Ärzte Zeitung, 30.07.2015

Griechenland

Junge Ärzte kritisieren Ausbildung

Wie sich Griechenlands Gesundheitssystem entwickeln wird, hängt auch von den Nachwuchsärzten ab. Doch viele Medizinstudenten träumen vom Ausland.

Von Jana Kötter

ATHEN. Weil insbesondere die Facharztausbildung in Griechenland in den Augen vieler junger Mediziner große Mängel aufweist, orientieren sich immer mehr bereits während des Studiums in Richtung Ausland.

"In der Facharztausbildung herrschen große Probleme", sagt Dr. Charalambos Koulas, stellvertretender Präsident der Griechischen Versicherung für Ärzte, Zahnärzte und Pharmazeuten (TSAY). "Es gibt kein festgeschriebenes System, keinen Ausbildungsplan. Man wird in Griechenland nur noch ein guter Arzt, wenn man interessiert ist und sich vieles selber aneignet."

Er selber hat in Wien studiert und in Deutschland seine Facharztausbildung absolviert.

Auch Konstantinos Nastos, Chirurg am Athener Uniklinikum, hat sich früh in Richtung Ausland orientiert: Er hat eineinhalb Jahre in Großbritannien studiert und kennt den Vergleich.

"Natürlich sind die Klassen in Griechenland beispielsweise größer als in Großbritannien", sagt Nastos. "Dafür sind unsere staatlichen Universitäten kostenfrei." Insgesamt sei die Grundausbildung "gut".

"Arbeit in der Natur"

Nach dem sechsjährigen Studium folgt eine Besonderheit des griechischen Ausbildungssystems: Die jungen Mediziner werden zur sogenannten "Arbeit in der Natur" in eine ländliche Region, vorzugsweise auf eine Insel, entsandt. Mindestens zwölf Monate dauert dieser Abschnitt.

Mit dem "Dienst in der Natur" soll der Facharztmangel in den ländlichen Regionen des Landes, aufgrund der Inselstruktur auch eine geografische Besonderheit Griechenlands, aufgefangen werden.

"Für uns ist das eine große Verantwortung", sagt Nastos, der sein Grundstudium 2008 beendete. Er ging in seine Heimatregion bei Arta und war im Umkreis von 35 Kilometern der einzige Arzt.

"Wenn jemand aus einer strukturarmen Gegend stammt, wird man oft dorthin geschickt — da man bei der Familie oder Freunden schlafen kann, das spart die Kosten für eine Unterkunft."

Doch nicht nur die Kritik an der Ausbildung im eigenen Land drängt immer mehr junge Mediziner dazu, sich auf eine Auswanderung vorzubereiten. Weil auch die Ausgaben im Gesundheitswesen in Folge der Krise extrem gesenkt wurden und viele Stellen auf unbestimmte Zeit unbesetzt bleiben werden, blicken immer mehr Studenten über die Grenze.

Dimitri etwa studiert im dritten Jahr, er spricht fließend Englisch und ein bisschen Deutsch — seine Mutter kommt aus Deutschland.

"Natürlich haben wir alle Angst, dass wir keinen Job bekommen - wie in jedem anderen Beruf. Wir tun einfach unser Bestes und hoffen, dass es reicht."

Er könne sich vorstellen, seine Facharztausbildung im Ausland zu machen oder für den Beruf auszuwandern. "Das ist nicht mein Ziel, aber wenn es nicht anders geht…"

"Die gesamte Situation in unserer Heimat ist sehr instabil", sagt Athanasios Vaiopoulos. Der Student macht ein Praktikum bei der europäischen Ärztevereinigung, dem Standing Committee of European Doctors, in Brüssel.

"Ich glaube, dass ich meine Ausbildung im Ausland fortführen muss, um ein wirklich gut ausgebildeter Arzt zu werden. Nach meinem Einsatz in Brüssel werde ich sicher als europäische Nachwuchskraft wahrgenommen, das macht es auch leichter, in anderen Ländern zu arbeiten."

Deutschland ist ein beliebtes Ziel: Jeder neunte Student an deutschen Universitäten und Hochschulen stammt inzwischen aus dem Ausland - Tendenz steigend, wie aus dem Bericht "Wissenschaft weltoffen" hervorgeht.

Und auch nach dem Studium bleibt Deutschland aufgrund des herrschenden Ärztemangels attraktiv:3011 griechische Ärzte waren 2014 in Deutschland tätig, nur aus Rumänien stammten laut Bundesärztekammer noch mehr Mediziner (3857).

Kein genereller Ärztemangel

Dass sich der Ärztemangel, der hierzulande auch durch Zuwanderung gelindert wird, in naher Zukunft auf Griechenland überträgt, ist nach aktuellen Zahlen unwahrscheinlich. Das Land verfügt über eine ausgesprochen hohe Arztdichte: 6,2 Ärzte kamen laut OECD im Jahr 2012 auf 1000 Einwohner. Zum Vergleich: In Deutschland waren es 4,0.

"Der Arztberuf ist noch immer ein großes Ideal", erklärt Koulas im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Viele Eltern tragen den Traum in sich, ihre Kinder als Arzt zu sehen."

Auch Nastos sieht dieses Problem nicht kommen. 800 Ärzte hätten die Uni in seinem Jahrgang in ganz Griechenland abgeschlossen, allein 250 waren es gemeinsam mit ihm in Athen.

Hinzu kommen auch in Griechenland Zuwanderer, vor allem aus Osteuropa, plus Ärzte, die nach dem Studium im Ausland zurückkehren.

Griechenland verfüge mit Sicherheit in den nächsten zwei Jahrzehnten über ausreichend Nachwuchsärzte, um den Bedarf zu decken, sagt Koulas. "Das Problem ist vielmehr - und das in allen Bereichen, auch bei Ingenieuren oder Technikern -, dass Gehirn abwandert. Es ist vor allem der qualifizierte Nachwuchs, der sich ins Ausland orientiert."

Weitere Beiträge zur Serie:
"Griechenland: Innenansichten einer Krise"

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