Ärzte Zeitung, 29.04.2009

Mit dem Rollkoffer von Bayern nach Brüssel

Am 7. Juni wird das Europaparlament neu gewählt. Anlass für die "Ärzte Zeitung", die deutschen EU-Gesundheitspolitiker unter die Lupe zu nehmen. Was treibt Dr. Anja Weisgerber (CSU) an?

Von Petra Spielberg

Anja Weisgerbers Markenzeichen ist der Rollkoffer. Wann immer die 33-jährige CSU-Politikerin im Brüsseler oder Straßburger Europaparlament (EP) ihr Büro verlässt, zieht sie ihren kleinen, mit allen notwendigen Unterlagen gefüllten Trolley hinter sich her. "So schone ich meinen Rücken", sagt die frühere Leistungssportlerin. Weisgerber ist seit Sommer 2004 Mitglied des Europäischen Parlaments. Damals belegte sie Platz vier der bayerischen Landesliste der CSU. Für die anstehenden Europawahlen kandidiert sie auf Platz drei.

Aus dem ehemaligen, von älteren Kollegen manchmal belächelten "Parlamentsküken" ist inzwischen eine geachtete Europapolitikerin geworden. Den verbesserten Listenplatz wertet sie daher als "Bestätigung ihrer Arbeit".

Kampfgeist hat die Juristin beim Tennis gelernt

Ihren Aufstieg hat Weisgeber nicht zuletzt ihrem unermüdlichen Ehrgeiz und ihrem Durchsetzungsvermögen zu verdanken. "Wenn ich etwas erreichen will, kann ich mich regelrecht darin verbeißen", so die 33-Jährige.

Der Kampfgeist der promovierten Juristin kommt nicht von ungefähr. Sich auf den Punkt zu konzentrieren, durchzuhalten und Verantwortung zu übernehmen, habe sie beim Sport gelernt, so Weisgerber. Mit Erfolg: Diese Wesenszüge brachten ihr gleich mehrfach den Titel der bayerischen Tennisjungendmeisterin ein. Um so mehr bedauert Weisgeber, dass ihr europapolitisches Mandat ihr kaum noch Freiräume für sportliche und andere private Aktivitäten lässt. Ständig ist sie zwischen Brüssel, Straßburg, ihrem Heimatort Schwebheim in Unterfranken und anderen Städten unterwegs. "Da ist es wichtig, einen Partner zu haben, der Verständnis für einen solchen Job aufbringt", sagt sie.

Dieses Glück scheint sie zu haben. Seit Dezember vergangenen Jahres ist Weisgerber mit dem Würzburger Solarzellenforscher und Physiker Carsten Deibel vermählt. Im Sommer werde kirchlich geheiratet, berichtet sie. Nach diesem Abstecher ins Privatleben ist sie aber wieder ganz Politikerin.

Für bayerische Anliegen in Europa zu werben, liegt ihr besonders am Herzen. Dies tut sie mitunter sehr anschaulich. So hat sie vor dem Sitzungssaal des EP, in dem gerade der Umweltausschuss des Parlaments tagt, einen Stand mit bayerischem Brot aufstellen lassen, um zu demonstrieren, dass gesunde Produkte nicht einer EU-Verordnung, die den Gehalt von Salz und anderen Nährwerten in Lebensmitteln regulieren soll, zum Opfer fallen dürfen.

Schließlich lautet ihr Motto in der Europapolitik: "So viel wie nötig, so wenig wie möglich." Eine Einmischung der EU in einzelstaatliche Politik hält Weisgerber nur dann für sinnvoll, wenn diese auch einen wirklichen Nutzen bringt. Als Beispiele nennt sie den grenzüberschreitenden Austausch über wissenschaftliche Erkenntnisse bei der Bekämpfung von Volkskrankheiten, Krebs oder seltenen Erkrankungen. Auch unterstützt sie ein Verbot von krebs- und erbgutverändernden Substanzen in Kinderspielzeug und Pflanzenschutzmitteln.

Brüssel soll den EU-Staaten genug Spielraum lassen

Bei der EU-Arbeitszeitrichtlinie hat sich die CSU-Politikerin im Interesse der Ärzte dafür stark gemacht, den gesamten Bereitschaftsdienst auf europäischer Ebene als Arbeitszeit zu werten. "Brüssel sollte den EU-Ländern genügend Spielraum für eigene gesetzliche oder tarifvertragliche Regeln lassen", fordert sie. Erfreut ist sie darüber, dass immer mehr EU-Bürger versuchten, sich aktiv in die europäische Politik zum Beispiel mit E-Mail-Aktionen einzumischen. "Das trägt zur Meinungsbildung im Parlament bei", betont die CSU-Politikerin. In der Regel jedoch fände eine Bürgerbeteiligung nur bei Aufregerthemen wie der Pflanzenschutzverordnung statt. "Viele andere wichtige Themen finden in der breiten Öffentlichkeit leider oft kein Gehör", bedauert Weisgerber.

In der kommenden Legislaturperiode wolle sie sich weiter darum bemühen, die 1,3 Millionen Bürger in Unterfranken, deren Interessen sie im EP vertritt, vor allem über die europäische Verbrauchschutz- und Gesundheitspolitik zu informieren.

Dr. Anja Weisgerber

Anja Weisgerber wurde am 11. März 1976 in Schweinfurt geboren. In ihrer Jugend war sie mehrmals bayerische Tennismeisterin. Während ihres Jurastudiums in Würzburg und Lausanne arbeitete sie im unterfränkischen Schwebheim nebenbei im elterlichen Betrieb für den Im- und Export von Heilkräutern. Im Oktober 2001 schloss sie nach nur gut einem Jahr ihre Promotion an der Universität Würzburg über Parlamentarische Untersuchungsausschüsse ab. Weisgerber ist seit 1997 Mitglied der CSU.

375 Millionen EU-Bürger zur Wahl aufgerufen

Am 7. Juni sind die Deutschen aufgerufen, ihre Abgeordneten für das Europäische Parlament zu wählen (EP). Es ist die siebte Direktwahl zum EP. 375 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Das EP wird dann 736 Abgeordnete aus 27 Mitgliedstaaten umfassen. Deutschland stellt 99 Politiker. Mit Anja Weisgerber endet eine Reihe von Porträts deutscher Europaabgeordneter in der "Ärzte Zeitung", die in den kommenden fünf Jahren auch an den gesundheitspolitischen Stellschrauben drehen wollen. (spe)

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