Ärzte Zeitung online, 25.05.2010

"Wir sind einfach zu viele" - Not in Haiti

LEOGANE (dpa). Vier Monate nach der Erdbeben-Katastrophe in Haiti sind noch immer 1,3 Millionen Menschen obdachlos. Viele von ihnen sollten längst in Übergangsunterkünfte umgesiedelt werden. Doch fehlende Strukturen erschweren den Hilfsorganisationen die Arbeit.

Von Silke Katenkamp

Wenn Nelson Lehisier in seinem Verschlag aus Latten und Plastikplanen sitzt, kann er seinen Traum sehen. Er steht dort drüben, auf der anderen Seite des Ackers, rund 50 Meter entfernt. Helle hölzerne Wände hat dieser Traum, fest und stabil, sodass sie der Wind nicht wegwehen kann. Auch die Tropengüsse, die jetzt in der Regenzeit wieder heftig auf Nelsons Plastikplane niederprasseln und den Boden in Schlamm verwandeln, können dem Traumhaus nichts anhaben: Es hat ein Dach aus Metall.

Nelson, 23, sagt: "Ich möchte gerne in einem solchen Haus leben." Er blickt übers Feld - und breitet dann hilflos die Arme aus. "Aber es gibt zu wenige. Und wir zu viele."

Genau genommen sind es genau 52 Träume, die auf der anderen Seite des Ackers ordentlich nebeneinanderstehen. Holzhütten sind es, klein wie Gartenhäuschen, die die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Auftrag des deutschen Entwicklungsministeriums für die Opfer des Erdbebens hier in Leogane gebaut hat.

Die Hafenstadt rund 30 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince wurde von dem Erdbeben am 12. Januar am stärksten getroffen. Bis zu 90 Prozent der Häuser wurden dort zerstört. Seither leben die Menschen in Notlagern, in einem Gewirr aus Plastikplanen, Wellblechen und Laken, die irgendwie an Holzlatten befestigt wurden.

Die, die dort hausen, können aber nicht bleiben. In Haiti hat die Regenzeit begonnen, nachts entladen sich heftige Tropengüsse über dem Land. Und im Sommer drohen dem Karibikstaat Wirbelstürme. "In den Notunterkünften leben die Menschen in elenden Zuständen", sagt Adi Walker, der hier in Leogane für die GTZ arbeitet. "Bis ihre alten Häuser repariert oder neue gebaut sind, brauchen sie dringend Unterkünfte, denen Wind und Regen nichts anhaben kann."

Überall im Land wollen Hilfsorganisationen deswegen stabilere Übergangsheime schaffen. 130 000 sind nach Angaben der UN geplant, die Schutz für etwa 650 000 Menschen bieten sollen. Trotz all der Spendengelder, trotz all der Hilfsorganisationen stehen jetzt, rund vier Monate nach dem Beben, erst knapp 500.

"Wir würden gerne schneller bauen", sagt Walker. "Aber wir können nicht." Die größte Schwierigkeit für die Helfer ist, dass niemand weiß, wo die Notunterkünfte gebaut werden dürfen. "Unsere zentrale Frage lautet: Wem gehört der Boden, auf denen sie errichtet werden?" sagt GTZ-Mitarbeiter Daniel Passon. Doch in Leogane existiert kein Kataster, das diese Frage beantworten könnte. "Bevor diese rechtlichen Fragen nicht sicher geklärt sind, können wir nicht einfach hingehen und Häuser auf die Wiese stellen", sagt Passon.

Von der Regierung Haitis bekommen die Helfer dabei nur wenig Hilfe. "Sie müsste geeignete Plätze für Notunterkünfte ausweisen", sagt Clemens Graf Waldburg, Generalsekretär beim Deutschen Roten Kreuz. "Aber wir bekommen keinerlei Unterstützung." Denn Regierung und Verwaltung sind nur beschränkt einsatzfähig. Und die Kommission, die den Wiederaufbau des Karibikstaates überwachen will - halb einheimisch, halb ausländisch besetzt - hat die Arbeit noch immer nicht aufgenommen.

Am Wochenende hat der Premierminister von Haiti, Jean-Max Bellerive, dem deutschen Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) jetzt mehr Hilfestellung zugesagt. "Die Hilfsorganisationen sollen sich bei Problemen an das Planungsministerium wenden, dann soll ihnen geholfen werden", sagt Niebel.

Daniel Passon hofft, dass dies künftig den Bauprozess beschleunigen wird und die allein von der GTZ für 1400 Familien geplanten Hütten so schnell wie möglich gebaut werden können.

In die 52 Häuser, die jetzt schon stehen, werden in den nächsten Tagen die ersten Bewohner einziehen. Andrise Lambert (51) ist eine von ihnen. Seit dem Erdbeben haust sie in einem feuchten Verschlag, zusammen mit vier Familienangehörigen. Jetzt lehnt sie an der Vorderfront ihres neuen Heims und blickt sehr stolz. Wie alle, die bald hier wohnen werden, hat sie beim Bau mit angepackt. Hat Löcher für das Fundament gegraben und das Holzgerüst mit aufgestellt. "Das Erdbeben hat mir meine Würde genommen", sagt sie. Dann streicht sie mit der Hand über eine Holzwand und lächelt. "Jetzt bekomme ich sie wieder."

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