Ärzte Zeitung online, 07.07.2010

Helferin: Auf Haiti fehlen noch viele Unterkünfte

PORT-AU-PRINCE/HAITI (dpa). 40 Sekunden haben vor einem halben Jahr Haiti fast zurück in die Steinzeit befördert. Astrid Nissen hat das katastrophale Erdbeben am 12. Januar selbst miterlebt und sie versucht seit Monaten, die Lebensumstände der Haitianer Schritt für Schritt wieder zu verbessern.

Von Ansgar Gersmann

Die Büroleiterin der Diakonie Katastrophenhilfe hilft hauptsächlich im Südosten des Landes beim Wiederaufbau. Und sie sieht sich täglich einer Herkulesaufgabe gegenüber. "Viele Trümmer sind immer noch da, weil die nur zu einem kleinen Teil weggeräumt wurden. Man hat teilweise das Gefühl, es hat sich nichts getan."

Noch schlimmer ist für Nissen die Angst, dass die Not der Menschen auf Haiti nach und nach aus dem Blickpunkt der Weltöffentlichkeit rückt. "Leider ist jetzt von der Aufbruchstimmung und der ausdrücklichen Solidarität, die direkt nach dem Beben herrschte, nur noch wenig zu spüren", sagt die 38 Jahre alte Katastrophenhelferin. Für den Hilfseinsatz hat sie etwa 8 Millionen Euro für einen Zeitraum von zwei Jahren zur Verfügung.

Die Diakonie kümmert sich in erster Linie darum, dass die Menschen ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Durch das Erdbeben wurden viele Haitianer obdachlos. Sie zogen zu Verwandten oder Freunden. Dort wurden aber die Vorräte schnell knapp. Außerdem hilft die Organisation beim Bau stabiler Unterkünfte, denn viele Bewohner leben noch immer in Zelten. Aber die Arbeiten kommen nur im Schneckentempo voran: "Von den benötigten 125 000 Übergangsbehausungen für 750 000 Menschen sind erst 3000 gebaut." Da die öffentliche Verwaltung noch immer darniederliegt, kann häufig auch nicht geklärt werden, wem jeweils ein Grundstück gehört.

Zudem sind die Aufräumarbeiten nach Nissens Worten vielerorts schlecht organisiert: "Die Bemühungen sind nicht systematisch. Viele Betroffene beginnen, die Trümmer von den Grundstücken in eigener Initiative auf die Straße zu räumen. Dort bleiben sie liegen, was zu einem Verkehrschaos führt." Auch fehlt es an schweren Maschinen. Zudem müssen viele verschiedene Einsatzkräfte des Militärs, der UN und zahlreicher Nicht-Regierungsorganisationen koordiniert werden.

Als weiteres Problem nennt Nissen die enge Besiedlung: "Das sind kleine schmale Pfade, die in die einzelnen Siedlungen hineinführen, wo kein großes Fahrzeug reinkommt". Erschwert wird die Lage durch das Wetter: Jeden Abend regnet es ein bis zwei Stunden lang sehr stark und die Menschen sind damit beschäftigt, ihre verbliebenen Habseligkeiten vor dem Wasser zu retten. Nissen befürchtet, "dass die sehr schwierigen Lebensumstände der Menschen zu einem permanenten Zustand werden".

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