Ärzte Zeitung online, 02.08.2011

US-Spione wollten Hausärzte bespitzeln

Verdeckte Telefonkontrollen bei Hausärzten in den USA - was nach Science fiction klingt, hätte Wirklichkeit werden sollen. Die US-Regierung wollte sich so über das Versorgungsdefizit informieren. Doch das Vorhaben flog auf und bringt die Verantwortlichen in die Bredouille.

Von Claudia Pieper

US-Regierung wollte Hausärzte bespitzeln

Spitzelattacke auf die US-Hausärzte: Das U.S. Department of Health and Human Services hat die umstrittenen Pläne nun gekippt.

© Lisa F. Young / fotolia.com

WASHINGTON. Die US-Regierung macht sich Sorgen: Die Gesundheitsreform soll ab 2014 mehr als 30 Millionen zusätzliche Landsleute mit einer Krankenversicherung beglücken, doch schon jetzt fehlen in vielen Regionen Allgemeinmediziner.

Die gravierende Versorgungskrise führte zu einem umstrittenen Plan der Regierung, der jetzt allerdings zumindest bis auf Weiteres wieder vom Tisch ist.

Anrufer sollten sich als Patienten ausgeben

Eine Agentur sollte damit beauftragt werden, telefonisch Kontakt mit Hausärzten in mehreren Bundesstaaten aufzunehmen.

Der Haken an der Telefonaktion: Die von der Regierung beauftragten Anrufer sollten sich nicht als solche identifizieren, sondern vorgeben, potenzielle Patienten zu sein.

Jede Arztpraxis sollte zweimal angerufen werden

Unter dem Vorwand, einen Arzttermin zu brauchen, sollten die sogenannten Mystery Shoppers herausfinden, "ob die jeweilige Arztpraxis neue Patienten aufnimmt, ob es einen Unterschied macht, welche Versicherung die Anrufer angeben und wie lange die Wartezeiten bis zu einem Arzttermin sind, falls einer gewährt wird."

Das Konzept war bis ins letzte Detail entwickelt: Jede Arztpraxis sollte mindestens zweimal angerufen werden. Einer der Anrufer sollte angeben, privat versichert zu sein, ein anderer sollte sich als Mitglied eines öffentlichen Versicherungsprogramms ausgeben.

Wie ist der Umgang mit Medicaid-Empfängern?

Der Grund für den Doppelkontakt: Die Regierung will wissen, wie viele Allgemeinmediziner potenzielle Patienten mit öffentlicher Versicherung ablehnen, während sie Privatpatienten akzeptieren.

Es ist seit Langem bekannt, dass insbesondere Medicaid-Empfänger (Medicaid ist das öffentliche Versicherungsprogramm für Behinderte und Niedrigverdiener) finanziell unattraktive Patienten sind, weil die von Medicaid bezahlten Gebühren in der Regel weit unter dem liegen, was andere Versicherungen vergüten.

Im Rahmen der Gesundheitsreform sollen Millionen Amerikaner zusätzlich in das Medicaid-Programm aufgenommen werden. Ihre qualifizierte Versorgung steht infrage, wenn diese Patienten bereits heute abgelehnt werden.

"Lieber helfen statt ausspionieren"

Laut "New York Times" war die Ärzteschaft erwartungsgemäß keineswegs angetan, von "Geheimagenten" der Regierung "bespitzelt" zu werden.

Ein Hausarzt aus Olympia im Bundesstaat Washington sagte der Tageszeitung: "Wenn sich die Regierung so um den Zugang zur Versorgung sorgt, soll sie uns lieber helfen statt uns auszuspionieren."

Ein Arzt aus Texas betonte: "Ist das eine gute Verwendung unseres Steuergelds? Wahrscheinlich nicht. Jeder, der ein Hirn besitzt, weiß, dass wir nicht genug Ärzte haben."

Neue Konzepte angedacht

Regierungsvertreter haben die geplante Studie zunächst verteidigt, sich dann aber offenbar großem öffentlichem Druck gebeugt.

Jetzt sind neue Konzepte gegen den drohenden Ärztemangel angedacht. Dazu gehört etwa die Strategie, dem Ärztenachwuchs die Tätigkeit als Primärarzt gezielt schmackhaft zu machen.

[03.08.2011, 13:11:30]
Uwe Schneider 
Bild oder Ärzte Zeitung?
Wenn man die arg reißerische Überschrift und den fetten "Appetizer"-Text liest, denkt man an das heimliche Abhören der Telefongespräche von Ärzten mit (echten) Patienten. Davon waren die Pläne der US-Administration weit entfernt. Man könnte meinen, man lese die Bild und nicht die Ärzte Zeitung. Zu Herrn Dr. Schätzler: Bevor ich ein Defizit bekämpfe, muss ich es doch erst erkennen und möglichst auch quantifizieren. Von daher kann ich die Aufregung nicht ganz verstehen. zum Beitrag »
[02.08.2011, 15:45:28]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
USA bei Hausärzten auf "Magical Mystery Tour"?
Wie sich die Probleme gleichen: In den USA "Mystery Shoppers", die das Terminverhalten der Hausärztinnen und Hausärzte ausspionieren sollen, statt den Hausärztemangel zu therapieren.

In Deutschland hatte der BKK Bundesverband, finanziert mit GKV-Beiträgen, 6000 Bürger in 2010 retrospektiv am Telefon nach ihren g e f ü h l t e n Erfahrungen mit Wartezeiten befragen lassen. Gegenüber einer ähnlich dilettantischen Befragung 2008 ergaben sich keine praktisch relevanten Veränderungen: O h n e akute Beschwerden Wartezeit 25 Tage (2008: 26 Tage). Im Wartezimmer dann 27 Minuten (2008: 28). Bei PKV-Versicherten im Wartezimmer 21 Minuten (22). Bei Hausärzten im Mittel 27 Minuten (30). Einzig verlängert hat sich für privat Versicherte das Warten auf einen Termin ohne Beschwerden auf 17 Tage (2008: 12 Tage). Zwischen Notfall, akuter Dringlichkeit, chronischen Erkrankungen, Befindlichkeitsstörungen, Kontroll- und Vorsorgeterminen wurde nicht unterschieden. Daran hätten sich die Befragten am Telefon ex post auch kaum noch erinnern können. Dass Hausärzte i. d. R. taggleich bei Akutbeschwerden intervenieren, war natürlich keine Erwähnung wert.

Garniert wurde das Ganze vom GKV-Spitzenverband der Krankenkassen: Der hatte mit dem fragwürdigen Gutachten der Schweizerischen PROGNOS-AG die bundesweit angeblich notwendige S t r e i c h u n g von 12.000 (Fach-)Arztsitzen empfohlen. Das kommt schon Tea-Party-Fanatikern bedenklich nahe.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM (z. Zt. Bergen aan Zee
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