Ärzte Zeitung online, 23.12.2011

Silikon-Brüste in Frankreich - alles muss raus

Minderwertige Brustimplantate sorgen weiter für Schlagzeilen: Der französische Gesundheitsminister ordnet einen "Rückruf" an - und empfiehlt die Explantation. Auch in Deutschland wird gewarnt - allerdings vor Panik. Nach dem Chef des Herstellers wird derweil gefahndet.

Behörden warnen vor Silikon-Brüsten

PIP-Implantat: Keine pauschale Empfehlung zur Explantation.

© dpa

PARIS/BONN/BERLIN (nös/mal). Das französische Gesundheitsministerium hat eine beispiellose Rückrufaktion von Brustimplantaten der Hersteller Poly Implant Prothèse (PIP) und Rofil Medical Nederland gestartet.

Frauen, die sich die Silikonimplantate implantiert haben lassen, sollten ihren Arzt aufsuchen, teilte Gesundheitsminister Xavier Bertrand am Freitag in Paris mit.

Auch ohne medizinische Notwendigkeit sollten sie sich die Implantate entfernen lassen - allerdings ohne Dringlichkeit. Die Kosten dafür trägt die Krankenkasse.

Spätesten beim Verdacht auf eine Implantatruptur sollte die operative Entfernung durchgeführt werden, hieß es. Falls die Patientinnen keine Entfernung wünschen, sollten sie halbjährlich zur axilliären Sonografie überwiesen werden.

Zuvor hatte das Ministerium eine Empfehlung des nationalen Krebsinstitutes eingeholt. Eine erhöhtes Krebsrisiko durch die Implantate besteht der Einschätzung zufolge nicht.

Die staatliche Krankenkasse hat derweil Strafanzeige gegen den ehemaligen PIP-Chef Jean-Claude Mas gestellt. Er soll statt medizinischen Silikons ein industrielles und minderwertiges Produkt eingesetzt haben.

Sollte es zur Anklage kommen, müsste er sich wegen Betrugs verantworten. Interpol fahndet nach ihm, allerdings wegen Trunkenheit am Steuer. Medienberichten zufolge soll Mas sich in Frankreich aufhalten.

30.000 betroffenen Frauen in Frankreich

In den vergangen Tagen hatten Berichte über Schäden bei den Implantaten für Schlagzeilen gesorgt. Seit Anfang des vergangenen Jahres sollen allein in Frankreich 2000 Frauen wegen Defekten gegen den Hersteller PIP geklagt haben.

Bei etlichen Frauen waren die Silikonkissen gerissen und sorgten teilweise für Entzündungen. Der Hersteller PIP ist seit 2010 in Konkurs.

In Frankreich tragen den Angaben zufolge rund 30.000 Frauen die Implantate. In Großbritannien sollen 40.000 Patienten PIP-Implantate erhalten haben.

Auch in Deutschland wurden die Kissen implantiert, konkrete Zahlen liegen jedoch nicht vor. Seit Anfang 2010 sind die Silikonkissen dies Herstellers verboten.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wird in den kommenden Tagen seine bereits bestehende Warnung vor den Prothesen erneuern.

Erst den Arzt aufsuchen

Allerdings: "Wir reden hier nicht über den Rückruf im Kfz-Bereich", sagte BfArM-Sprecher Maik Pommer der "Ärzte Zeitung". "Eine pauschale Empfehlung für eine Explantation ist überhaupt nicht denkbar."

Die Empfehlung an die betroffenen Frauen laute daher, sich zunächst an den behandelnden Arzt zu wenden, sagte Pommer. "Ganz wichtig ist die individuelle Risikoabwägung mit dem Facharzt."

Die Warnung vor den Implantaten, die das BfArM bereits 2010 herausgegeben hat, hat laut Pommer keinen "Notfall-Charakter". Dennoch: "Wir sind in Sorge um die Sicherheit."

Krankenhäusern und Schönheitskliniken empfiehlt das Institut, aktiv ihre bekannten Patientinnen anzusprechen und zu einem Termin zu bitten.

In den Implantat-Pass schauen

Die plastischen Chirurgen warnen derweil vor Panik. "Es besteht laut Auskunft der französischen Aufsichtsbehörde kein Grund zur Eile", erläutert Professor Peter Vogt, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC).

Man schließe sich der französischen Empfehlung allerdings an und werde die Mitglieder entsprechend informieren, so Vogt.

Die DGPRÄC kündigte zudem an, die Zahl der behandelten Patientinnen zu ermitteln. Dann wolle man mit den Kassen und dem Gesundheitsministerium über die Kostenübernahme reden.

Aus dem Gesundheitsministerium hieß es auf Anfrage, dass die Kosten im Falle einer konkreten Gesundheitsgefahr in jedem Fall übernommen würden.

In allen anderen Fällen gelte die einschlägige Regelung nach Paragraf 52 Absatz 2 SGB V, wonach Versicherte an den Folgekosten von ästhetischen Operation zu beteiligen sind.

Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) rät Patientinnen, sich zunächst anhand des Implantat-Passes über die Art des Implantates zu informieren.

Gegebenenfalls sollten sie dann ihren Operateur oder einen anderen Chirurgen kontaktieren, sagte DGÄPC-Sprecher Martin Spiering der "Ärzte Zeitung".

Keine pauschale Empfehlung

Ob sich zudem eine genaue Zahl aller Patientinnen in Deutschland mit diesen Brustimplantaten ermitteln lässt, ist fraglich. Die Implantate sind laut Spiering in Deutschland im Zeitraum zwischen 2001 und 2010 verwandt worden.

"Selbst wenn wir hier ein Register führen und alle Fachärzte für plastische und ästhetische Chirurgie dort kooperieren würden, gibt es leider immer noch aufgrund der lockeren rechtlichen Lage eine große Grauzone", sagte er.

Der Grund: Etliche Ärzte praktizieren laut Spiering außerhalb des Fachgebietes, sodass "wir im Grunde genommen nicht an verlässliche Zahlen herankommen."

Im Ministerium verweist man auf die einschlägige Regelung im Paragrafen 16 MPSV. Danach müssen Ärzte die Daten der Patientinnen für 20 Jahre speichern.

Die Fachgesellschaften müssten so lediglich bei ihren Mitgliedern nachfragen, bei wievielen Patientinnen sie in den vergangenen Jahren Implantate gesetzt haben, hieß es.

Die genaue Zahl von Frauen mit den Implantaten lässt sich laut Spiering allerdings aus noch einem anderen Grund nicht erschöpfend ermitteln: Schließlich sei es auch möglich, dass sich manche Frauen diese Implantate im Ausland haben einsetzen oder mittlerweile auch wieder haben entfernen lassen.

Spiering stellte zudem Medienberichte richtig, wonach eine Explantation dringend nötig sei. Das könne auf keinen Fall pauschal gesagt werden. "Das geht schon deshalb nicht, da eine Op immer ein erhebliches Risiko mit sich bringt."

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