Ärzte Zeitung, 07.09.2012

Obamacare

Vom Schimpfwort zum Ehrenzeichen

Mit der Nominierung von Mitt Romney von den Republikanern und Amtsinhaber Barack Obama ist die heiße Wahlkampf-Phase um das Amt des US-Präsidenten eingeläutet. Erneut im Mittelpunkt: Die Gesundheitsreform. Jetzt versuchen die Demokraten, den Spieß umzudrehen.

Von Claudia Pieper

Versicherung für alle: "Obamacare" soll im US-Wahlkampf kein Schimpfwort mehr sein

Veter der "Versicherung für alle": US-Präsident Barack Obama aus dem Parteitag der Demokraten.

© Tannen Maury / epa / dpa

CHARLOTTE. Die US-Demokraten sind auf ihrem Parteitag in die gesundheitspolitische Offensive gegangen.

Sie stellten die Verteidigung der Gesundheitsreform in den Mittelpunkt ihrer Agenda und nutzten dabei eine interessante Strategie: Sie unterstrichen, dass der Begriff "Obamacare" nun kein Schimpfwort mehr sein soll.

Ursprünglich von Obama-Gegnern genutzt, um die Reform des Präsidenten in Verruf zu bringen, soll das inzwischen wohlbekannte Wort nun den Demokraten bei der Wiederwahl helfen.

"Für uns Demokraten ist Obamacare ein Ehrenzeichen", sagte Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius zum Auftakt des Parteitags. Sie und andere Redner nutzten die Gunst der Stunde, die Reformerrungenschaften herauszustellen.

Sieben Präsidenten hätten in der Vergangenheit versucht, die Gesundheitsversorgung auf alle Amerikaner auszuweiten, sagte Hauptredner Julian Castro, Bürgermeister von San Antonio.

"Obama hat es geschafft." In seiner Nominierungsrede für Obama erwähnte der ehemalige US-Präsident Bill Clinton dann zwar nicht sein eigenes Scheitern im Jahr 1994.

Er unterstrich aber ebenfalls, dass Obamas Reformerfolg Hilfe für Millionen von Landsleuten gebracht habe: für Millionen von jungen Erwachsenen, die weiter bei ihren Eltern mitversichert sein können, für Millionen von Senioren, die jetzt Zugang zu (kostenfreien) Vorsorgeuntersuchungen genießen, für Millionen von Amerikanern mit Vorerkrankungen, die bald nicht mehr von Versicherungen abgewiesen werden dürfen.

Republikaner wollen Reform zurückdrehen

Eine völlig unbekannte Parteitagsrednerin rührte die Delegierten zu Tränen: Stacey Lihn, Mutter eines Kleinkindes mit schwerem Herzfehler, berichtete davon, dass ihre Tochter, die bereits zwei Herzoperationen hinter sich hat, ohne Obamas Reform schon bald ihr Versicherungs-Limit erreicht hätte.

Versicherungen konnten vor der Reform fixe Grenzen dafür setzen, was sie maximal für einen Patienten ausgeben würden - sogenannte "lifetime limits/caps". Die Gesundheitsreform verbietet seit 2010 solche Auszahlungsgrenzen.

"Obamacare hat meiner Familie Sicherheit und Erleichterung beschert", sagte Lihn vor den Delegierten.

Sie fuhr fort, dass sie sich jedoch täglich Sorgen mache: darüber, dass Obama-Kontrahent Mitt Romney gewählt werde und Obamacare rückgängig machen könnte.

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney will die Gesundheitsreform in der Tat revidieren und durch bislang weitgehend unbekannten Maßnahmen ersetzen.

Bei seiner Antrittsrede auf dem Parteitag der Republikaner erwähnte er die Gesundheitspolitik zwar nur kurz. Doch Romney hat wiederholt versprochen, als Präsident schon am ersten Amtstag eine Verordnung zu erlassen, die es den Bundesstaaten ermöglichen werde, Obamacare zu umgehen.

Er will den Staaten die Freiheit geben, ihre eigenen Reformen zu verabschieden, will den Wettbewerb zwischen Versicherungen stärken und Versicherte zu kosten- und qualitätsbewussterem Verhalten animieren.

Romney - Gegner seines "eigenen" Projekts?

Romneys konservativer Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan ist außerdem für seinen Haushaltssparplan im Repräsentantenhaus bekannt, der unter anderem die Seniorenversicherung Medicare umkrempeln will.

Nach Ryans Vorstellungen sollen Senioren in Zukunft fixe Zahlungen vom Staat erhalten und sich dann eine Versicherung aussuchen, die ihren Vorstellungen und ihrem Geldbeutel entspricht.

Im Wahlkampf haben sich die Republikaner zu Details bedeckt gehalten - wohl wissend, dass dies viele ältere Wähler in Angst und Schrecken versetzen könnte.

Romney und Obama werden in den nächsten zwei Monaten versuchen, die gesundheitspolitischen Schwächen des Gegners auszunutzen. Romney wird die Wähler daran erinnern, wieviele Milliarden Dollar Obamas Reform verschlingt.

Er wird ihnen außerdem in Erinnerung rufen, dass die Regierung ab 2014 die meisten Landsleute zwingen wird sich zu versichern.

Die allgemeine Versicherungspflicht ist Meinungsumfragen zufolge bei weitem das unbeliebteste Element von "Obamacare" und wird von den Demokraten gern heruntergespielt.

Obama wird im Gegenzug fragen, wie genau Romney denn "Obamacare" zu ersetzen gedenkt. Und er wird genüsslich fragen, warum Romney als Gouverneur von Massachusetts die Reformen einführte, die er jetzt auf nationaler Ebene loswerden will.

[08.09.2012, 20:23:58]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Stolz auf unsere GKV in Deutschland?
Bei allen Querelen, bei allem Ärzte-"Bashing" seitens des GKV-(Spitzen)Kassenverbands u n d auch des PKV-Verbands, bei aller bürokratischen Gängelei durch Medizin-bildungsferne Funktionäre, Gesundheitspolitiker und Skandal-hungrige Medien: Die umfassende Leistungsbilanz und der offene Zugang zur Gesetzlichen Krankenversicherung können sich im weltweiten Wettbewerb der Systeme sehen lassen.

Einzelfälle aus meiner Praxis:
"David" ist mein erstes Beispiel: Er kam akut von der Straße direkt in meine Praxis, ein 17-jähriger junger Mann aus Mecklenburg-Vorpommern. In Dortmund auf Montage als Maler-Azubi. Trotz massivem Leistungseinbruch, dick geschwollenen Beinen, Blässe und diffusen Schmerzen im li Oberbauch hatte er weiter gearbeitet. Zwei Ärzte, bei denen er vorher war, hatten ihn nur flüchtig angeschaut. Ich habe nur "Hose bitte ausziehen" gesagt und sofort untersucht. Er kam nach telefonischer Vorankündigung und später bestätigter akuter myeloischer Leukämie sofort stationär in die örtliche Onkologie: Nach Stabilisierung Verlegung zur Maximaltherapie und Knochenmarktransplantation in die Uniklinik Rostock. Dieser junge Mann brauchte auf der Stelle maximale und teuerste Spitzenmedizin und bekam sie, o h n e dass alle an seiner Versorgung Beteiligten auch nur eine Gedankensekunde daran verschwendet hätten, dass David erst seit 1 Jahr GKV-Mitglied zum geringsten Beitragssatz war. Dafür stehen Solidarität und Subsidiarität in der GKV.

Frau Z. aus Angola, 51 Jahre, ist mein zweites Beispiel: Sie kommt Freitag gegen 10 Uhr akut mitten im Vormittagsgetümmel, begleitet von einer Verwandten, die sehr gut Deutsch spricht und in den portugiesischen Dialekt übersetzt. Beinschwellung rechts bei Z. n. tiefer Unterschenkelverletzung, chronisch venöser Insuffizienz, arterielle Pulse gut tastbar, chron. Stauungsekzem. Ich verordne einen Kompressionsstrumpf, erkläre wegen der Hitze in Angola das intermittierende, stundenweise Tragen. Die extrem groß gewachsene Frau, die mehrere Kinder geboren hatte, fasst Vertrauen, berichtet vom Druckschmerz im li Unterbauch. Die Untersuchung ergibt eine mittelständig derb-elastisch-kugelig gewölbte Resistenz, gut verschieblich, die offensichtlich als Uterus myomatosus gegen das Sigma drückt. Abdomen sonst o. B. Die Patientin soll eine Laboruntersuchung bekommen. Da sie auch auffällig große Füße, Finger und Hände, eine relativ tiefe Stimme und etwas grobe Gesichtszüge hat, würde ich auch eine Akromegalie abklären wollen. Ihr Rückflug geht aber schon am Montag! Meine umsichtige Fachangestellte hat die Situation voll im Griff, macht das Labor fertig. Wir vereinbaren Besprechung der Ergebnisse und Konsequenzen mit der Verwandten und Nachsendung der Befundberichte nach Angola.

Dritter Fallbericht ist Herr B., 70 Jahre alt: Vor 29 Jahren hatte er als KFZ-Meister bereits meine Autos gewartet und repariert. Jetzt mit schwerer COPD Stufe IV und Emphysembronchitis zuletzt mit Sauerstofftherapie zu Hause etwas stabilisiert, ist er immer hart im Nehmen. Beim letzten dringlichen Hausbesuch kam er mit einer beidseitigen Pneumonie sofort stationär. Telefonierte jetzt mit angespannter Stimme, ein Bein sei über Nacht massiv angeschwollen, kühl, schmerzhaft und nicht beweglich. Mit dem RTW kam er sofort in die nächste Gefäßchirurgie. Dort fanden sich zwei wandständige Thromben und ein flottierender Thrombus in den Beinvenen.

Warum ich das erzähle? Weil die Menschen plastisch und vorstellbar sein sollen, um die es bei Solidarität und Selbstverantwortung geht. Weil wir Alle jederzeit und überall von schweren existenziell bedrohlichen Krankheitsbildern betroffen sein können und Hilfe brauchen. Hilfe, die sich n i c h t nach dem Gelbeutel, nach Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder ethisch-moralischer Überzeugung orientieren darf, sondern die umgehende, umsichtige, empathische, kompetente, professionelle Fachleute herausfordert, aktiv tätig zu werden. W i r, wie viele andere Berufsgruppen, gehören zu den Leistungerbringern im Gesundheitswesen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Künstliche Herzklappe raubt oft den Schlaf

Fast ein Viertel aller Patienten mit einer mechanischen Herzklappe klagt über Schlafstörungen. Die Ursache hat eine einfache Erklärung. mehr »

Das sind die Wünsche an die neue Weiterbildung

Am Freitag steht die Musterweiterbildungsordnung auf der Agenda des Deutschen Ärztetags. Wir haben dazu drei junge Ärzte und den BÄK-Beauftragen Bartmann befragt. mehr »

"Sportlich, unrealistisch, überkommen"

Am Donnerstagnachmittag debattiert der Deutsche Ärztetag über die GOÄ-Novellierung. Unsere Video-Reporter haben sich vorab dazu umgehört. mehr »