Ärzte Zeitung online, 02.08.2011

Britische Kliniken: Warten, bis der Tod kommt

Dem britischen Gesundheitswesen steht vor einer Kraftprobe: 22 Milliarden Euro sollen in den nächsten Jahren gespart werden. Doch schon jetzt ist das System desolat. Ein Studie zeigt: Kliniken zögern absichtlich Eingriffe hinaus - mit teils tödlichen Konsequenzen.

Britische Kliniken: Warten bis der Tod kommt

St. Thomas, eine der größten Kliniken Londons: Ein neuer Bericht wirft den öffentlichen Kliniken bewusst verlängerte Wartezeiten bei elektiven Eingriffen vor.

© Lindenthaler / imago

LONDON (ast). Immer mehr staatliche Kliniken in Großbritannien verzögern offenbar ganz bewusst Operationen, damit Patienten entweder sterben, bevor sie operiert werden können, oder sich für eine privat bezahlte Operation entscheiden. Ärzte- und Patientenverbände kritisieren dieses Vorgehen heftig.

"Wir kennen dutzende Patienten, die so lange auf eine Operation haben warten müssen, dass sie aus lauter Verzweiflung und oftmals unter starken Schmerzen stehend eine Privatklinik aufsuchen", sagte eine Sprecherin des britischen Patientenverbandes (Patient Association, PA) der "Ärzte Zeitung" in London.

Und: "Einige Patienten sterben, bevor sie operiert werden. Das ist völlig inakzeptabel!"

Wartelisten im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) sind nichts neues. Neu ist freilich, dass der stationäre Sektor offenbar bewusst für Versorgungsengpässe sorgt, um so Geld einzusparen.

Kliniken wehren sich gegen die Vorwürfe

Laut einer Studie der Organisation Co-operation and Competition Panel (CCP) stünden zwar die Operationssäle und Chirurgen und Fachärzte zur Verfügung. Dennoch werde bewusst weniger operiert in der Hoffnung, so Geld einzusparen.

Laut CCP eine Milchmädchenrechnung, denn: Oftmals führe eine verzögerte Therapie dazu, dass später noch höhere Behandlungskosten anfielen.

Laut einer Blitzumfrage der "Ärzte Zeitung" in Londoner NHS-Kliniken bestreiten die Kliniken, Operationen bewusst zu verzögern. "Davon ist uns nichts bekannt", sagte ein Sprecher des großen Londoner Krankenhauses St. Thomas.

Freilich: NHS-Hausärzte berichten, dass es zum Beispiel bei Hüftgelenksoperationen, bei Operationen des Grauen Stars und bei anderen Eingriffen, die nicht lebensnotwendig sind, offenbar regelmäßig zu wochen- oder gar monatelangen Verzögerungen kommt.

Drei Monate Wartezeit trotz Schmerzen

Die "Ärzte Zeitung" sprach mit einem 51-jährigen Patienten aus London. Er musste als Folge einer Bursitis im Kniegelenk trotz Schmerzen mehr als drei Monate auf einen NHS-Termin warten. Der Patient entschied sich, privat für seine Therapie zu bezahlen. Doch offenbar ist dies kein Einzelfall.

Großbritannien steckt in einer tiefen Finanzkrise. Der NHS muss in den kommenden vier Jahren umgerechnet mehr als 22 Milliarden Euro einsparen.

Zwar besagen die gesetzlichen Vorschriften, dass Patienten beispielsweise bei Knie- oder Hüftgelenksoperationen "spätestens 18 Wochen nach der Überweisung durch ihren Hausarzt im Krankenhaus behandelt" werden müssen.

Viele NHS-Kliniken nutzen laut CCP diese Frist aber bewusst aus, obwohl eine schnellere Behandlung durchaus möglich sei.

Patientenorganisationen sprechen von "Zynismus" und werfen den Kliniken vor, Patienten bewusst leiden zu lassen. Der britische Ärztebund (British Medical Association, BMA) bezeichnete die Situation als "besorgniserregend".

Gesundheitsminister Andrew Lansley nahm die CCP-Studie zum Anlass, um seine geplanten NHS-Reformen zu rechtfertigen.

Britische Medien berichten seit Tagen mit Schlagzeilen wie "Patienten berichten über Schmerzen und Gerangel um NHS-Warteplätze" (Times) und "NHS-Chefs verzögern Operationen bis sie sterben oder privat bezahlen" (Daily Telegraph) über die Krise.

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