Ärzte Zeitung, 22.11.2010

Krankheitskosten treiben Millionen in Armut

Die Kernaussagen des Weltgesundheitsberichts der WHO sind ernüchternd: Weltweit leiden Millionen Menschen, weil sie unzureichend medizinisch versorgt werden - und weil sie Behandlungskosten aus der eigenen Tasche bezahlen müssen und deshalb in die Armutsfalle tappen.

Von Thomas Hommel

Krankheit treibt Millionen Menschen in Armut

Erst krank und dann arm: Weil sie über keine Krankenversicherung verfügen, rutschen immer mehr Menschen weltweit in die Armut ab.

© Bernd Friedel / imago

BERLIN. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm: Jedes Jahr würden mehr als 100 Millionen Menschen in die Armut getrieben, weil sie über keine Krankenversicherung verfügen und für Behandlungskosten beim Arzt oder im Krankenhaus selber aufkommen müssen, heißt es im Weltgesundheitsbericht 2010 der WHO, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde.

Das Problem der Verarmung infolge von Krankheit betreffe bei weitem nicht nur die Menschen in Entwicklungsländern, heißt es in dem rund 100 Seiten langen Bericht. Auch Industriestaaten hätten zunehmend damit zu kämpfen, dass ihre Bevölkerung in die Armutsfalle tappe, weil Gesundheitsleistungen sofort bei Erbringung bezahlt werden müssten.

In den USA etwa würden Privatleute häufig in die Überschuldung geraten, weil ihr Geld für Behandlungskosten nicht reiche. Auch in Griechenland, Portugal, Polen und Ungarn würden viele Menschen finanzielle Härten erleiden, weil sie für ihre Versorgung selber aufkommen müssen.

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan forderte die Regierungen auf, "die Gesundheitsfinanzierung zu verbessern und die gesundheitliche Absicherung zu stärken". Ärmere Staaten sollten mehr Finanzmittel für den Gesundheitsbereich beschaffen, etwa durch Steuern auf Alkohol und Tabak oder eine erhöhte Mehrwertsteuer. Denkbar seien auch neue Steuerquellen wie Umsatzsteuern. Reichere Länder dagegen müssten für mehr Effizienz in ihren Gesundheitssystemen sorgen, so Chan.

Als ein Beispiel für unnötige Verschwendung führt der WHO-Bericht den Krankenhaussektor an, wo weltweit jedes Jahr knapp 300 Milliarden US-Dollar "aufgrund von Ineffizienz" vergeudet würden. Eine Durchsicht von mehr als 300 Studien habe ergeben, dass Kliniken bei gleichem Aufwand im Schnitt 15 Prozent mehr leisten könnten.

Belege dafür, dass staatliche Kliniken mehr oder weniger leistungsfähig seien als privat geführte Häuser, gibt es laut WHO nicht. Die Leistungsfähigkeit lasse sich überall verbessern.

Einsparpotenziale macht der Bericht der WHO auch im Arzneimittelsektor aus. Durch sachgerechten Einsatz sowie verbesserte Qualitätskontrolle von Arzneien könne ein Land fünf Prozent seiner Gesundheitsausgaben einsparen.

Ausdrücklich gelobt von der WHO wird in diesem Zusammenhang Frankreich, das mit Hilfe seiner "Strategie der Generikasubstitution" im Jahr 2008 Einsparungen von knapp zwei Milliarden US-Dollar generieren konnte.

Als problematisch wird im Bericht eingestuft, dass mehr als die Hälfte aller Arzneimittel weltweit "unsachgemäß verordnet, abgegeben bzw. verkauft werden". Zudem sei die Compliance der Patienten oft ungenügend. Die Hälfte der Patienten würden ihre Medikamente nicht wie verordnet einnehmen. Auch hier schlummere ein großes Einsparpotenzial.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) betonte bei der Vorstellung des WHO-Berichts, die Qualität der Gesundheitsversorgung sei "Gradmesser für den gesellschaftlichen Zusammenhalt". Für den Aufbau eines funktionierenden Gesundheitssystems gebe es aber "keine Patentlösungen".

Jedes Land müsse seinen eigenen Weg finden. Der Bundesregierung sei es mit ihrer Gesundheitsreform gelungen, die Krankenversicherung auf ein solides Finanzfundament zu stellen und die Lasten fair zu verteilen, so der Minister.

[22.11.2010, 17:02:28]
Helmut Karsch 
Refeudalisierung und seine Ausprägung
Was für eine Erkenntnis die die WHO gewonnen hat. Gerade der Finanzkapitalismus jetziger Ausprägung hat dieses Szenario erst möglich gemacht.Und so geschieht es nicht zum ersten Mal, dass sich Dynastien in den oberen Schichten entwickeln, die die Sozialstruktur feudalisieren. Aber das Modell der Refeudalisierung hat aber noch einen weiterführenden Erklärungswert. Es zeigt auf, wie ganze Funktionssysteme im Fortgang ihrer Modernisierung ihren bürgerlichen Charakter verlieren können, dem sie einst erst ihren Ursprung verdankten. Als paradoxe Folge hiervon entsteht ein moderner Kapitalismus nicht nur ohne, sondern gegen die Bürgerlichkeit.Und möglicherweise ist es genau diese Unbürgerlichkeit, die im 21. Jahrhundert eine kulturelle Voraussetzung dafür ist, dass der Kapitalismus einen globalen Siegeszug angetreten hat. Die zunehmende Zementierung materieller Ungleichheit hat einen bedeutenden Anteil an der Zerstörung des sozialen Gefüges einer bürgerlichen Gesellschaft.
Der Abstand zwischen entrückten Eliten und der Prekarität unterer Schichten nimmt in westlichen Ländern heute ein Ausmaß an, dass vor geraumer Zeit sogar Alan Greenspan, seinerzeit Chef der amerikanischen Notenbank, davon sprach, dass nicht nur die Vereinigten Staaten ein Zwei-Klassen-System der Verteilung herausbilden würden, wie es bisher nur typisch für Entwicklungsländer war. Einem steigenden Armutsrisiko korrespondiert die Zunahme der Abwärtsmobilität bis weit in die mittleren Einkommensschichten hinein (Bundesministerium 2008: 26). Andererseits ist in den unteren Schichten bis zur gesellschaftlichen
Mitte Aufstiegsmobilität faktisch zum Erliegen gekommen, während in den oberen Funktionsschichten der Gesellschaft mittlerweile ein hohes Ausmaß an Selbstrekrutierung vorherrscht, das weitgehende Exklusivität unter den höheren Bildungsschichten garantiert und sich gegenüber anderen Sozialschichten in den Parallelgesellschaften der Begüterten und Bevorteilten abschotten kann. Im Ergebnis entsteht so ein stationärer Typus sozialer Ungleichheit, der wenig noch an das Schichtungsmodell erinnert, wie es als charakteristisch zumindest für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts galt. Ob es die PISA-Studien sind oder die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung: Sie zeigen eine Gesellschaft, in der sich die Armut ebenso zunehmend sozial vererbt wie umgekehrt Privilegien von einer Generation auf die nächste weitergegeben werden, und die sich daher in einem offenen Prozess der
Refeudalisierung von Lebenschancen befindet (vgl. auch Forst 2005: 24). War soziale Ungleichheit dem modernen Selbstverständnis nach als ein graduelles Abstufungssystem unterschiedlicher Wettbewerbspositionen zu verstehen, mit Übergängen zwischen den einzelnen Klassen und Schichten, so wird Ungleichheit heute zunehmend durch kategoriale Unterschiede untereinander unvergleichbarer Soziallagen geprägt, weshalb nicht offene Statuskonkurrenzen, sondern Einschluss und Ausschluss bestimmend für die Soziallage sind.
Um so bemerkenswerter ist der Umstand zu bewerten, dass durch Herrn Rösler und sein GKV-Finanzierungskonzept genau die Plattform geschaffen wird, die die WHO kritisiert.
Gerade wenn man Klientelpolitik macht, ist eine Patentlösung für alle unerwünscht. zum Beitrag »

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