Ärzte Zeitung online, 07.03.2011

Hintergrund

Palliativversorgung entwickelt sich im Schneckentempo

Bei der palliativmedizinischen Versorgung Sterbender ist Deutschland in Europa nur Mittelmaß.

Von Anno Fricke

Palliativversorgung entwickelt sich im Schneckentempo

Begleitung am Lebensende: Deutschland ist nur Mittelmaß bei der palliativmedizinischen Versorgung.

© Claudio's Pics / fotolia.com

Es wird keine gesamteuropäische Strategie zur Versorgung der Menschen am Lebensende geben. Aufbau und Organisation palliativmedizinischer Strukturen verbleiben in der Verantwortung der einzelnen Länder.

Darauf hat Professor Lukas Radbruch hingewiesen. Der steht als Präsident der Europäischen Vereinigung für Palliativversorgung (EAPC) vor.

Das Maß der Dinge in Europa ist derzeit Großbritannien, wo Cicely Saunders 1967 das erste moderne Hospiz eröffnete. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es in Deutschland erst seit 1983. Nicht nur wegen dieses Zeitverlustes habe Deutschland erst 70 Prozent des britischen Versorgungsgrades erreicht, sagte Radbruch.

Die angesehene britische Zeitschrift "The Economist" hat 2009 die "Qualität des Todes" in den Ländern der Union unter die Lupe genommen. Großbritannien kam auf den ersten Platz, Deutschland auf den achten.

Bei der Verfügbarkeit der Palliativversorgung sah es für das deutsche Gesundheitswesen noch schlechter aus: Es reichte nur zum 18. Platz hinter Polen, Italien und Estland.

Dass die Gemeinschaft bei der Palliativmedizin das Subsidiaritätsprinzip nicht durchbrechen würde, war abzusehen. Auch wenn die europäischen Gesellschaften mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Frankreich im Gleichschritt älter und damit auch morbider werden.

Brüssel wird nur dort gesundheitspolitisch aktiv, wo die Mitgliedsstaaten alleine nicht wirkungsvoll handeln können. Das sind zum Beispiel die Vorbeugung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten wie Aids oder die Verteilung von Transplantationsorganen, Blut und Blutderivaten.

Palliativmedizin gehört nicht zu diesen Aufgaben, obwohl sich viele Länder 2007 in Budapest auf gemeinsame freiwillige Ziele geeinigt haben. Dazu zählen unter anderem die Sicherung der Verfügbarkeit von und der Zugang zu starken Schmerzmitteln.

Außerdem sollte jede Palliativgesellschaft ihrer Regierung einen Lagebericht zur Palliativversorgung vorlegen, die Ausbildung von Ärzten und medizinischem Personal vorantreiben, Qualitätsstandards definieren und Anreize für die palliativmedizinische Forschung setzen, zum Beispiel über das Ausschreiben von Preisen.

Noch ist der Fortschritt in der Palliativversorgung eine Schnecke. Dänemark hat seit 2007 ein Forschungsnetzwerk geknüpft, Schweden hat eine Palliativ Care-Weiterbildung von bis zu 18 Stunden eingeführt. Die Niederlande haben in ihr Gesundheitswesen sogar eine Plattform Palliative Care eingezogen.

Allein für die Forschung haben sie in den vergangenen beiden Jahren sieben Millionen Euro ausgegeben. Spanien wiederum setzt auf private Finanzierungsmodelle. Die Banken sollen sich an der Ausstattung von 30 Palliative Care Teams beteiligen.

Was die Finanzkrise von diesen Plänen übrig gelasssen hat, ist ungewiss. Irland wiederum tut sich bei der Ausbildung hervor. Von den 47 000 im Gesundheitssystem Beschäftigten seien 12 500 palliativmedizinisch geschult, sagt Professor Philip Larkin vom Dubliner All-Island Institute of Hospice and Palliative Care.

Auch das Vorbild Großbritannien glänzt nicht makellos. Dort hat sich aber mehr getan als anderswo. Am weitesten fortgeschritten ist wohl die Vernetzung.

Dem Dachverband National Council for Palliative Care gehören 7000 Krankenhäuser, Organisationen sowie Ärzte und Rechtsanwälte an. Das macht es leichter, für den einzelnen Patienten eine integrierte Versorgung entlang von Behandlungspfaden zu organisieren.

"In der Akutversorgung Sterbender haben wir nur eine Gelegenheit, es richtig zu machen", sagt Professor John Ellershaw aus Liverpool. Deshalb sei es wichtig, die Versorgung in die normale Arbeit der Ärzte einzubinden und nicht als etwas Besonderes zu betrachten.

Auch für das Vereinigte Königreich gelte: Die palliativmedizinische Betreuung könne von Hausärzten geleistet werden und brauche nur an manchen Stellen Spezialisten.

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