Ärzte Zeitung online, 13.05.2014

Großbritannien

Warten für Fortgeschrittene

Immer mehr Patienten in Großbritannien müssen mehr als eine Woche auf einen Termin beim Hausarzt warten. Das halten Ärzteverbände für bedenklich. Denn auf der Insel ist der Hausarzt der Türöffner für die weitere Versorgung.

Von Arndt Striegler

Briten warten länger auf Hausarztbesuch

Proteste gegen Einsparungen beim NHS im März in London: Viele Patienten müssen immer länger auf einen Termin beim Hausarzt warten.

© Facundo Arrizabalaga / epa / dpa

LONDON. Britische Patienten müssen immer länger auf eine hausärztliche Konsultation warten. Das geht aus neuen Zahlen britischer Ärzteverbände hervor. Die Zahlen sorgen für gesundheitspolitische Schlagzeilen und Unmut.

Im vergangenen Jahr mussten Patienten nach Angaben des Royal College of General Practitioners (RCGP) in 47 Millionen Fällen länger als eine Woche auf einen Termin bei ihrem Hausarzt warten. Das bedeutet: Jeder sechste Patient in Großbritannien kann nicht zum Hausarzt, wenn er dies wünscht.

Im Vorjahr lag die Zahl der mindestens eine Woche verzögerten Hausarztkonsultationen noch bei 40 Millionen. Für 2014 erwartet das RCGP einen weiteren Anstieg der Wartezeiten um 16 Prozent. Es vertritt die beruflichen Interessen britischer Hausärzte und verfügt über beachtlichen gesundheitspolitischen Einfluss.

"Patienten müssen immer länger auf eine Konsultation bei ihrem Hausarzt warten. Das ist schlecht und bereitet uns Sorge", sagte ein RCGP-Sprecher der "Ärzte Zeitung" in London. Und: "Die langen Wartezeiten haben eindeutig negative Auswirkungen auf die Patientenversorgung. Patienten leiden unnötig."

Interessant: Das RCGP sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den Kürzungen im Gesundheitsetat und der sich verschlechternden hausärztlichen Versorgung: "Primärärzte stehen heute unter großem Druck, die Praxiskosten zu senken und gleichzeitig immer mehr Patienten zu behandeln und andere Aufgaben wie Verwaltungsarbeiten zu erledigen. Diese Situation hat sich seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise vor mehr als fünf Jahren nur noch verschlechtert."

Gesundheitsministerium: Hausärzte wurden verschont!

Großbritannien hat seit den 1940er Jahren ein staatliches Gesundheitssystem (National Health Service, NHS). Das System ist auf dem Primärarztprinzip aufgebaut. Das bedeutet, die mehr als 100.000 britischen Hausärzte haben eine wichtige Schlüsselfunktion inne.

Der Zugang zu den Fachärzten und Kliniken sowie zu fast allen anderen NHS-Leistungen erfolgt grundsätzlich über den Hausarzt. Deswegen ist die Verschlechterung der primärärztlichen Versorgung auch gesundheitspolitisch brisant.

Das Londoner Gesundheitsministerium bestreitet freilich, dass die Etatmittel für die Hausärzte in jüngster Zeit gekürzt wurden. Während zum Beispiel der stationäre Sektor in den vergangenen Jahren deutliche Etatkürzungen habe hinnehmen müssen, seien die NHS-Hausärzte davon "weitgehend verschont" geblieben, so eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums.

Britische Ärzteverbände rechnen aber damit, dass schon bald annähernd jeder vierte Patient in Großbritannien eine Woche oder noch länger auf einen Termin in der Hausarztpraxis warten muss.

Die älter werdende Bevölkerung werde diesen Trend in den kommenden Jahren weiter verschärfen, da ältere Patienten "generell mehr hausärztliche Betreuung benötigen als jüngere Patienten", so das RCGP.

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