Ärzte Zeitung online, 19.12.2011

Brüssel will das Pflege-Abi

EU-Pläne mit weitreichenden Folgen: Krankenschwestern, Pfleger und Hebammen sollen künftig mindestens Abitur haben. Deutsche Politiker sind entsetzt und warnen vor einem Pflegekollaps. Auch für Ärzte hält die EU-Kommission Neuregelung parat.

Brüssel will das Pflege-Abi

Barnier: Anerkennung von Berufsqualifikationen erleichtern.

© Christophe Karaba / epa / dpa

BRÜSSEL (nös). Wer künftig Krankenschwester, Pfleger oder Hebamme werden will, soll nach dem Willen der EU-Kommission künftig mindestens Abitur vorweisen müssen.

Das sieht der Reformvorschlag für die Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen vor, den EU-Wirtschaftskommissar Michael Barnier am Montag in Brüssel vorgestellt hat.

Mit der der Neuregelung will die Kommission die EU-weite Mobilität von Berufstätigen erleichtern. Hintergrund für den Kommissionsvorschlag sind Evaluationsergebnisse der bestehenden Anerkennungsrichtlinie 2005/36/EG.

Nach Angaben der Kommission zeichnet sich in den meisten EU-Mitgliedsstaaten eine wachsende Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften ab. Grund dafür sei der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter.

Auf diesen sich abzeichnenden Mangel will die Kommission mit "mobilen und gut ausgebildeten" Fachkräften reagieren. Dafür müsste aber sichergestellt werden, dass die Qualifikationen EU-weit einfach anerkannt werden, hieß es.

Anforderungen gelten bereits in 24 Staaten

Gerade bei Pflegeberufen und Hebammen habe es in den vergangenen Jahren eine deutliche Harmonisierung gegeben. Mindestanforderung ist in vielen EU-Staaten ein Schulabschluss nach 12 Jahren.

Nur in Deutschland, Österreich und Luxemburg müsste dem Richtlinienvorschlag zufolge die Mindestqualifikation hochgeschraubt werden.

Kritik an den Plänen kam von Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). "Dieser Vorschlag wird den Fachkräftemangel verstärken", sagte er am Montag in Wiesbaden. Deutschland habe mit der zehnjährigen Schulbildung als Zugangsvoraussetzung gute Erfahrungen gemacht, so Grüttner.

Er forderte: "Ein mittlerer Bildungsabschluss muss auch weiterhin den Zugang zu pflegerischen Berufen und zur Hebammenausbildung eröffnen." Zuvor hatte sich Grüttner bereits in einem Brief an EU-Kommissar Barnier gewandt.

Neuregelungen auch für Ärzte

Bereits im Vorfeld war Kritik an den Plänen aus Deutschland laut geworden. Der CSU-Gesundheitsexperte Johannes Singhammer hatte jüngst vor einer Verschärfung beim Fachkräftemangel in der Pflege gewarnt.

Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU) forderte, Realschülern den Zugang zur Pflege nicht zu versperren. "Wir wollen junge Menschen gewinnen, die Herzblut für einen helfenden Beruf zeigen", sagte sie.

Der Kommissionsvorschlag sieht zudem vor, dass Facharztausbildungen künftig EU-weit anerkannt werden, wenn Ärzte eine weitere Facharztausbildung absolvieren wollen. Teilgebiete der Weiterbildung, die bereits erlernt wurden, sollen dann kein zweites Mal erlernt werden müssen.

Die EU-Kommission will darüber hinaus die regionalen Zulassungsstellen etwa für die ärztliche Approbation verpflichten, Zulassungsentzüge zentral zu melden. Damit soll vermieden werden, dass etwa Ärzte nach dem Entzug ihrer Approbation sich in einem an deren EU-Staat niederlassen.

Außerdem sollen die EU-Staaten künftig die Berufsqualifikationen abgleichen. Dazu soll eine zentrale Stelle geschaffen werden, an die sich Berufstätige bei der Anerkennung wenden können.

Damit die Richtlinie geändert werden kann, müssen der EU-Ministerrat und das Europaparlament zustimmen.

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