Ärzte Zeitung, 17.11.2014

China

Gesundheitssystem holt offenbar langsam auf

Mittlerweile sind 95 Prozent der Chinesen krankenversichert. Allerdings müssen 35 Prozent der Kosten selbst getragen werden. Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 3556 Euro ist das nicht einfach.

MÜNCHEN. Das chinesische Gesundheitswesen hat in den vergangenen Jahren gemessen an der Ausgangssituation beachtliche Fortschritte gemacht, berichtete der Münchner Fachanwalt für Medizinrecht Professor Alexander Ehlers nach seiner Rückkehr von einer Expertentagung in Peking.

Noch vor zehn Jahren hatten bestenfalls 30 Prozent der chinesischen Bevölkerung eine Krankenversicherung. Heute sind es 95 Prozent, erklärte Ehlers. Das Problem sei allerdings, dass die Krankenversicherung nur einen Teil der Behandlungskosten abdeckt. Etwa 35 Prozent der Kosten müssen von den Versicherten heute noch aus eigener Tasche bezahlt werden.

Stand und Zukunft der Gesundheitsreform in China war Thema einer zweitägigen Konferenz der Deutsch-Chinesischen Gesellschaft für Medizin (DCGM) und ihrer Partnergesellschaft der Chinesisch-Deutschen Gesellschaft (CDGM) im Hotel des Volkskongresses in Peking.

Beide Gesellschaften wurden 1984 gegründet und treffen sich in der Regel jährlich entweder in China oder in Deutschland zum Erfahrungsaustausch über aktuelle Themen.

Die Finanzierung der Krankenversicherung ist in China sehr unterschiedlich organisiert, berichtete Ehlers. Wanderarbeiter beispielsweise haben zwar ein anderes Versicherungssystem als etwa Beamte. Alle haben jedoch einen Anspruch auf eine Krankenversicherung, die aber nicht ausreichend sei.

Durchschnittseinkommen liegt bei rund 3500 Euro pro Jahr

So verlange ein Arzt für eine Operation zusätzlich 5000 Yuan, das sind umgerechnet etwa 660 Euro. Da das Durchschnittseinkommen in China bei umgerechnet etwa 3556 Euro im Jahre liegt, entspreche der geforderte Eigenanteil einem Sechstel eines Jahreseinkommens.

Aufgrund der demografischen Entwicklung, den Folgen der Ein-Kind-Politik und der Entwicklung der Morbidität, stehe China vor gewaltigen gesundheitspolitischen Herausforderungen, berichtete Ehlers. So werde der Anteil der über 65-Jährigen bis zum Jahr 2030 auf 30 Prozent und mehr steigen.

Vor diesem Hintergrund strebten die chinesischen Gesundheitspolitiker eine Eindämmung der Kostenentwicklung, eine Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung sowie effizientere Kontrollen insbesondere im Bereich der Arzneimittelversorgung an.

In China sind Arzneimittel nach Ehlers Angaben nicht nur sehr teuer. Problematisch sei vor allem auch, dass das Krankenhaus oder die Ärzte in Form von Kick-back-Zahlungen von den Verordnungen profitieren.

Die chinesische Führung habe die Probleme erkannt und sei entschlossen, das Thema Korruption im Gesundheitswesen offensiv anzugehen.

Zumal auch die Bevölkerung inzwischen sehr beunruhigt sei, dass nicht nur Umweltverschmutzung und Smog, sondern auch Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft eine Gefahr für die Erfolgsgeschichte Chinas darstellen könnten, berichtete Ehlers nach seinen Gesprächen mit chinesischen Gesundheitsexperten und Regierungsvertretern. (sto)

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