Ärzte Zeitung online, 20.08.2013

Leitartikel zur Krise in Europa

Ein Risiko für die Gesundheit?

Die Zeit der Illusionen in den südeuropäischen Krisenländern ist vorbei. Harte Einschnitte sind dort jetzt auch im Gesundheitswesen notwendig. Für sich genommen muss dies noch kein Risiko für die Gesundheit sein.

Von Helmut Laschet

Ein Risiko für die Gesundheit?

Die Sicht aus dem All: Ist Europa nicht schön?

© imagebroker / imago

Gesundheit gilt gemeinhin als hohes, wenn nicht gar als höchstes Gut.

Dieses oft vorgetragene Postulat relativiert sich freilich nicht nur vor dem Hintergrund tatsächlichen Verhaltens vieler Menschen, die sorglos oder fahrlässig oft wider besseres Wissen ihrer Gesundheit schädigen - sondern auch angesichts politischer Entscheidungen in Krisensituationen. Ein Blick auf die Landkarte der europäischen Krisenländer zeigt dies eindrucksvoll.

Zunächst einmal: Deutschland lebt, was die Stabilität seiner Gesundheitsversorgung angeht, auf einer Insel der Seligen.

Die Wachstumsraten der öffentlichen Gesundheitsausgaben sind mit etwas mehr als zwei Prozent pro Jahr seit 2000 zwar relativ niedrig, aber mit einem Anteil von elf Prozent im internationalen Vergleich auf hohem Niveau.

Hinzu kommt: Gerade im Krisenjahr 2009 stiegen in Deutschland die Gesundheitsausgaben weiter, ihr Anteil am Sozialprodukt stieg um ein Prozent und blieb dann auch auf diesem erhöhten Niveau.

Absturz in Griechenland und Portugal

Das sieht in anderen Ländern völlig anders aus. Besonders krass sind die Verhältnisse in Griechenland. In den Jahren 2000 bis 2009 erlaubte man sich eine Steigerung der öffentlichen Gesundheitsausgaben von jährlich sieben Prozent - dann folgte angesichts einer drohenden Staatspleite und zuletzt auf Druck der EU und des Internationalen Währungsfonds der Absturz: seit 2009 sinken die Gesundheitsausgaben jedes Jahr um 13 Prozent.

Auch im krisengeschüttelten Portugal wurden die Gesundheitsausgaben um neun Prozent gekürzt. Spanien, wo der Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt zwischen 2005 bis 2009 von acht auf 9,5 Prozent stieg, hat sich einen strikten Ausgabendeckel verordnet...

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[22.08.2013, 15:57:05]
Dr. Günter Braun 
Qualität der Gesundheitsversorgung in Europa
Die Gesundheitsausgaben in % des Bruttoinlandsprodukts werden jährlich von der OECD berichtet und haben sich in den letzten Jahren, wie im Artikel korrekt berichtet, nach oben und unten verändert. In 2011 waren es für Deutschland 11,3%, für Griechenland 9,1%, für Portugal 10,2% und für Spanien 9,3%.

Eine Korrelation der Ausgaben mit der dafür gelieferten Qualität lässt sich jedoch nicht feststellen. Als Indikator für Zugang, Qualität und Zukunftsfähigkeit eines Gesundheitssystems gelten laut EU-Kommission die "gesunden Lebensjahre" (Healthy Life Years), die die früher für Vergleiche ausschließlich verwendete Lebenserwartung um Lebensqualität ergänzen und in der EU seit einigen Jahren berichtet werden. Sie bezeichnen die Anzahl von Jahren, die jemand seit Geburt oder im Alter von 65 Jahren ohne Behinderung oder Beeinträchtigung durch Krankheit erwarten kann.

In 2011 waren durchschnittliche Werte (m/w) an gesunden Lebensjahren seit Geburt für Deutschland 58,3 Jahre, für Griechenland 66,7 Jahre (!) und für Portugal 59,7 Jahre. Der Durchschnitt der 27 EU-Länder lag bei 62,0 Jahren. Spitzenreiter ist Schweden mit 70,7 Jahren bei Kosten von 11,2% des BIP. Alle großen EU-Länder außer Deutschland (UK, FR, SP, IT) liegen zwischen 63,1 und 65,6 gesunden Lebensjahren.


Eine ernsthafte Diskussion über die Ursachen dieser Diskrepanzen und ein Benchmarking in Europa ist dringend erforderlich. Die Schlusslichter in der Tabelle sind vor allem osteuropäische Länder. Dass aber Deutschland mit einem dritten Platz in der Ausgabentabelle nur auf Platz 20 von 27 bei den gesunden Lebensjahren in der EU liegt, ist völlig inakzeptabel und sollte zum Nachdenken anregen.
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