Ärzte Zeitung online, 15.08.2012

In Australien

Künftig Schock-Fotos auf Zigarettenschachteln

Abstoßende Fotos von Krebsgeschwüren, Raucherlungen oder Toten werden künftig in Australien auf den Zigarettenschachteln zu sehen sein. Das Deutsche Krebsforschungszentrum will die Ekel-Packungen auch hierzulande.

In Australien künftig einheitliche Zigarettenschachteln

Großer Schock, kleine Marke: So sollen zukünfitig Zigarettenpackungen in Australien aussehen.

© EPA / Lukas Coch / dpa

SYDNEY (dpa). Australien darf die schärfsten Anti-Tabak-Gesetze der Welt mit abstoßenden Fotos auf den Zigarettenpackungen durchsetzen. Auf dem fünften Kontinent müssen Zigaretten künftig in einheitlich schlammfarbenen Schachteln mit großflächigen Bildern von Krebsgeschwüren und Raucherlungen verkauft werden.

Das höchste Gericht in Canberra schmetterte am Mittwoch eine Klage der Tabakindustrie gegen die neuen Verpackungsvorschriften ab. In Deutschland stieß das Urteil auf Begeisterung bei Krebsforschern.

Die australischen Zigarettenhersteller hatten sich dagegen aufgelehnt, dass ihr Markenname nur noch klein auf der Packung stehen darf und sie sich somit von der Konkurrenz kaum noch unterscheiden können. Das höchste Gericht kündete die Urteilsbegründung für später an. Die Tabakfirmen müssen die Kosten des Verfahrens tragen.

"Regierungen können es mit großen Tabakfirmen aufnehmen und gewinnen", frohlockte Generalstaatsanwältin Nicola Roxon. Sie rief die Tabakindustrie auf, das Urteil anzunehmen.

Seit 1983 Zahl der Raucher in Australien mehr als halbiert

Australien geht seit Jahren massiv gegen das Rauchen vor. Werbung und Sponsoring sind praktisch verboten.

Der Anteil der Raucher ging nach Angaben der Anti-Raucher-Organisation ASH von 40 Prozent bei Männern und 32 Prozent bei Frauen 1983 auf heute 16 und 14 Prozent zurück.

British American Tobacco plc, Besitzer der Marken Dunhill und Benson&Hedges hegte Zweifel, dass das Gesetz die Zahl der Raucher weiter einschränkt. "Diejenigen, die für die Einheitsverpackung sind, glauben, dass Kinder damit einen Grund weniger haben, mit dem Rauchen anzufangen. Aber es gibt keinerlei Beweise, dass die Einheitsverpackung Einfluss darauf hat, ob jemand mit dem Rauchen anfängt oder nicht, auch bei Kindern nicht."

Deutscher Krebsforscher: Riesensieg für Tabakprävention

Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg fordert seit 2010 standardisierte Verpackungen für Tabakprodukte - auch mit deutlichen Fotos. Es gibt in der Bundesregierung aber keine Mehrheit für einen solchen Schritt.

"Das ist ein Riesensieg für die Tabakprävention", sagte Martina Pötschke-Langer vom Heidelberger Krebsforschungszentrum am Mittwoch als Reaktion auf das Urteil in Canberra.

"Wenn Australien voranschreitet, kann das auch Europa". Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention sieht in einheitlichen Zigarettenverpackungen ein "probates Mittel", sowohl Jugendliche vom Einstieg ins Rauchen abzuhalten, als auch Rauchern den Ausstieg zu erleichtern.

Auch bei der Rückfallprophylaxe seien sie hilfreich. "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte", so Pötschke-Langer.

Die US-Regierung hatte im Vorjahr beschlossen, die Zigarettenindustrie ab diesem Herbst zum Abdrucken großflächiger Fotos auf den Schachteln zu verpflichten.

Mitteilung des Gerichts (englisch)

[16.08.2012, 01:19:17]
Johann Gruber 
Tabakwerbung unterbinden
Nur dadurch, dass Nichtraucher zum Rauchen verleitet werden , kann die Tabakwirtschaft ihre Umsätze halten oder gar ausbauen. Die Ausgaben für Werbung sind direkt mit den Einnahmen durch Verkäufe verknüpft. Dies haben die Weltgesundheitsorganisation, das US-amerikanische Gesundheitsministerium und das Medizininstitut der Vereinigten Staaten nachgewiesen.
Viele Studien zeigen, dass ein Verbot der Tabakwerbung auf wenigen Gebieten (z.B. im Fernsehen) keine Auswirkung auf den Tabakverbrauch hat. Nur ein komplettes Verbot der Tabakwerbung einschließlich des Sponsorings von Sportveranstaltungen hat Erfolg.
Ein erstes Gesetz zur Änderung des Vorläufigen Tabakgesetzes in Deutschland wurde am 9.11.2006 beschlossen. Bis dahin war die Werbung lediglich in Hörfunk und Fernsehen für Tabakwaren untersagt. Nun ist es verboten, für Tabakerzeugnisse in gedruckten Medien, Fernsehen, Radio oder im Internet zu werben. Unternehmen, deren Haupttätigkeit Herstellung oder Verkauf von Tabakerzeugnissen ist, dürfen zudem keine Veranstaltungen und Events sponsern, die grenzüberschreitende Wirkung haben.
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In der TABAKWERBUNG stehen fünf Themen im Vordergrund:
UNABHÄNGIGKEIT UND FREIHEIT: Der Marlboro-Mann reitet reitet durch die weite Landschaft, der Camel-Mann schlägt sich allein durch den Urwald. Immer dabei: die Zigarette. Die Werbung suggeriert, dass Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit - alles Themen, die für Jugendliche besonders interessant sind - und Zigaretten zusammengehören. In Wirklichkeit bedeutet Rauchen das genaue Gegenteil: Abhängigkeit!
RAUCHEN ALS "ERWACHSENES" VERHALTEN: Eine besonders raffinierte Werbekampagne vor einigen Jahren stand unter dem Motto „Cool Kids can wait.“ Vordergründig darauf angelegt, Jugendliche vom Rauchen abzuhalten, stellte sie das Rauchen als erwachsenes Verhalten dar. Da Jugendliche nichts lieber wollen, als endlich erwachsen zu sein, war dies ein besonders hinterhältiger Schachzug.
RAUCHEN ALS "SOZIALES" VERHALTEN: In der Werbung sitzen Raucher oft in fröhlicher Runde zusammen oder unternehmen gemeinsam etwas. Hier wird Rauchen also als Voraussetzung dargestellt, „dazuzugehören". Jugendliche - mit ihrem ausgeprägten Drang nach Anerkennung in der Gruppe - bekommen so den Eindruck, Rauchen verbessere ihre Chance darauf, in eine Clique aufgenommen zu werden.
RAUCHEN ALS "NORMALES" VERHALTEN: In der Werbung zünden sich die Schauspieler bei alltäglichen, entspannten Handlungen wie der Kaffeepause eine Zigarette an. Der gewünschte Eindruck: Rauchen ist Teil des Alltags, bietet Genuss und Entspannung. Dass in Wirklichkeit die meisten Erwachsenen Nichtraucher sind und sich auch ohne Tabak entspannen können, wird bewusst ausgeblendet. Tatsächlich überschätzen Jugendliche den Anteil der Raucher in der Bevölkerung um das Zwei- bis Dreifache.
RAUCHEN UND GESUNDHEIT: Die Werbung zeigt kühne Abenteurer in unberührter Natur. Und natürlich zeigt sie nur gesunde Menschen. Wörter wie „mild", „leicht", „rein" oder „frisch" sollen wohltuende Wirkungen suggerieren. Jeder weiß, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist – aber die Werbung tut alles, um das Rauchen in den Köpfen der Menschen mit schönen Bildern zu verknüpfen. Der hustende, nach Rauch stinkende Arbeitskollege soll so in unserem Gedächtnis verblassen.
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Bei allen Diskussionen um die Tabakwerbung geht es stets um folgende Fragen: Was soll die Werbung bewirken und welche Auswirkungen hätte ein Werbeverbot?
Die Zigarettenindustrie behauptet, ihre Werbung solle nur Raucher zum Umstieg von einer Zigarettenmarke auf die andere veranlassen. Auf keinen Fall sollten Nichtraucher oder gar Jugendliche zum Rauchen animiert werden.
Das ist offensichtlich eine Schutzbehauptung: der Anteil der Markenwechsler bei Rauchern ist sehr klein. Er liegt unter 10 Prozent (Quelle: www.dkfz.de, Factsheet Tabakwerbeverbot). Überdies sind darin schon diejenigen Raucher enthalten, die aus Sorge um ihre Gesundheit von „Standard"- auf „Light"-Zigaretten umsteigen. Zigaretten sind nicht wie Waschmittel, die bereits in allen Haushalten verwendet werden. In diesem sogenannten „gesättigten" Markt dient die Werbung tatsächlich nur dazu, den eigenen Marktanteil auszubauen.
Zigaretten aber sind unbestritten gesundheitsschädlich und führen langfristig bei der Hälfte ihrer Konsumenten zum vorzeitigen Tod. Täglich hören Menschen auf zu rauchen (in den USA jeden Tag 3.500); weitere sterben an den Folgen des Rauchens (täglich 1.200 in den USA). Ohne Nachschub würde also der Markt für Zigaretten dort jeden Tag um 4.700 bzw. jährlich um 1,7 Millionen Verbraucher kleiner. Um den Markt stabil zu halten, müssen entsprechend viele Nichtraucher zum Rauchen verleitet werden. Und das gelingt zu über 80% nur bei Kindern und Jugendlichen!
Quelle: DKFZ, Rote Reihe Tabakprävention und Tabakkontrolle: Gesundheit fördern-Tabakkonsum verringern: Handlungsempfehlungen für eine wirksame Tabakkontrollpolitik in Deutschland, 2002.
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