Ärzte Zeitung, 23.04.2009

Ein Pendler zwischen Parlament und Praxis

Am 7. Juni wird das Europaparlament neu gewählt. Anlass für die "Ärzte Zeitung", die deutschen EU-Gesundheitspolitiker unter die Lupe zu nehmen. Was treibt Thomas Ulmer (CDU) an?

Von Petra Spielberg

Der Terminkalender verlangt ausnahmsweise keinen Krawattenzwang. Für Thomas Ulmer ein willkommener Anlass, im Pullover hinter seinem Schreibtisch in der 15. Etage des Parlamentsgebäudes im Brüsseler Europaviertel zu sitzen. Auf der Fensterbank hinter dem CDU-Abgeordneten aus dem nordbadischen Mosbach stapeln sich Bücher und Papiere, was auch daran liegt, dass die Büroräume der Abgeordneten so winzig sind, dass der Platz für die vielen Dokumente, die ein Europapolitiker für seine tägliche Arbeit benötigt, kaum ausreicht.

Zeitraubende Kombination: Politiker und Allgemeinarzt

Ulmer ist Politiker mit Leib und Seele und zugleich ein leidenschaftlich engagierter Allgemeinarzt. Wie sich das miteinander kombinieren lässt? Ganz einfach: Der 53-Jährige arbeitet pro Woche rund 100 Stunden. Von Donnerstag bis Montag widmet er sich seinem Wahlkreis und seiner Praxis in Mosbach. Die ersten Patienten sitzen spätestens ab 6.30 Uhr im Wartezimmer. An den übrigen Tagen geht er seinen politischen Geschäften in Brüssel und Straßburg oder auf Reisen zu Vorträgen und Veranstaltungen nach.

Die Aufteilung zwischen Medizin und Politik empfindet der bodenständige Badener nicht als Belastung, sondern als Bereicherung. "Das schärft den Blick und sorgt für ausreichend Bodenhaftung", betont er.

Die Gesundheitspolitik ist dabei nur ein Themenfeld, in das sich der Christdemokrat einbringt. Daneben stehen auch Themen wie Asyl- und Einwanderungspolitik, Daseinsvorsorge, die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik oder Energie- und Regionalpolitik auf seiner Agenda.

An seiner Tätigkeit als Abgeordneter fasziniert ihn vor allem der Gedankenaustausch beispielsweise über die Bedeutung der Prävention, den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz oder Umwelteinflüsse auf die Gesundheit. "Man erfährt hier einfach mehr über bestimmte Themen", so Ulmer.

Dabei räumt er ein, dass mitunter zwei Herzen in seiner Brust schlagen, beispielsweise wenn es um Auflagen für die Industrie im Interesse des Gesundheitsschutzes geht. Die Politik dürfe den Unternehmen einerseits nicht zu viel zumuten. Andererseits betrachte er den Gesundheitsschutz als höherwertiges Gut. "Für solche Fälle gibt es keine Entweder-oder-Lösung", sagt Ulmer.

Die Arbeit im Europaparlament sei aber in der Regel sehr sachbezogen. Auch reize ihn, dass er als Europaabgeordneter mehr bewegen kann als seine Kollegen im Deutschen Bundestag: "Hier muss man sich nicht gegen eine Regierung und die Opposition durchsetzen."

EU-Vorhaben in der Gesundheitspolitik sollen schlank sein.

Ulmer ist bereits seit Beginn seiner Studienzeit im Jahr 1976 politisch aktiv, zunächst auf kommunaler und Landesebene und seit Juni 2004 als Europaabgeordneter der baden-württembergischen CDU.

Damals zog er als zweiter deutscher Arzt neben seinem Fraktionskollegen Peter Liese ins Europaparlament ein. Sitz und Stimme sind Ulmer auch bei den anstehenden Europawahlen sicher.

In der kommenden Legislaturperiode will er sich vor allem für eine "saubere" Regelung bei der Finanzierung medizinischer Leistungen im europäischen Ausland einsetzen.

Sauber heißt für Ulmer auch, dass die Zuständigkeiten der EU-Länder in der Gesundheitspolitik gewahrt bleiben, so wie er sich grundsätzlich dafür ausspricht, EU-Vorhaben in der Gesundheitspolitik "schlank und übersichtlich" zu halten.

Aufklärung über Hepatitis, Werbung für Organspenden

Für wichtiger als detaillierte Regelungen hält es der Christdemokrat, Aufklärung zu betreiben, zum Beispiel über den Nutzen von Organspenden. "Unser Ziel muss es sein, eine positive Grundstimmung in der Bevölkerung zu schaffen, um die Bereitschaft zur Spende zu erhöhen", betont Ulmer. Aufklärung sei auch beim Thema Hepatitis nötig. Es sei erschreckend, dass an Hepatitis B und C europaweit etwa doppelt so viele Menschen sterben wie im Straßenverkehr. Deshalb setzt er sich als Politiker und Arzt dafür ein, über Risiken der Erkrankung und Möglichkeiten der Vorbeugung zu informieren.

Thomas Ulmer

Thomas Ulmer wurde am 25. Juli 1956 geboren. Von 1976 bis 1982 studierte er Humanmedizin in Heidelberg, Mannheim und Freiburg. Seit 1986 ist Ulmer in eigener Praxis in Mosbach niedergelassen. Seit dem Beginn seiner Tätigkeit im Europaparlament vor fünf Jahren führt er seine Praxis gemeinsam mit einer Kollegin.

375 Millionen EU-Bürger zur Wahl aufgerufen

Am 7. Juni sind die Deutschen aufgerufen, ihre Abgeordneten für das Europäische Parlament zu wählen (EP). Es ist die siebte Direktwahl zum EP. 375 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Das EP wird dann 736 Abgeordnete aus 27 Mitgliedstaaten umfassen. Deutschland stellt 99 Politiker. In den nächsten Wochen porträtiert die "Ärzte Zeitung" deutsche Europaabgeordnete, die in den kommenden fünf Jahren auch an den gesundheitspolitischen Stellschrauben drehen wollen. (spe)

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