Ärzte Zeitung, 22.04.2010

NICE-Bewertungen interessieren in Schottland nicht

Die Evaluierung neuer Arzneimittel ist in Schottland anders geregelt als in England. Das ärgert nicht nur Ärzte, sondern immer häufiger auch Patienten.

Von Arndt Striegler

LONDON. In Großbritannien kommt es offenbar immer öfter vor, dass die Arzneimittelzulassung von Evaluierungsstellen wie dem National Institute of Clinical Excellence (NICE) ernsthaft behindert wird. Das sorgt sowohl die Ärzte als auch Patienten, die eine "Behinderung des Therapiefortschritts durch Bürokraten" befürchten.

NICE-Bewertungen interessieren in Schottland nicht

© moonrun / fotolia.com

Jüngstes Beispiel für die Probleme bei der Zulassung ethischer Arzneimittel im Königreich ist ein neues und innovatives Medikament: Ro-Actemra®) mit dem Wirkstoff Tocilizumab zur Therapie von rheumatoider Arthritis.

Während das Medikament in Schottland von den Ärzten des dortigen staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) frei verordnet werden kann, dürfen Ärzte in England und Wales das Medikament nicht auf NHS-Kosten verschreiben. Das entschied NICE. Begründung: Der Hersteller des Arzneimittels habe es bislang versäumt, die Kosteneffizienz des Wirkstoffs zu belegen. Laut NICE kostet die Therapie mit dem Wirkstoff pro Patient und Jahr rund 9000 Pfund (umgerechnet rund 11 000 Euro). In England und Wales könnten nach Schätzungen von Experten rund 37 000 Patienten von dem Arzneimittel profitieren.

"Das kuriose an dem Fall ist, dass das Präparat in Schottland frei verordnet werden darf", so ein Sprecher des Arzneimittelherstellerverbandes (Association of British Pharmaceutical Industry, ABPI) im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" in London. Die Evaluierung neuer Arzneimittel ist in Schottland anders geregelt als in England, NICE hat in Schottland nichts zu sagen. Das ärgert Ärzte und Patienten.

Ein Sprecher des englischen Patientenverbandes (Patients Association, PA) sprach von "Arzneimittel-Apartheid". "Es ist ungerecht und unlogisch, dass ein Patient in England das neue Medikament nicht erhalten kann, während ein Patient in Schottland in den Genuss des Mittels kommt." Die PA verlangt, dass NICE seine Entscheidung nochmals überprüft und revidiert. Ähnlich die Reaktionen innerhalb der britischen Ärzteschaft. Ärzte berichten, dass Patienten inzwischen nach Schottland umzögen, damit sie dort mit Ro-Actemra® therapiert werden können. Gesundheitsverwaltungen in England sind gesetzlich nicht verpflichtet, Arzneimittel mit negativer NICE-Bewertung auf Staatskosten zu verschreiben.

Auch in anderen Therapiebereichen gibt es Unterschiede: Viele onkologische Präparate sind in Schottland auf Staatskosten erhältlich, in England aber nicht.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

"GOÄ-Konsens bis Ende 2017 ist sportliches Ziel"

Wann kommt die neue GOÄ? Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" verrät GOÄ-Verhandlungsführer Dr. Reinhard genaueres. mehr »

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »