Ärzte Zeitung online, 02.10.2013

Leitartikel zum US-Haushaltsstreit

Solidarität made in USA

Verbitterte Menschen, ein rücksichtsloser, zum Teil haßerfüllter Kampf um Macht: Die Debatte um Barack Obamas Gesundheitsreform wirft ein Schlaglicht auf irritierende Wertewelten der US-Gesellschaft.

Von Christoph Fuhr

Solidarische Verantwortung made in USA

Christoph Fuhr

Hass, Wut, extreme Polarisierung: Der Streit um Barack Obamas Gesundheitsreform will einfach kein Ende nehmen. Politikern, die eine Strategie der Obstruktion fahren, bietet die amerikanische Gesetzgebung viele Handlungsoptionen, wie jetzt wieder in Washington deutlich geworden ist.

Demokraten und Republikaner haben sich am Montag trotz ellenlanger Debatten nicht auf einen Übergangshaushalt einigen können. Die US-Amerikaner stehen somit ab sofort vor verschlossenen Behörden. Vergeblich wollten die Republikaner den drohenden Finanzierungsnotstand politisch nutzen, um Obamas umstrittene Gesundheitsreform zu blockieren.

Die krasse Ablehnung von "Obamacare" irritiert: Was soll eigentlich daran falsch sein, wenn Millionen Menschen endlich die Chance auf eine Krankenversicherung bekommen?

Wenn ein Riegel vorgeschoben wird, der verhindert, dass Bürger wegen "schlechter Risiken" von Versicherern abgewimmelt werden? Wenn Schwerstkranke rechtzeitig zum Arzt gehen können und nicht mehr aus Angst vor hohen Kosten zu Hause bleiben und damit ihr Leben aufs Spiel setzen?

Auch in Zukunft gibt es viele Verlierer

Das Absurde an der Diskussion ist, dass es auch mit "Obamacare" weiter Verlierer im US-Versorgungssystem geben wird. Das Budgetbüro des Kongresses rechnet vor, dass auch in zehn Jahren noch mindestens 31 Millionen Bürger ohne Krankenversicherung sein werden.

22 der 50 Bundesstaaten haben längst entschieden, dass sie die Leistungen für Medicaid, die Unterstützung für die Armen, nicht ausweiten wollen.

Der Kampf für und gegen umfassende Gesundheitsreformen in den USA hat Tradition. Schon vor 20 Jahren bemühte sich der damalige Präsident Bill Clinton um den großen Wurf, fiel aber voll auf die Nase. Am Ende lag es nicht am politischen Gegner. Seine eigenen demokratischen Parteifreunde ließen ihn im Kongress ins Leere laufen.

Schon damals drängte sich der Verdacht auf, dass Menschen auf der Sonnenseite der US-Gesellschaft wenig sensibilisiert sind für die Probleme von Menschen, die im sozialen Abseits stehen und ihre (vermeintlichen) Aufstiegschancen nicht genutzt haben.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten scheint das "Survival of the fittest"-Prinzip immer noch weit verbreitet: Wo jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, da kämpft eben auch jeder für sich allein.

Der Staat als Retter der armen Seelen - diese Wertewelt ist mit dem Ego-Selbstverständnis vieler Menschen aus der sozialen Mittel- und Oberschicht nicht kompatibel.

Noch dazu, wenn klar wird, wer die Zeche zahlen soll: "Obamacare" wird die Steuerzahler über die kommenden zehn Jahre mit 1,4 Billionen Dollar belasten - am meisten Geld soll dabei in Subventionen für Versicherungsprämien fließen, Einkommensschwache würden profitieren.

Einer trage des anderen Last

Bemerkenswert ist in der ganzen Debatte die kompromisslose Haltung von evangelikalen, bibeltreuen Christen, die vor allem im Mittleren Westen und den US-Südstaaten stark vertreten sind. Sie lehnen Obama und seine Reform ab - radikal, ohne jede Kompromissbereitschaft.

Die biblische Botschaft aus dem 6. Kapitel des Galaterbriefs, Vers 2, "Einer trage des anderen Last", scheint ihnen mit Blick auf solidarische Verantwortung keine Orientierung zu geben.

Um fair zu bleiben: Es ist nicht so, dass Amerikaner generell jeder Gedanke von Solidarität fremd ist. Bei großen Naturkatastrophen (Tornados oder Hochwasser etwa) fehlt es nicht an Freiwilligen, die oft von weit her angereist kommen und sich uneigennützig für die Opfer in die Pflicht nehmen.

Allerdings gilt auch hier: Eigeninitiative ist gefragt, und nicht vermeintliche staatliche Bevormundung.

Der Blick in die Abgründe der Gesundheitsversorgung in den USA führt beinahe zwangsläufig zum Vergleich mit der Situation in Deutschland.

#

Und da gibt es vor dem Hintergrund des US-Horrorszenarios eigentlich nur eine einzige Einsicht: Trotz mancher Widersprüche und Verwerfungen haben wir keinen Grund, uns über das gute, alte GKV-Solidarsystem zu beklagen. Möge es den Menschen in unserem Land auch in Zukunft treue Dienste leisten!

Lesen Sie dazu auch:
Spielball Obamacare: Streit um US-Haushalt eskaliert

[10.10.2013, 14:54:56]
Tom Pukowski 
Bemerkenswert: Es bleibt ein Abwehrgefecht der Bessergestellten!
Die Kritik an Obama-Care erinnert mich an die Mindestlohndebatte. Beide politischen Reformambitionen sind nicht der Weisheit letzter Schluss. JEDOCH: Sie verbessern die IST-Situation!!! Denn die sind jeweils deutlich desolat und eben nicht die Reformvorschläge. zum Beitrag »
[02.10.2013, 22:49:38]
Andreas Hoffmann 
ObamaCare
@ Thomas G. Schätzler
Bitte machen Sie sich keine Sorgen um meine Zufriedenheit als Arzt - meine Patienten geben mir genug positives Feedback.

Das Problem Ihrer Analyse: sie unterstellt, daß die beabsichtigte Reform die von Ihnen erwähnten Menschenrechte usw. befördert. Dies sehe ich jedoch nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema nicht. Sie dient Obama - er setzt sich damit ein Denkmal in den Geschichtsbüchern -, Sie dient der Finanz- und Versicherungsindustrie, sie dient den Klinikbetreibern (nicht den Ärzten!), sie vernichtet Arbeitsplätze (das gestehen selbst Dems ein), und unterm Strich verstärkt diese Reform die Abhängigkeit des Einzelnen vom Staat. Ein Traum für alle Staatsorthodoxen, ein Traum für alle, die davon existieren, daß sie andere kontrollieren und beherrschen. Wenn "Obamacare" so toll ist, warum ist es dann nicht freiwillig? Wenn es sooo viele Vorteile hat, warum soll es dann Ausnahmen für Staatsbedienstete (incl. Berufspolitikern) geben? Ein Schelm, wer...

Die schöngefärbte Propaganda der Befürworter ("verblendete"?) ändert daran genauso wenig wie die Diffamierung der Kritiker und deren Gleichsetzung mit Rassisten - ein inzwischen recht langweiliges Spielchen....

Lieber Herr Schätzler, ich habe oft die Lektüre Ihrer kritischen Kommentare genossen, ich vermute, Sie wären ein aktiver Kritiker der von Obama angestrebten Reform, würden sie in den USA praktizieren... Ich wünsche meinen Freunden in den Staaten jedenfalls, daß die "Reformen" SO nicht kommen!

MfG
A. Hoffmann zum Beitrag »
[02.10.2013, 19:37:27]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
@ Andreas Hoffmann
Ich habe immer geglaubt, nur die erzkonservative "Tea-Party"-Bewegung und politisch verblendete Republikaner wären "verbitterte Menschen, (die) ein rücksichtsloser, zum Teil hasserfüllter Kampf um Macht" antreibt, wie Christoph Fuhr als Redakteur der "Ärzte Zeitung" völlig zu Recht in seinem Leitartikel schreibt. Und worüber von Claudia Pieper in der ÄZ unter dem Titel "Spielball Obamacare - Streit um US-Haushalt eskaliert" fundiert berichtet wurde.

Ich habe allerdings auch gedacht, unsere demokratische Geschichte der Bundesrepublik nach dem Kriegsende 1945, der Kampf um die Freiheit und die großartige Wiedervereinigung von Ost und West könnten dazu führen, die verbrecherische Ausmerzung ganzer Völker und Religionen, die faschistoide Selektion von lebenswertem und -unwertem Menschen, die Entsolidarisierung und den Hass auf die Schwächsten in unserer Gesellschaft endlich abzuschütteln. Aber ich habe mich nicht nur hierzulande täuschen lassen.

Auch in den USA versuchen rückwärts gerichtete Kräfte und bigotte, religiös-verblendete Fanatiker selbst um die Gefahr eines Staatsbankrotts die vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama initiierte und vom obersten Bundesgericht bestätigte Gesundheitsreform zu torpedieren. Es erinnert fatal an die unseligen Sklaven-, Rassentrennungs- und Diskriminierungsdebatten, an die Verfolgung der verarmten Schwarzen im Süden der USA, an die Mordexzesse des Ku-Klux-Klan und an die antikommunistische Hatz auf alle Andersdenkende.

Aber Hand aufs Herz, Herr Hoffmann, wollen Sie wirklich das Menschenrecht auf Gesundheit und Unversehrtheit der Person, das Recht auf medizinische Behandlung und Versorgung für Kinder, Jugendliche und Mittellose, für Alte, chronisch Kranke, Behinderte und Sterbende allein davon abhängig machen, ob die Betroffenen in ihrem Leben nur lange genug "für Freiheit und Eigenverantwortung" gekämpft haben? Ob sie genügend private Gesundheits- und Krankheitsvorsorge betrieben haben? Oder mehrere zehntausend Dollar für private Arzt- und Krankenhaus-Honorare zurücklegen konnten?

Ich bin überzeugt, mit Ihrem persönlichen Wertesystem, dem Hass auf Andersdenkende und dem antikommunistisch gefärbten Sozialdarwinismus bzw. Utilitarismus können Sie eigentlich nur ein äußerst unglücklicher Arzt sein - wenn Sie überhaupt medizinisch tätig sind?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[02.10.2013, 13:37:24]
Tom Pukowski 
Gelungener Artikel
Ich finde, den Beitrag sehr treffend und bin dankbar für solche kritischen Blicke über unseren nationalen Tellerran.

Warum sollten wir auch davon ausgehen, dass es sämtlichen benachteiligten Menschen an Eigenverantwortung fehlt?

Aus reiner Ratio können wir das nicht wirklich denken oder meinen, auch nicht glauben. Mit kommunistischen Denken hat das noch lange nichts zu tun.

 zum Beitrag »
[01.10.2013, 23:31:00]
Andreas Hoffmann 
Mit sozialistischem Gruß!
Was für eine perverse kommunistische Indoktrination versucht die ÄrzteZeitung hier wieder? Den Kampf für Freiheit und Eigenverantwortung derart niederzuschreiben, das läßt tief blicken! Für den Wahlkampfleiter der Linken wäre dies ein gelungener Artikel gewesen, für einen "Redakteur", bei aller Zurückhaltung, ein Offenbarungseid! Oder hat er nur die Propaganda der obamatreuen mainstream media als Grundlage seiner Interpretation der Realität gefunden? zum Beitrag »

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