auch Impfungen anbieten, findet man in China oft nur in den Großstädten.

Foto: Imago

Die Geschichte des Migrantenarbeiters Bao erzählen sich die Menschen in China immer dann, wenn es um Missstände des dortigen Gesundheitssystems geht: Mit seiner Familie zog Bao aus der Provinz Anhui in die Touristenstadt Guilin im Süden des Riesenreiches. Dort hatte er Arbeit und Bleibe gefunden. Eines Nachts wurde Bao von "Haltet den Dieb"-Rufen auf der Straße aus dem Schlaf gerissen. Kurz entschlossen eilte er dem Opfer zur Hilfe und verfolgte den Übeltäter. Als er ihn zu fassen bekam, stach dieser mit dem Messer zu und verletzte Bao schwer. Nachbarn riefen einen Rettungswagen herbei, der den Helden ins nächste Krankenhaus transportierte.

Dort angekommen, wurde Bao mitgeteilt: "Bevor wir Sie operieren, muss der Eingriff bar bezahlt werden." Für Bao ein Problem, denn er hatte nicht einen Yuan bei sich. Weder die Zusage seiner Frau, man werde die Rechnung gleich nach der Operation begleichen, noch die klaffende Wunde am Bauch konnten die Ärzte umstimmen. Als die Angehörigen das Geld herbeigeschafft hatten, war es zu spät: Bao war verblutet.

Der Fall ist krass - und dennoch für viele Chinesen Beleg, wie reformbedürftig ihr Gesundheitssystem ist. Früher sorgten Kollektive und Kommunen für eine kostenlose Versorgung. Das System verursachte jedoch hohe Kosten und wurde abgeschafft.

Seither sucht die kommunistische Regierung in Peking nach einem Mittelweg zwischen staatlicher Fürsorge und privater Eigeninitiative - bislang vergeblich. Viele Chinesen halten sich daher an die Devise: "Hast Du kein Geld, bleibe lieber gesund."

Mehr als 90 Milliarden Euro sollen das System fit machen.

Denn jede medizinische Leistung muss bar bezahlt werden - angefangen vom Klinikbett über die Blutinfusion bis hin zur Schmerztablette. Einen Arzt können sich gerade die in ländlichen Regionen lebenden Chinesen oft nicht leisten - wenn doch, dann ist die Versorgung in den kleinen Krankenstationen eher bescheiden. Wer kein Geld bei sich hat, lässt anschreiben.

Weitaus besser als auf dem Land ist die Krankenversorgung in den Metropolen organisiert. Aber auch hier deckt das Angebot längst nicht mehr den Bedarf. Viele Kliniken gelten als reformbedürftig.

Um das kränkelnde System fit zu machen, haben das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas und der Staatsrat, das Kabinett, vergangene Woche ein neues Reformprogramm veröffentlicht. Das Papier sieht zwei Schritte vor: Mit Investitionen in Höhe von umgerechnet über 90 Milliarden Euro soll bis 2011 eine allgemeine medizinische Grundversorgung für alle geschaffen werden. In einem zweiten Schritt soll das Programm bis 2020 zu einem umfassenden Krankenschutz ausgebaut werden, der "sicher, effektiv, bequem erhältlich und bezahlbar" von allen Chinesen in Anspruch genommen werden kann.

Dies käme einer Zäsur gleich: Erstmals in der Geschichte Chinas würde die medizinische Versorgung als öffentliche Dienstleistung definiert.

Ganz zufällig kommt die Reformoffensive im Gesundheitswesen freilich nicht. Medien berichten von großem Unmut in der Bevölkerung. Darauf habe Peking reagieren müssen.

Gesundheitssystem in China

Das Bruttoinlandsprodukt in China beträgt rund 1,25 Billionen Euro (Deutschland: 2,4 Billionen Euro), der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP beträgt rund sechs Prozent. Für das Gesundheitswesen in China sind etwa 5,5 Millionen Menschen tätig.

Nur 45 Prozent der in den Städten lebenden Menschen verfügen über einen Versicherungsschutz im Krankheitsfall. Auf dem Land können sich nur 20 Prozent aller Chinesen eine Krankenversicherungspolice leisten. Private Arztpraxen oder niedergelassene Ärzte gibt es offiziell nicht. Der überwiegende Teil der medizinischen Leistungen wird in Kliniken erbracht. Bei der Gründung der Volksrepublik China 1949 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 35 Jahren. Heute liegt sie bei 70 Jahren. (hom)

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