Ärzte Zeitung online, 28.12.2009

Studie: KVen werden in einheitlichem EU-Gesundheitsmarkt überflüssig

SALZBURG (spe). Ein einheitlicher europäischer Gesundheitsmarkt ist bislang reine Utopie. Nach Auffassung der Akademie für Wissenschaft und Künste in Salzburg führt hieran aber kein Weg vorbei. Die gesundheitliche Versorgung in den 27 EU-Mitgliedstaaten könne nur bezahlbar bleiben, wenn es gelänge, die Medizin zu "entpolitisieren" und verkrustete Strukturen aufzubrechen, so der österreichische Herzchirurg und Präsident der Akademie, Professor Felix Unger.

"Die Medizin muss als ganz normaler Markt gesehen werden, mit offenen Grenzen und Wettbewerb auf allen Ebenen", erklärt er weiter. Von einem grenzenlosen Wettbewerb verspricht Unger sich nicht nur Impulse für Innovationen, sondern auch Qualitätsverbesserungen, Kosteneinsparungen und einen Abbau der gesundheitlichen Ungleichheiten in der EU.

Auf knapp 100 Seiten hat der Salzburger Herzchirurg zusammen mit einem interdisziplinären Team aus Ärzten, Angehörigen von Heilhilfsberufen, Vertretern der Industrie und Forschungseinrichtungen im Auftrag der EU-Kommission zusammengefasst, wie das Ideal eines europäischen Gesundheitsmarktes aussehen könnte.

Das Papier räumt in erster Linie mit einem aus Sicht von Unger "gefährlich provinziellen gesundheitspolitischen Denken in rein nationalen Grenzen" und dem Paradigma einer solidarisch finanzierten Medizin auf.

Die Krankenkassen sollen nach den Vorstellungen des Strategieteams privatisiert und der Zwang zur Pflichtversicherung abgeschafft werden. Zur Finanzierung schlägt Unger einen Mix aus Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträgen sowie Steuern vor.

Jeder Bürger soll seinen Versicherungsumfang individuell bestimmen und frei zwischen verschiedenen Anbietern in Europa wählen können. "Warum soll ein Deutscher nicht in Österreich eine Krankenversicherung abschließen können oder umgekehrt, wenn die Konditionen stimmen", so Unger.

Ärzte sollen dem Modell zufolge ihr Honorar gegen Rechnung direkt von der Versicherung des Patienten erhalten. Die Kassenärztlichen Vereinigungen wären somit überflüssig.

Für das Leistungsangebot sieht das Strategieteam eine EU-weite Klassifikation vor, ähnlich dem hierzulande diskutierten Priorisierungsmodell. Eine Beteiligung der Ärzteschaft bei allen Reformschritten sei unerlässlich, so der Herzchirurg.

Die EU würde bei diesem Ansatz indes gesundheitspolitischen Kompetenzen erhalten, von der sie bislang nur träumen kann und für die auch der EU-Vertrag von Lissabon keine Grundlage liefert.

Unger schlägt daher vor, mit einer Harmonisierung der Gesundheitsmärkte bei den Selbstzahlerleistungen, wie Check-ups, Blutdruckmessungen, Homöopathie- und naturheilkundliche Maßnahmen sowie spezielle Ernährungs- und Bewegungsangebote, zu beginnen.

In Brüssel stößt das Strategiepapier auf offene Ohren. Der Ansatz sei integrativ und überwinde das im Gesundheitswesen vorherrschende Kastendenken, so die EU-Kommissare Androulla Vassiliou (Gesundheit) und Günter Verheugen (Industrie) in ihrem Vorwort zu dem Bericht.

Auch im Europäischen Parlament beschäftigt man sich bereits eingehend mit dem Ansatz. Eine in der konservativ-christdemokratischen EVP-Fraktion gebildete Arbeitsgruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, auf Basis des Papiers eine Strategie zu entwickeln, um kleinen und mittleren Unternehmen im Gesundheitsbereich sowie Angehörigen von Gesundheitsberufen mehr Raum für einen EU-weiten Wettbewerb und Innovationen zu verschaffen.

Fraglich ist allerdings, inwieweit sich das von der Akademie angedachte Marktideal im Gesundheitswesen bei Ärzten und politischen Entscheidungsträgern durchsetzen lässt.

Unger sieht es gelassen. Ihm geht es vor allem darum, die Diskussion über eine grundlegende Reform der Gesundheitsmärkte in Europa anzustoßen. Mit einem ersten Umdenken sei frühestens in 15 Jahren zu rechnen, so der Herzchirurg.

[02.01.2010, 10:04:36]
Uwe Schneider 
Tauschen wir doch unser Gesundheitssystem mit den USA ...
Medizin als ganz normalen Markt begreifen, das Pradigma einer solidarischen Finanzierung aufgeben, Zwang zur Pflichtversicherung abschaffen - dann sind wir nahe am momentanen System der USA, die davon ja immer bestimmter (nun auch im Senat) weg kommen wollen. Ein Tausch würde sich also anbieten, aber keinen Sinn machen!

Die Studie, so wie sie von der ÄZ beschrieben wird, hat zwar einige interessante Ansatzpunkte. Ein europäischer Markt im Gesundheitswesen sollte kein Schreckgespenst sein, sondern eine überlegenswerte Option. Allerdings gibt es faktische und normative Besonderheiten des "Wirtschaftsgutes Gesundheit", die auch in einem europäischen Markt Berücksichtigung finden müssten:

- Das Problem der angebotsinduzierten Nachfrage (aufgrund von Informationsasymmetrien zwischen Heilberuflern und [auch dem mündigen] Patienten), dem zumindest mittels einer gewissen Mengensteuerung und Kontrolle durch professionelle "Treuhänder" der Versicherten und Patienten (Versicherungen, ggf. auch KVen) begegnet werden muss. Das scheint das sehr anbieterorientierte Studienteam ausgeklammert zu haben.

- Das Problem der meritorischen Güter. Es ist verdienstvoll mit einer Krankenversicherung vorzusorgen, weshalb sie gefördert oder gar vorgeschrieben werden muss. Wer nicht vorsorgt, dem muss ggf. durch den Staat aus Steuermitteln geholfen werden, was eine nicht unproblematische Ungleichbehandlung gegenüber denen darstellt, die (auch) aus eigenen Mitteln vorgesorgt haben.

Man könnte dieses Problem freilich auch so lösen, dass man kranke, aber mittellose Menschen ohne Versicherung im Zweifel einfach sterben lässt. Das ist aber wiederum aus normativen Gründen (Recht auf Gesundheit und Gewährleistungsverantwortung des Staates) jedenfals in Deutschland nicht ohne Weiteres möglich. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Neuroprothese lässt Gelähmten wieder zugreifen

Eine Neuroprothese ermöglicht einem Tetraplegiker, mit einer Gabel zu essen. Sein Hirn wird dabei per Kabel mit Muskeln in Arm, Hand und Schulter verbunden. mehr »

Mord und Totschlag in deutschen Kliniken?

Eine umstrittene Studie zu lebensbeendenden Maßnahmen in Kliniken und Pflegeheimen erhitzt die Gemüter. mehr »

Psychotherapie-Richtlinie steht vor holprigem Start

Der Start der neuen Psychotherapie-Richtlinie am 1. April löst bei den Beteiligten keine Begeisterung aus. Die Kritik überwiegt. Lesen Sie die aktuellen EBM-Ziffern. mehr »