Ärzte Zeitung online, 12.12.2011

Giftspritze adé: Europa sperrt Barbiturate weg

Die USA in der Isolation: Aus Protest gegen die Todesstrafe weigern sich immer mehr Länder, ein wichtiges Arzneimittel für die Giftspritze zu liefern. Jetzt reagiert auch die EU.

Europa sperrt Barbiturate weg

Todeszelle in Texas: Den USA geht die Giftspritze aus.

© dpa

BRÜSSEL (nös). Es wird eng für die USA: Auf der Suche nach einem wichtigen Bestandteil für die Giftspritze muss das Land künftig einen Bogen um Europa machen.

Denn schon ab Freitag soll in der gesamten EU ein Exportbann für Barbiturate gelten. Die Ausfuhr wäre dann nur noch mit einer Sondergenehmigung möglich.

Entsprechende Pläne bestätigte das Bundesamt für Ausfuhrkontrolle (BAFA) am Montag der "Ärzte Zeitung". Zunächst berichtete die "Süddeutsche Zeitung" von den Plänen.

Demnach soll das Ausfuhrverbot bereits ab Freitag gelten. Eine entsprechende Verordnung solle dann im Amtsblatt der EU veröffentlicht werden. Laut BAFA laufen derzeit aber noch die Beratungen.

Geplant ist eine Änderung der "Anti-Folter-Verordnung" 1236/2005. Eine Bestätigung aus dem Wirtschaftsministerium war bis zum Abend nicht zu erhalten.

Schleichender Rückzug

Dennoch kommt der Exportstopp nicht überraschend. Bereits im Herbst des vergangenen Jahres hatte der einzige US-Hersteller von Thiopental-Natrium die Produktion des Mittels aus Protest gegen die Todesstrafe eingestellt.

Der Rückzug begann schleichend. Zunächst meldete Hospira aus Illinois einen Lieferengpass an die Zulassungsbehörde FDA. Das Unternehmen hatte Schwierigkeiten, einen wichtigen Grundstoff für die Synthese des Stoffs zu erhalten.

Kurz darauf schlug Hospira vor, die Produktion des Präparates Pentothal® nach Italien zu verlagern. Die italienischen Behörden schoben den Plänen einen Riegel vor: Sie forderten eine Unbedenklichkeitserklärung.

Mit ihr sollte Hospira versichern, dass das Produkt nicht für Hinrichtungen eingesetzt wird. Diese Erklärung konnte und wollte das Unternehmen nicht abgeben. Die Pläne scheiterten.

Exportstopp in Großbritannien

Seitdem sind die USA auf der Suche nach anderen Lieferanten. Da die Staaten ähnlich föderal organisiert sind wie Deutschland, ist die Bestellung der Komponenten für die Giftspritze "Ländersache."

Bereits im Oktober 2010 fanden die staatlichen Einkäufer in Arizona im Westen der britischen Hauptstadt London einen Händler, der Thiopental-Natrium liefern konnte. Dream Pharma lieferte und erweckte prompt die Aufmerksamkeit der Behörden.

Im November untersagte das britische Wirtschaftsministerium den Export der Präparats. Auch der US-Bundesstaat Arizona sieht sich mit Ermittlungen und Klagen konfrontiert: Der Import verstieß gegen Bundesrecht.

Ähnliche Exporte aus Großbritannien etwa nach Kalifornien, Georgia oder Tennessee riefen sogar die staatliche Anti-Drogen-Behörde auf den Plan. Sie beschlagnahmte das importierte Thiopental kurzerhand und zerstörte es.

Die Begründung: Die Bundesstaaten sollen mit dem Import gegen die einschlägigen Bestimmungen zur Einfuhr von Betäubungsmitteln verstoßen haben.

Anfrage abgelehnt

Anfang diesen Jahres hatten die USA über ihren Wirtschaftsminister Gary Locke beim damaligen deutschen Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) anfragen lassen, ob nicht Deutschland Thiopental liefern könne.

Hierzulande produzieren drei Hersteller Thiopental-Natrium. Rösler erteilte der US-Anfrage eine Abfuhr und rief den Pharmagroßhandel vorsorglich auf, möglichen Bestellungen aus den USA nicht nachzukommen.

Rösler, ab Mai selbst Wirtschaftsminister, war nun auch einer der großen Verfechter für den jetzt getroffenen Exportbann auf EU-Ebene. Zunächst soll er damit auf Widerstand seiner EU-Amtskollegen gestoßen sein. Am Ende soll aber die Mehrheit der Mitgliedsstaaten für die Änderung der Verordnung gestimmt haben.

Dass nur ein europaweiter Bann den Export verhindert beweist das Vorgehen der USA. Nachdem sie bei Rösler Anfang des Jahres abgeblitzt waren, versuchten sie es in Dänemark.

Protestbrief von rund 60 Ärzten

Einige US-Bundesstaaten waren zwischenzeitlich auf das mittellang wirksame Barbiturat Pentobarbital umgestiegen. Der einzige Hersteller in den USA ist das dänische Unternehmen Lundbeck.

Als bekannt wurde, dass Texas, Ohio, Arizona und Oklahoma das Präparat Nembutal® für die Giftspritze einsetzen, geriet der Hersteller massiv unter Druck. Gut 60 Ärzte forderten das Unternehmen in einem hochrangig im "Lancet" publizierten Leserbrief auf, das Präparat vom Markt zu nehmen.

Lundbeck wiederum verwies auf den wichtigen medizinischen Einsatzzweck. Das Mittel wird unter anderem zur Behandlung des Status epilepticus eingesetzt. Klinikärzte betonten, dass das Arzneimittel in jedem Fall auf dem Markt bleiben muss.

Lundbeck fand Anfang Juli schließlich die Lösung über ein spezielles Lieferprogramm. Seitdem müssen alle Einkäufer schriftlich bestätigen, dass Nembutal® nur zu medizinischen Zwecken eingesetzt werden.

Grausame Hinrichtung

Den USA drohte abermals eine Barbiturat-Quelle zu versiegen. Immerhin kommt bei den meisten der fast 50 Hinrichtungen pro Jahr die Giftspritze zum Einsatz.

Die Prozeduren sind in den Bundesstaaten streng vorgeschrieben: Zunächst wird der Delinquent mit rund fünf Gramm Thiopental bzw. Pentobarbital sediert. Kurz darauf strömt Pancuroniumbromid in seine Venen, das vor allem das Zwerchfell lähmen soll. Im letzten Schritt wird Kaliumchlorid verabreicht, das durch eine Depolarisation zum Herzstillstand führt.

Kritiker beklagen seit jeher, dass die Giftspritze eine grausame Hinrichtungsmethode ist. Bekannt sind Fälle von stark drogenabhängigen Todeskandidaten, bei denen das Barbiturat wegen des Gewöhnungseffektes nicht zur gewünschten Sedierung führt.

Dadurch könnten sie womöglich das Ersticken durch Pancuronium und die schmerzhafte Injektion des Kaliumchlorids miterleben. Auch fehlerhafte gelegte Zugänge könnten ähnliche Probleme hervorrufen.

Einzeldosis Pentobarbital zur Hinrichtung

Wegen des Barbiturat-Mangels werden die 35 US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe vollstreckt wird, offenbar erfinderisch. Der Einsatz von Pentobarital ist ein Beispiel.

Damit das Mittel überhaupt eingesetzt werden kann, müssen die entsprechenden Gesetze in den einzelnen Bundesstaaten geändert werden. Einige Staaten haben dies bereits getan. In Ohio wurde im Frühjahr ein Todeskandidat sogar ausschließlich mit Pentobarbital hingerichtet.

Doch die Änderung der Protokolle birgt für die Staaten enormen Sprengstoff, denn bislang gibt es kaum Erfahrungen mit neuen Hinrichtungsprozeduren. Kritiker beklagen, dass nicht nachgewiesen ist, wie Pentobarbital bei der letalen Injektion wirkt.

Ein prominentes Beispiel aus dem Sommer befeuert die Kritik und hat bereits für den Aufschub einer Hinrichtung in Florida gesorgt.

"Nicht geeignet"

Zu einem tragischen Zwischenfall kam es bei der Hinrichtung von Roy Blankenship im Juniu in Georgia - er wurde für den Mord an einer Frau zum Tode verurteilt.

Der Anästhesist Professor David Waisel von der Harvard Medical School hat die Hinrichtung auf Bitten von Blankenships Anwalt hin untersucht. Nach seinem Bericht hatte Blankenship mindestens vier Minuten mit dem Tod gekämpft, bis er bewusstlos wurde.

Seine Augen sollen die ganze Zeit über geöffnet gewesen sein, er soll seinen Kopf hin und her geworfen und gekeucht haben. Waisels Resümee: "Das Präparat ist nicht geeignet. Pentobarbital wirkt nicht so, wie der Staat angibt, dass es wirken sollte."

Trotz der Negativberichte versuchen die USA weiter auf dem Weltmarkt Barbiturate für die Giftspritze zu kaufen. Jüngstes Beispiel ist das Land der Generikahersteller: Indien.

Dort fand sich ein williger Geschäftsmann namens Harris, der die gewünschten Barbiturate zunächst nach South Dakota und Nebraska lieferte.

Eine weitere Lieferung wurde kurz zuvor gestoppt. Die Arzneien hatte er von verschiedenen Herstellern eingekauft. Als die von dem Geschäft Wind bekamen, brachen sie die Verbindungen zu Harris ab.

Mittlerweile soll er aus dem afrikanischen Sambia versuchen, indische Barbiturate an die USA weiterzuverkaufen.

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