Ärzte Zeitung online, 10.05.2011

Verweigert der Irak medizinische Hilfe?

Menschen sterben an Schusswunden, die keinesfalls tödlich sind, und erliegen Verletzungen, die behandelt werden könnten. Den Exil-Iranern im Camp Ashraf fehlt es nach dem Angriff der irakischen Armee an elementarer medizinischer Versorgung.

Von Angela Mißlbeck

Verweigert der Irak medizinische Hilfe?

Der Nationale Widerstandsrat Iran informiert bei einer Veranstaltung in Berlin über die Zustände im Camp Ashraf.

© NWRI

BERLIN. Schüsse fallen. Silhouetten im Wüstenstaub schlagen mit Stöcken immer wieder auf andere ein. Militärfahrzeuge überrollen scheinbar absichtlich hilflose Personen. So stellen sich die Ereignisse am 8. April in Camp Ashraf in einem Video dar, das der Verein deutsch-iranischer Mediziner zeigt.

Der Vereinsvorsitzende Dr. Mohammad Tasslimi spricht von einem Massaker der irakischen Armee auf Geheiß des Ministerpräsidenten Nuri Al Maleki und "auf Verlangen der iranischen Regierung".

Viele der 3400 Exil-Iraner in dem Camp 60 Kilometer nördlich von Bagdad gehören den Volksmudschaheddin (PMOI) an, einer oppositionellen Gruppierung, die im Iran verfolgt wird.

Dass Hilfe auch zwei Wochen später noch auf sich warten lässt, liegt nicht zuletzt daran, dass sie immer wieder unter Terrorismusverdacht gestellt werden, obwohl sie bereits vor Jahren von der schwarzen Liste der Europäischen Union gestrichen wurden.

Schwerverletzte werden unbehandelt zurückgebracht

35 Tote und knapp 350 Verletzte beklagen die Bewohner des Camps inzwischen. "Im Augenblick schweben 21 Schwerverletzte in Camp Ashraf in Lebensgefahr", sagt Tasslimi. Einige seien im Koma und in sehr kritischem Zustand und würden trotzdem unbehandelt aus dem nächstgelegenen Krankenhaus zurückgebracht.

"Viele der Toten sind wegen fehlender medizinischer Versorgung gestorben", so Tasslimi. Er berichtet von einem jungen Mann, der erst am 23. April an einer Sepsis nach einer Rückenverletzung gestorben ist. Einige Verletzte werden wegen der fehlenden Versorgung an bleibenden Schäden leiden, warnt der in Deutschland lebende Arzt.

Bereits am 10. April erlag die junge Saba einer Schusswunde am Oberschenkel. Die Hauptschlagader war getroffen. "Das Militär hat verhindert, dass sie in ein Krankenhaus nach Bagdad kommt", sagt ihre in Berlin lebende Mutter, die in Kontakt mit dem Vater in Camp Ashraf steht.

Als der Vater darauf hingewiesen habe, dass die Tochter ohne medizinische Hilfe sterben würde, habe das Militär geantwortet, dass das gewollt sei. Nur sieben Schwerverletzte sind nach Angaben des Nationalen Widerstandsrats Iran, einer Oppositionsbewegung von Exil-Iranern, in ein US-Krankenhaus gebracht worden.

Das Krankenhaus, das für das Camp zuständig ist, kann den Angaben zufolge nicht mehr arbeiten. "Seit zwei Jahren verhindert das Militär jegliche Einfuhr von Mitteln, die für Schwerverletzte benötigt werden", sagt Sabas Mutter. Es gebe auch keine Schmerzmittel.

Chefarzt Dr. Javad Ahmadi berichtet in einer Filmaufnahme, dass die meisten Verletzten in einem erbärmlichen Gesundheitszustand seien, weil dem Krankenhaus seit Anfang des Jahres der Zugang zu Medikamenten, Hilfsmitteln und Medizingeräten verweigert werde. Zudem dürften keine Spezialisten ins Camp einreisen um die Verwundeten zu versorgen.

Laut Tasslimi fehlen Sauerstoffflaschen und Paracetamol gleichermaßen. Mehr als 300 Menschen mit Schusswunden, Quetschwunden Schürf- und Platzwunden können nicht behandelt werden, weil ihnen der Zugang zu elementarer medizinischer Versorgung verbaut ist.

Tasslimi meint: "Das hat System." Er wirft dem irakischen Ministerpräsidenten Maleki Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die internationale Gemeinschaft vor - allesamt völkerrechtliche Straftaten.

In das Drama um Camp Ashraf hat sich auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International eingeschaltet. Sie forderte die irakischen Behörden auf, alle Aktionen zu unterbinden, die das Leben von Zivilpersonen im Camp gefährden.

Zudem haben 103 Mitglieder des Europarats in einer Erklärung darauf hingewiesen, dass die Bewohner von Ashraf geschützte Personen nach der vierten Genfer Konvention seien und unter anderem gefordert, dass die USA Verletzte unmittelbar in ihren Militärkrankenhäusern versorgen sollen.

Auch die Außenbeauftragte der Europäischen Union Catherine Ashton zeigte sich zutiefst irritiert über den Angriff auf das Camp und verwies darauf, dass die EU die irakische Regierung wiederholt aufgefordert habe, von Gewalt gegen die Bewohner des Camps abzusehen und ihre Menschenrechte zu achten.

Befremdliche Aussagen des Menschenrechtsbeauftragten

Irritationen hat indes die Reaktion des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung Markus Löning (FDP) ausgelöst. Er hatte in einer Erklärung die Führung des Lagers anstelle der irakischen Regierung unter anderem aufgefordert, allen Verletzten Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewähren.

Der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation 17. Juni 1953 Wolfgang Holzapfel wirft ihm deshalb "Zynismus, Böswilligkeit, Uninformiertheit" vor.

Der ehemalige Bundestagsabgeordnete der Linken Volker Schneider kritisiert, dass in der Debatte um das Camp immer wieder auf Argumente zurückgegriffen werde, die aus staatlichen Quellen des Iran stammen würden. "Das Terrorismus-Argument nervt", sagte Schneider.

Auch der libysche Staatschef Gaddafi bezeichne die Aufständischen in seinem Land als Terroristen. Zudem gehe es nicht darum, welche Gruppierung betroffen sei, sondern um den Sachverhalt an sich: "Es ist eine ganz üble Menschenrechtsverletzung und die übelste Form von Folter, dass man Verletzten medizinische Hilfe verweigert", so Schneider.

Camp Ashraf

Verweigert der Irak medizinische Hilfe?

Camp Ashraf im Irak besteht seit 1986 als Lager für Flüchtlinge aus dem Iran. Rund 3500 Angehörige der so genannten Volksmudschahedin leben dort. Die Bewegung wurde im Iran bereits vor 30 Jahren verboten. Sie stand zeitweise auf der Liste der terroristischen Organisationen, wurde aber von England und der Europäischen Union 2008 von dieser Liste wieder gestrichen.

Unter der Regierung des langjährigen Diktators Saddam Hussein genossen die Bewohner von Camp Ashraf den Schutz des exterritorialen Status. Die neue Regierung Iraks steht den Campbewohnern nicht mehr so freundlich gegenüber. Sie will, dass das Lager bis Jahresende 2011 geräumt wird. Zu ersten Auseinandersetzungen zwischen irakischen Sicherheitskräften und den Volksmudschahedin kam es bereits im Juli 2009 und nun erneut Anfang April dieses Jahres.

[05.06.2011, 18:35:22]
Azar Taheri 
Wer macht hier Propaganda??
Der Beitrag von Dr. Rastgoo zu Ihrem interessanten Artikel macht mich wirklich wütend! Nicht nur,weil hier die am aktivsten agierende Opposition gegen das menschenverachtende faschistische Mullah-Regime und damit die unzähligen Opfer dieser Diktatur schamlos verleumdet werden,sondern weil die wahre Propaganda von solchen Regime-freundlichen Leuten betrieben wird,die die MEK mit allen Mitteln diskreditieren wollen. Wenn unsachlich argumentiert wird, dann in diesem Kommentar von Herrn Rastgoo,der lieber Verleumdungspropaganda betreibt als die rechtswidrige Vorgehensweise der irakischen Kräfte einfach nur zu verurteilen. Welche Quellen liegen seinen Behauptungen eigentlich zugrunde? Dies klingt nach Hetze,die vom iranischen Regime seit Jahrzehnten betrieben wird,um jede Stimme für die Freiheit Irans im Inland wie im Ausland zu unterdrücken.
Es gibt keinerlei Rechtfertigung dafür,unbewaffnete Menschen auf so brutale Weise anzugreifen und 35 Tote und mehr als 300 Verletzte zu hinterlassen. Dass ein US-Ärzte-Team sich nach dem Angriff um einige Verletzte gekümmert hat,hat die MEK selbst bekannt gegeben. Das ändert nichts an der Tatsache,dass die Lieferungen von medizinischen Gütern und Medikamenten für die Ashraf-Bewohner sowie die Einreise von Ärzten,Journalisten und sogar Familienangehörigen seit einigen Jahren seitens der Al Maleki-Regierung blockiert werden! Die MEK-Mitglieder wollen sich selbst nicht als Opfer darstellen,sondern wehren sich lediglich gegen die Unterdrückungs- und Vernichtungsversuche des iranischen Regimes,dessen Einflussnahme auf die Politik Al Malekis unbestritten ist. Die MEK hat bereits mehrmals beteuert,dass sie bereit sind,Camp Ashraf zu verlassen,wenn ihr Schutz garantiert wird und sie als politische Oppositionsgruppe weiterhin aktiv sein können - egal wo. Es liegt nicht im Interesse der MEK-Führung,das wertvolle Leben ihrer Mitglieder zu opfern um irgendwelche Solidaritätsbekundungen zu erhalten. Sie sind allerdings nicht bereit,ihre internationalen Rechte mit Füßen treten zu lassen und sich dem Terror-Regime zu beugen.
Ich kenne die Anhänger und Mitglieder der MEK sehr gut und befasse mich mit deren politische Ansichten und Aktivitäten. Mein Vater und viele meiner Freunde leben in Camp Ashraf und ich weiß,wovon sie überzeugt sind und welche Werte sie vertreten. Wenn Herr Rastgoo von ihrer "Weltanschauung" spricht,was genau beinhaltet diese außer Demokratie,Trennung von Religion und Staat,die Wahrung der Menschenrechte und die Freiheit für das Volk? Dies war das erste Wort der MEK-Mitglieder vor vierzig Jahren und dies wird auch ihr letztes Wort sein...

Vielen Dank für Ihren Artikel zum Beitrag »
[05.06.2011, 18:04:44]
amir rafiei 
Amir Raf
Ich habe den obigen Artikel gelesen und muss sagen,das sehr gut die Situation in Camp Ashraf geschildert wird.
Ich bin Student und seit Jahren für die Iranische Opusition aktive.
Meine Schwester und Zwei Kousinen von mir sind in Camp Ashraf.
Die situation in Ashraf hat sich leider noch nicht gebessert,
am 29.05.11 ist ein weiterer Ashraf Bewohner gestorben weil es weiterhin keine Medizinische versorgung gibt.

Zum Kommentar von Ali A.Rastgou muss ich sagen das sollche Kommentare für ihn typisch sind. Er ist bei der Deutschen Polizei und Verfasungsschutz bekannt das er ein Agent des Iranischen Regims ist.
Mit solchen kommentaren versucht er die Iranische Opusition (MEK) schlecht zu machen.  zum Beitrag »
[24.05.2011, 23:34:57]
Denis Nößler 
Unreflektiert
Per E-Mail erreichte uns folgende Zuschrift von Dipl.-Ing. Ali A. Rastgou:

In diem Artikel „Verweigert der Irak medizinische Hilfe?“ werden die auf der Veranstaltung präsentierten Informationen unreflektiert als Wahrheit verkauft, obwohl sich einige davon mit einem minimalen Aufwand von Recherche als unwahr herausgestellt hätten.

In diesem Artikel wird behauptet, dass medizinische Hilfe „auch zwei Wochen später noch auf sich warten lässt…“.

Dies entspricht nicht der Wahrheit. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete bereits am 11.04.2011, dass ein Ärzteteam des US Militärs bereits am 10.04.2011 mit Erlaubnis der irakischen Regierung nach Camp Ashraf kam und sich um die Versorgung der Verletzten gekümmert hat.

Des Weiteren wird behauptet, der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Markus Löning, habe in seiner Presseerklärung vom 20.04.2011 „…die Führung des Lagers anstelle der irakischen Regierung … aufgefordert, allen Verletzten Zugang zu medizinischer Versorgung zu gewähren.“

Ein Blick in die Presseerklärung hätte genügt, um zu erkennen, dass auch dies eine Lüge ist. Herr Löning hat zunächst die irakische Regierung aufgefordert, den Verletzten unverzüglich medizinische Versorgung zu ermöglichen. Erst dann hat er sich an zweiter Stelle, an die Führung des Lagers Camp Ashraf gewandt.

Dies ist typisch für die Vorgehensweise der Volksmojahedin (MEK), in der Öffentlichkeit durch Unterschlagen wesentlicher Fakten ein Bild entstehen zu lassen, dass sie als Opfer darstellt und das ihnen möglichst viel Unterstützung und Solidaritätsbekundungen zukommen lässt.

Auch die „Umdeutung“ der Realität ist ein beliebtes Mittel der MEK, ihre Realität als Wahrheit zu verkaufen. So wurde mit keinem Wort erwähnt, dass der Grund für den Angriff des irakischen Militärs auf Camp Ashraf 2009 die Weigerung der MEK war, Cap Ashraf als irakisches Staatsgebiet anzuerkennen und die Einrichtung einer Polizeistation dort zu dulden. Dass dem militärischen Einschreiten Verhandlungen vorausgingen, die an der Weigerung der MEK scheiterten wird von der MEK stets verschwiegen.

Natürlich ist das alles keine Rechtfertigung für das unangemessene und äußerst brutale Vorgehen des irakischen Militärs und die unmenschliche Behandlung der Bewohner von Camp Ashraf. Jeder Appell an die irakische Regierung, die übertriebene Gewalt das Blutvergießen zu unterlassen unterstützt eine friedliche Lösung der Problematik. Jedoch sollte man bedenken, dass eine friedliche Lösung eine Kooperation zwischen allen Beteiligten voraussetzt und die öffentlichen Darstellungen der MEK sind nicht dazu geeignet, die Situation zu entschärfen.

Jede unreflektierte Verbreitung der MEK Propaganda dient am Ende nur dazu, die MEK in ihrer Weltanschauung zu festigen, den Eindruck zu erwecken, die westliche Welt stehe hinter ihnen und sie dadurch zu ermutigen, „ihr Camp Ashraf“ mit allen mitteln zu verteidigen.

Siehe auch: http://achtung-mojahedin.org/index.php?option=com_content&view=article&id=147:die-aerztezeitungde-als-sprachrohr-der-volksmojahedin&catid=1:aktuelle-nachrichten

Mit freundlichen Grüßen,
AAWA Association e.V.
Dipl. Ing. Ali A. Rastgou (1.Vorsitzender) zum Beitrag »
[11.05.2011, 09:18:05]
Dr. Elisabeth Tasslimi 
Folter durch Verhindern der medizinischen Versorgung
Mit großem Interesse und Anteilnahme habe ich den obigen Artikel gelesen und mich sehr gefreut, dass endlich über die Missstände im Camp Ashraf berichtet wird.
Seit vielen Jahren ist das Camp den Provokationen der irakischen Regierung ausgesetzt und viele Menschen mussten deshalb schon mit ihrem Leben bezahlen. Als Ärztin für Allgemeinmedizin bin ich besonders entsetzt über die Verhinderung der medizinischen Versorgung, wohl eine besondere Form der Folter und man kann nur hoffen, dass die Weltöffentlichkeit, insbesondere natürlich auch die deutsche Regierung angemessen darauf reagiert und entsprechend handelt.  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »