Ärzte Zeitung online, 27.12.2011

Großbritannien: Insel der Rationierung

Ellenlange Wartezeiten, verärgerte Patienten, Widersprüche, die immer größer werden: Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise geht auch am britischen Gesundheitswesen nicht spurlos vorbei. Teil 1 unseres Blicks über den Tellerrand.

Von Arndt Striegler

Rationierung - Alltag im britischen Gesundheitswesen

Ein paar Pfund für die Gesundheit: Die Krise drückt auf das britische Gesundheitswesen.

© imagebroker / imago

LONDON. Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise geht auch am britischen Gesundheitswesen nicht spurlos vorbei. Zwar beteuern Gesundheitspolitiker, allen voran Gesundheitsminister Andrew Lansley immer wieder, dass der Gesundheitsetat auch in diesen wirtschaftlich schweren Zeiten "vor Kürzungen geschützt" sei.

Die Realität in den Praxen und Kliniken sieht freilich vielerorts anders aus.

Stichwort Wartelisten im stationären Sektor. Die Geldknappheit in den öffentlichen Haushalten Großbritanniens lassen die Wartelisten in den staatlichen Krankenhäusern seit Monaten wachsen.

Wie aus aktuellen Zahlen des Gesundheitsministeriums hervor geht, wartet heute jeder sechste Klinikpatient länger als 18 Wochen auf eine Operation. Tendenz weiter steigend.

Damit hat sich die Zahl jener Krankenhauspatienten, die länger als 18 Wochen auf eine Operation im staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) warten müssen, binnen zwei Jahren verdoppelt.

Experten sehen eine Kausalität zur Wirtschaftskrise und den damit verbundenen Kürzungen des Gesundheitsetats.

Weniger Geld in den Kliniken

"NHS-Kliniken haben weniger Geld und kürzen die Leistungen", so ein Sprecher der Organisation Kings Fund. Der Kings Fund ist eine regierungsunabhängige Expertengruppe, die kürzlich die Versorgungssituation im stationären Sektor genauer unter die Lupe nahm.

Laut aktuellen Umfragen bei britischen Klinikmanagern rechnen die meisten NHS-Klinikverwaltungen für das kommende Jahr eher noch mit einer weiteren Verschlechterung der Versorgungslage.

Bettenkürzungen sowie gestrichene Operationen stünden als Folge der Kürzungen im Gesundheitsetat auf dem Plan.

Großbritannien hat seit 1948 ein staatliches Gesundheitswesen. Der NHS finanziert sich zu mehr als 90 Prozent aus allgemeinen Steuermitteln.

Anspruchsberechtigte Patienten bezahlen nichts für ihren Arztbesuch oder für ihre Operation, da sie über die staatliche Krankenversicherung (National Insurance, NI) abgesichert sind.

Der NHS basiert auf dem Primärarztsystem. Der Zugang zu Krankenhäusern beziehungsweise zu den Fachärzten erfolgt stets über den Hausarzt. Die Fachärzte arbeiten in der Regel an den Kliniken und nicht in freier Praxis.

22 Milliarden Euro Einsparung

Immer wieder sorgen gerade in jüngster Zeit Hiobsbotschaften bei Ärzten und Patienten für Aufregung, wonach das Londoner Gesundheitsministerium in den kommenden Jahren angeblich umgerechnet mehr als 22 Milliarden Euro in den Kliniken und Praxen einsparen will.

Diese Zahl wurde bislang von Gesundheitsminister Lansley zwar nicht bestätigt. Der Minister vermied es aber, neue Sparmaßnahmen in Milliardenhöhe zu dementieren.

Der größte und politisch einflußreichste britische Ärzteverband (British Medical Association, BMA) bezeichnete die Hiobsbotschaften als sehr alarmierend.

Laut BMA leiden schon heute hunderte Primärartpraxen und Kliniken des staatlichen Gesundheitsdienstes unter der Rotstift-Politik der Regierung Cameron.

"Wenn jetzt noch weitere Milliarden eingespart werden sollen, dann gefährdet das die flächendeckende Gesundheitsversorgung", so ein BMA-Sprecher in London.

IvF nicht mehr auf Staatskosten

Ferner sollen Hüftgelenksoperationen, Kataraktchirurgie, Tonsillektomien und andere als nicht dringend eingestufte Operationen rationiert werden.

Selektive Operationen bei adipösen Patienten sollen nur noch dann ausgeführt werden, wenn diese Patienten zuvor abnehmen.

Laut Bericht sollen außerdem In-vitro-Fertilisationsbehandlungen (IvF) nicht länger auf Staatskosten angeboten werden und die Verödung von Krampfadern nur noch dann, "wenn der Patient ständig unter Schmerzen" leide.

All das sind Zeichen, dass die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise am britischen Gesundheitswesen nicht spurlos vorrüber geht.

Laut neuen Umfragen in staatlichen Hausarztpraxen und Krankenhäusern sind inzwischen zwei von drei Gesundheitsverwaltungen dazu übergegangen, Operationen und Therapien für "nicht dringende" Krankheiten und Leiden zu rationieren.

Rationierung ist Alltag

Jede dritte Gesundheitsverwaltung gibt mehr oder weniger offen zu, im vergangenen die Roten Listen verlängert zu haben, auf denen steht, welche Behandlungen nicht länger auf Staatskosten erhältlich sind.

Konkret: Immer mehr Praxen und Kliniken in Großbritannien rationieren Versorgungsangebote, weil ihnen das Geld fehlt. Patienten bleibt nichts anderes übrig, als sich privat therapieren zu lassen.

Das kuriose an der Situation ist, dass das Gesundheitsministerium darauf pocht, Gesundheitsetats seien von den allgemeinen Kürzungen im öffentlichen Sektor weitgehend ausgenommen.

Während es zum Teil deutliche Rotstiftaktionen im Bildungs-, Sozial- und Verkehrswesen gibt, soll der NHS laut Gesundheitsminister Lansley verschont bleiben.

Sieht man freilich genauer hin, dann ist klar, dass zwar die Grundversorgung im NHS von allzu eifrigen Budgetkürzungen ausgeklammert werden, nicht aber andere Bereiche wie die Klinikverwaltungen, Kapitalinvestitionen und allgemeine NHS-Bürokratie.

100.000 Stellen weniger

Insgesamt sollen bis 2015 in Großbritannien rund 490.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes ihren Job verlieren. Gesundheitspolitische Beobachter gehen davon aus, daß bis zu 100.000 Stellen in der NHS-Verwaltung wegrationalisiert werden könnten.

Derzeit gibt Großbritannien rund 110 Milliarden Pfund (rund 132 Milliarden Euro) für seine Gesundheitsversorgung aus. Ein Sprecher des Gesundheitsministerums sagte in London, das NHS-Budget werde in den kommenden vier Jahren "jährlich um 0,4 Prozent steigen".

Inflationsbereinigt käme das einer Senkung von zwischen vier und 4,5 Prozent jährlich gleich. Investitionen etwa in neue NHS-Gebäude werden bis 2015 laut Ministerium um 17 Prozent jährlich gekürzt.

Und: "Effizienteres wirtschaften im NHS wird bis 2015 rund 20 Milliarden Pfund (rund 24 Milliarden Euro) des Gesundheitsetats einsparen", so das Ministerium.

Seit Mitte der 90iger Jahre stiegen die Gesundheitsausgaben in Großbritannien deutlich stärker als in vergleichbaren anderen westeuropäischen Ländern.

Die Labour-Regierungen unter Tony Blair und später unter Gordon Brown pumpten Milliardenbeträge in den maroden NHS, da es einen großen Nachholbedarf gab.

Operationen verzögert

Gerade in jüngster Zeit freilich berichten die britischen Medien zusehends häufiger über Versorgungsengpässe sowohl im primärärztlichen als auch im stationären Sektor.

Immer mehr staatliche Kliniken in Großbritannien verzögern offenbar ganz bewußt Operationen, damit Patienten entweder sterben, bevor sie operiert werden können, oder sich für eine privat bezahlte Operation entscheiden. Ärzte- und Patientenverbände kritisieren das heftig.

"Wir kennen dutzende Patienten, die solange auf eine Operation haben warten müssen, dass sie aus lauter Verzweifelung und oftmals unter starken Schmerzen stehend eine Privatklinik aufsuchen", sagte eine Sprecherin des britischen Patientenverbandes (Patient Association, PA) der "Ärzte Zeitung" in London.

Und: "Einige Patienten sterben, bevor sie operiert werden. Das ist völlig unakzeptabel!"

Wartelisten im NHS sind nichts neues. Neu ist freilich, dass der stationäre Sektor offenbar bewußt für Versorgungsengpässe sorgt, um so Geld einzusparen.

Laut einer neuen Studie der Organisation Co-operation and Competition Panel (CCP) stünden zwar die Operationssäle und Chirurgen und Fachärzte zur Verfügung. Dennoch werde bewußt weniger operiert in der Hoffnung, so Geld einzusparen.

Laut CCP eine Milchmädchenrechnung denn: oftmals führe eine verzögerte Therapie dazu, dass später noch höhere Behandlungskosten anfielen. Die Kliniken bestreiten die Vorwürfe.

Drei Monate Wartezeit

Freilich: NHS-Hausärzte berichten, dass es zum Beispiel bei Hüftgelenksoperationen, bei Operationen des Grauen Stars und bei anderen Eingriffen, die nicht lebensnotwendig sind, offenbar regelmäßig zu wochen-oder monatelangen Verzögerungen kommt.

Die "Ärzte Zeitung" sprach mit einem 51-jährigen Patienten aus London, der als Folge einer Bursitis im Kniegelenk trotz Schmerzen mehr als drei Monate auf einen NHS-Termin warten mußte. Der Patient entschied sich, privat für seine Therapie zu bezahlen. Das ist offenbar kein Einzelfall.

Die gesetzlichen Vorschriften besagen zwar, dass Patienten beispielsweise bei Knie- oder Hüftgelenksoperationen spätestens 18 Wochen nach der Überweisung durch ihren Hausarzt im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Viele NHS-Kliniken nutzen laut CCP diese Frist bewußt aus, obwohl eine schnellere Behandlung durchaus möglich wäre.

Gleichzeitig steigt das Interesse an privaten Krankenversicherungsangeboten. Patienten, die es sich finanziell leisten können, lassen sich privat behandeln, um so die Wartelisten zu umgehen. Jeder zehnte Patient im Königreich verfügt heute über privaten Krankenversicherungsschutz.

Sparen bei Arzneien

Auch bei den Arzneimitteln ist ein Trend zum Sparen zu beobachten, stellen Beobachter fest.

So ristriktiert die Evaluierungsbehörde National Institute of Clinical Excellence (NICE) den Marktzugang neuer und innovativer Arzneimittel.

Sollten die NICE-Gutachter der Meinung sein, ein neues Arzneimittel sei "zu teuer" oder bringe nur beschränkten therapeutischen Nutzen, so darf es nicht von NHS-Ärzten verordnet werden.

Das sorgt die Arzneimittelhersteller. "Wir beobachten das mit großer Sorge", sagte ein Sprecher des britischen Pharmaverbandes (Association of British Pharmaceutical Industry, ABPI) der "Ärzte Zeitung".

[06.01.2012, 17:25:41]
Prof. Dr. Volker von Loewenich 
Insel der Rationierung
Mir wurde aus verlässlicher Quelle folgender Fall berichtet:
Ein Londoner hatte heftige Ohrenschmerzen: Termin beim NHS in drei Wochen. Hinweis auf unerträgliche Beschwerden half nicht. In seiner Verzweiflung erinnerte sich der Betroffene einer befreundeten Tierärztin. Diese stellte mittels ihres Katzen-Otoskops die Diagnose einer akuten Otitis media, verschrieb ein Antibiotikum auf Privatrezept, und dem Mann war geholfen.
Hinweis für UK-Reisende: im Notfall an Tierärzte wenden.
PS: unsere frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte uns den NHS als Vorbild hingestellt.
Prof. Dr.med. Volker v. Loewenich, Frankfurt a.M. zum Beitrag »

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