Ärzte Zeitung, 13.12.2013

Leitartikel

Was kann der Demenzgipfel wirklich bewegen?

Verlautbarungen, gute Absichten, vage Geldzusagen: So richtig befriedigend war das Ergebnis des G8-Gipfels in London zur weltweiten Herausforderung Demenz im Grunde genommen nicht. Was das Treffen wirklich bewirkt, steht in den Sternen.

Von Christoph Fuhr

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Die Versorgung von Demenzkranken wird weltweit ein immer wichtigeres Thema.

© Pleul / dpa

Das Thema Demenz brannte unter den Nägeln und die Menschen im Saal waren sich im Dezember 2013 in London und im Oktober 1997 in Bonn einig: Die Versorgung Demenz-Kranker muss durch ein ausreichendes und flächendeckendes Angebot sichergestellt werden; die pflegenden Angehörigen sollen umfassend betreut und besser unterstützt werden.

Darüber hinaus ist eine intensivere Förderung der Demenzforschung unerlässlich. Und schließlich muss es auch darum gehen, alle Chancen zu nutzen, um den Krankheitsverlauf zu verzögern und zu mildern.

Dies ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse von gleich zwei Veranstaltungen: Zum einen vom G8-Gipfel zum Thema Demenz am Mittwoch in London. Zum anderen von einer Bundestagsdebatte, die anno tünnemal im Bonner Wasserwerk stattgefunden hat.

Vor genau 16 Jahren wurden haargenau und ohne auch nur die geringste Einschränkung im Parlament die gleichen Forderungen erhoben wie am Mittwoch in London.

Der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer - das sei nur am Rande erwähnt - verließ damals kurz vor dem Beginn der Aussprache den Plenarsaal, offenbar, weil er an diesem Tag wichtigere Dinge zu tun hatte als sich mit dem Thema Demenz zu beschäftigen.

Was hat sich in Deutschland getan?

Was um alles in der Welt ist eigentlich in den vergangenen 16 Jahren in Sachen Demenz in Deutschland passiert, wenn die Defizite heute noch weitgehend identisch sind mit denen von 1997?

Gewiss: Der aktuelle G8-Forderungskatalog aus London hat weltweite Missstände im Blick. Aber an der Tatsache, dass sie ohne Einschränkung auch immer noch für Deutschland relevant sind, kann das nichts ändern.

Immerhin wird man behaupten können, dass das Thema inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und auch von den meisten Politikern in seiner Bedeutung erkannt wird.

Wenn erst einmal die eigene Mutter, der eigene Vater an Demenz erkrankt ist, dann sollte auch der letzte politischer Mandatsträger kapiert haben, dass Handlungsbedarf besteht.

Nur: Einsicht bedeutet noch lange nicht, dass auch tatsächlich gehandelt oder, um nicht unfair zu sein: dass politisch in einem ausreichenden Maß auf die wachsenden Herausforderungen reagiert wird.

Demenz betrifft alle Länder

Dass sich die acht großen Industrienationen jetzt zu einem Spitzentreffen in London getroffen haben, zeigt: Demenz betrifft alle Länder.

Und viele Regierungen eiern bei der Entwicklung von wirksamen Gegenstrategien offenbar noch viel heftiger herum als Deutschland.

Immerhin: Die G8-Länder haben sich zu erheblichen Anstrengungen im Kampf gegen Demenz entschlossen. Dazu gehört die Verpflichtung, bis 2025 ein wirksames Medikament zur Heilung von Demenz oder zur wirksamen Verbesserung der Symptome zu entwickeln.

Ein internationaler Forschungs-Fahrplan soll gemeinsam erarbeitet werden. Die G8 wollen dabei auch den Schulterschluss zu internationalen Organisationen wie der WHO, den Vereinten Nationen und der Europäischen Union suchen.

Der Knackpunkt: Auch die Forschungsausgaben sollen deutlich steigen. Großbritannien will seine Ausgaben für die Demenzforschung verdoppeln und dafür im Jahr 2015 rund rund 80 Millionen Euro ausgeben.

Was die anderen Länder beisteuern wollen, bleibt einstweilen im Dunkeln, nichts genaues weiß man nicht.

Fragwürdiges Präventionskonzept

Eindrucksvoll wurde vor Augen geführt, dass 62 Prozent der Betroffenen in wirtschaftlich schwachen Staaten leben, deren Gesundheitssysteme nicht im geringsten auf die Herausforderungen von Demenzpatienten eingestellt sind.

Präventionsappelle wirkten in London vor diesem Hintergrund geradezu absurd: Gesunde Ernährung, um das Ausbrechen von Demenz zu verzögern? Wer mag das in Ländern der Dritten Welt, wo der Kampf um Nahrung zum Alltag gehört, ernsthaft in Erwägung ziehen?

Viel wichtiger scheint es, zunächst einmal Veränderungsprozesse im gesellschaftlichen Denken zu initiieren. Menschen mit Demenz sind und werden in Zukunft immer stärker Teil unserer Lebenswirklichkeit. Stigmatisierung ist fehl am Platz, gefragt sind nachhaltige Solidarität und Hilfsbereitschaft.

Welche positiven Veränderungen wird das G8-Treffen bringen? Am redlichen Bemühen aller Akteure kann es keinen Zweifel geben. Und doch bleibt ein schaler Beigeschmack:

Nicht auszuschließen, dass die Erfolge der Konferenz am Ende extrem bescheiden ausfallen werden. Ganz nach dem Motto: Gut, dass in London mal offen über Demenz geredet wurde.

Lesen Sie dazu auch:
G8-Gipfel: Schulterschluss für den Kampf gegen Demenz

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