Ärzte Zeitung, 17.07.2015

Griechenland

Humanitäre Hilfe vor Ort

Was Griechenlands Gesundheitssystem nicht mehr leisten kann, fangen heute internationale Hilfsorganisationen auf. Sie wissen: Zukünftig wird noch mehr Hilfe vor Ort gebraucht.

Von Jana Kötter

Humanitäre Hilfe vor Ort

Die Praxis von Ärzte der Welt in Athen ist keine neue Einrichtung - doch geändert hat sich, dass heute bis zu 200 Patienten am Tag Hilfe suchen. Sie alle sind nicht versichert, der Großteil von ihnen stammt aus der Mittelschicht.

© Weller / dpa

ATHEN. Während Griechenland immer tiefer in eine humanitäre Krise rutscht, bereiten sich internationale Hilfsorganisationen darauf vor, ihr Engagement vor Ort zu verstärken.

"Die Patientenzahlen in unseren Kliniken steigen seit Jahren", sagte Ute Zurmühl, Sprecherin von Ärzte der Welt, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Wir gehen davon aus, dass es in Zukunft noch mehr werden."

Mit der Verabschiedung des ersten Reformpaketes, das unter anderem ein Anheben des Rentenalters auf 67 Jahre sowie einen sofortigen Stopp für Frühverrentungen enthält, hat Griechenlands Parlament zwar den Weg für ein drittes EU-Hilfspaket in Höhe von über 80 Milliarden Euro frei gemacht.

Doch zunächst müssen verschiedene nationale Parlamente über ihre Bereitschaft abstimmen - der Bundestag kam dazu am Freitag zusammen.

Wirtschaftlich mag mit der jüngsten Entwicklung zumindest Hoffnung aufkommen, doch für den Wiederaufbau der sozialen Strukturen im Land ist zeitnah nach wie vor keine Besserung in Sicht. Internationale Hilfsorganisationen beobachten die Situation deshalb weiter aufmerksam und bereiten sich auf Hilfseinsätze vor.

600 Ehrenamtliche im Einsatz

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte kürzlich bereits gesagt, es stehe für humanitäre Nothilfe in Griechenland bereit. "Das gilt für den Fall, dass sich die Lage vor Ort weiter verschlimmern sollte", sagte DRK-Sprecher Dieter Schütz.

Konkrete Pläne für einen Einsatz in dem noch immer von der Staatspleite bedrohten Land gebe es aber nicht.

Andere Organisationen sind bereits vor Ort. Ärzte der Welt etwa: Nach eigenen Angaben sind sie mit über 600 Ehrenamtlichen die größte freiwillige Ärzte-Organisation in Griechenland.

Sie unterstützt insgesamt sechs Kliniken, eine davon in Athen. Bei einem Blick auf die Patientenstruktur in den Kliniken wird deutlich, wie die Krise das Gesundheitssystem des Landes beeinflusst hat: "Ursprünglich wurden die Strukturen geschaffen, um Menschen am Rande der Gesellschaft zu helfen", sagte Zurmühl. "Heute stammen 60 bis 70 Prozent unserer Patienten aus der griechischen Mittelschicht."

Für Menschen ohne Krankenversicherung - rund ein Drittel der griechischen Bevölkerung fällt heute darunter - sind die von internationalen Organisationen unterstützten Sozialkliniken oft der letzte Anlaufpunkt.

"Pro Tag kommen hier in Athen über 200 Patienten zu uns", berichtet Internistin Dr. Bettina Krumbholz, die ehrenamtlich bei Ärzte der Welt Griechenland tätig ist. "Und wir glauben, es wird noch viel schlimmer werden."

Nicht nur die Versorgung der eigenen Bevölkerung bringt das griechische Gesundheitssystem aktuell an den Abgrund. Eine ebenso gravierende Problematik sind die Flüchtlingsströme, die ins Land kommen.

Bedingt durch seine geografische Lage, ist Griechenland eines der wichtigsten Ziele von Menschen, die nach Europa fliehen wollen. Erst am Donnerstag wurde die jüngste Flüchtlingskatastrophe bekannt: In der türkischen Ägäis waren mindestens sechs Flüchtlinge aus Syrien ertrunken, die versucht hatten, nach Griechenland zu gelangen, als ihr Boot kenterte.

Nach eigenen Angaben griff die türkische Küstenwache allein in den vergangenen zwei Tagen mehr als 550 Bootsflüchtlinge auf.

Nothilfe für Bootsflüchtlinge

Im besten Fall kommen sie auf den griechischen Inseln an - wo die Situation jedoch dramatisch ist. Täglich landeten hier bis zu 1000 Menschen, davon mehr als 60 Prozent aus dem Bürgerkriegsland Syrien, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt.

Griechenland benötige deshalb dringend Nothilfe für die Versorgung der Bootsflüchtlinge. "Es kann nicht sein, dass Flüchtlinge in einem Staat der EU hungern müssen."

"Die Grundversorgung der Flüchtlinge ist nicht gewährleistet, sie haben Durst und Hunger, und es fehlen Medikamente", sagte Bernd Pastors, Vorstandssprecher von action medeor. "Weil der Staat kein Geld mehr hat, kann er seiner Verpflichtung für die Flüchtlinge zu sorgen, nicht nachkommen. Die Lage spitzt sich zu."

Das Medikamentenhilfswerk hat sich deswegen an die pharmazeutische Industrie gewendet mit der Bitte um Medikamentenspenden. "Es werden dringend Antibiotika, Schmerzmittel und Mittel gegen Durchfall gebraucht", sagte Pastors.

Außerdem werde action medeor eine große Hilfssendung mit Verbandsmaterialien, drei Untersuchungslampen, drei Defibrillatoren,Untersuchungsmaterialien wie Urintests und Hygieneprodukte mit einem Wert von 30.000 Euro für Ärzte der Welt Griechenland packen.

Auch deutsch-griechische Vereine und Menschen aus der Bevölkerung beobachten aufmerksam, was in Griechenland passiert. "Gerade die mangelnde Gesundheitsversorgung ist ein Thema bei uns", sagt Günter Leußler, Geschäftsführer der Vereinigung der Deutsch-Griechischen Gesellschaften (VDGG).

"Aufgrund von Telefonaten stelle ich in den letzten Wochen fest, dass auch in der deutschen Bevölkerung das ein Thema ist."So habe er vermehrt Anrufe von besorgten Deutschen erhalten, wie eine Versorgung mit Medikamenten organisiert werden könne.

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