Ärzte Zeitung, 11.03.2010

Obama und die Mär vom übermächtigen Staat

US-Präsident Barack Obama lässt nicht locker bei der Gesundheitsreform. Denn viele US-Bürger wissen nicht, dass die Kosten des Nichtstuns viel höher wären.

Von Claudia Pieper

Obama und die Mär vom übermächtigen Staat

Stars and Stripes und steigende Kosten. © Gatsenko / photos.com

NEW YORK. Während die Demokraten in Washington, D.C. noch einmal alle Kräfte mobilisieren, um eine Gesundheitsreform auf den Weg zu bringen, fragt man sich in Deutschland: Warum ist es in den Vereinigten Staaten so schwer, eine solche Reform durchzusetzen? Sämtliche Fakten sprechen dafür, dass das USamerikanische Gesundheitssystem im jetzigen Zustand unhaltbar ist:

  • Fast 50 Millionen US-Amerikaner sind ohne Versicherung.
  • Wer seinen Job verliert - eine Erfahrung, die in der gegenwärtigen Wirtschaftsflaute Hunderttausende machen mussten - gefährdet auch seine Krankenversicherung.
  • Eine Familienversicherung kostet heute schon durchschnittlich 13 000 US-Dollar im Jahr, was fast einem Viertel des durchschnittlichen Familieneinkommens entspricht.
  • Nicht- oder Unterversicherung machen medizinische Versorgungskosten zum Hauptgrund für persönliche Insolvenzen.
  • Menschen mit Vorerkrankungen finden auf dem freien Markt keine erschwingliche Versicherung.

Warum stehen vor diesem Hintergrund die US-Amerikaner nicht geschlossen hinter Barack Obama und seiner Partei? Die Gründe dafür sind vielschichtig und ebenso politisch wie kulturell bedingt:

  • Die meisten Amerikaner haben eine Versicherung und sind zufrieden damit. Aus der Sicht derjenigen, die im glücklichen Besitz einer vom Arbeitgeber (mit-)finanzierten Krankenversicherung sind, mag eine Reform ein nobles Ziel sein. Als Steuerzahler sind sie aber nur bedingt bereit, dies mitzutragen. Während der Rezession dürfte vielen Bürgern aber bewusst geworden sein, dass sie nur eine Entlassung vom Verlust ihrer Krankenversicherung entfernt sind. Selbst bei denen, die durch ihren Arbeitgeber versichert sind, hat eine Erosion der Leistungen eingesetzt, weil viele Unternehmen nicht mehr in der Lage oder willens sind, die Kostensteigerungen aufzufangen.
  • Viele Amerikaner sind ausgeprägte Individualisten und stehen "zu viel Regierung" skeptisch gegenüber. Während die Idee eines allgemeinen Rechts auf Krankenversicherung populär ist, wird eine Versicherungspflicht kontrovers diskutiert. Der Gedanke, dass ein solcher Anspruch auf Versicherung nur dann funktioniert, wenn sich alle - Gesunde wie Kranke, Alte wie Junge - beteiligen, ist in den Vereinigten Staaten unterentwickelt. Auch die Idee, dass die Regierung bestimmte Mindestleistungen festsetzt, trifft auf wenig Gegenliebe. Slogans wie "Hands off my health care" und die geschürte Angst vor einem "Government Takeover" - einer "Regierungsübernahme" - des Gesundheitssystems zeugen von tiefem Regulierungsmisstrauen.

Doch die Reformbefürworter um Obama haben zuletzt deutlich gemacht, dass sich das Konzept der allgemeinen Partizipation anderenorts bereits durchgesetzt hat: Etwa bei der Autoversicherung nehmen die Amerikaner klaglos eine Versicherungspflicht hin. Das lässt hoffen, dass sie sich auch an eine Krankenversicherungspflicht gewöhnen könnten.

Leicht kontern lässt sich auch das Argument, die Reform sei zu teuer. Ein oft gehörtes Argument gegen die Reform ist die Angst, das Land könne sich an dem knapp eine Billion US-Dollar kostenden Reformpaket verheben. Dabei ist vielen Bürgern nicht klar, wie hoch die Folgekosten wären, wenn die Reform scheitert:

  • Die Versicherungsbeiträge würden bis 2020 für eine Familie von derzeit 13 000 auf dann 24 000 Dollar steigen, projiziert der Common Wealth Fund. Steigende Selbstbehalte sind in diesen Zahlen nicht mitberücksichtigt.
  • Laut Urban Institute werden in neun Jahren 57 bis 66 Millionen Amerikaner ohne Versicherung sein.
  • 275 000 Menschen werden in den kommenden zehn Jahren sterben, weil sie nicht versichert sind, schätzt der Verband "Families USA".

Der Gesundheitsökonom Professor Uwe Reinhardt von der Princeton-Universität mahnt, die Reformkosten von 950 Milliarden US-Dollar in Beziehung zu setzen zu den 34 Billionen US-Dollar, die das US-Gesundheitswesen ohne Reform in den nächsten zehn Jahren verschlingen wird. Die Kosten, schreibt Reinhardt in der "New York Times", belaufen sich auf nur 2,8 Prozent der projizierten Gesundheitsausgaben. Das sei alles andere als eine "Regierungsübernahme" des Gesundheitssystems.

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