Ärzte Zeitung, 28.07.2015

Griechischer Pharmamarkt

Ineffizienz, die ihren Preis hat

Extrem hohe Ausgaben, kaum Generika, Fehlanreize im System: Der griechische Pharmamarkt ist von Ineffizienz und Ungereimtheiten geprägt. Ein Vergleich mit Deutschland zeigt die krassen Ungleichgewichte.

Von Helmut Laschet und Jana Kötter

Ineffizienz, die ihren Preis hat

Der Export pharmazeutischer Erzeugnisse von Deutschland nach Griechenland boomt - trotz Krise.

ATHEN. Arzneimittel waren und sind der größte Ausgabenposten im öffentlichen griechischen Gesundheitswesen: Rund 44 Prozent des Gesamtbudgets der staatlichen Einheitsversicherung EOPYY waren 2013 für die Versorgung mit Arzneimitteln projektiert, deutlich mehr als für Krankenhausleistungen.

Diese wurden mit 1,15 Milliarden Euro für öffentliche Kliniken und 732 Millionen Euro für Privatkliniken budgetiert - für Arzneimittel waren hingegen 2,62 Milliarden Euro vorgesehen (2013). Im Folgejahr sollten sie um 200 Millionen auf dann 2,4 Milliarden Euro sinken.

Ein Blick nach Deutschland zeigt die Ungleichgewichte im griechischen System deutlich: Hierzulande gab die GKV 2013 etwa 32 Milliarden Euro - das sind 16,5 Prozent ihres Budgets - für Arzneimittel aus, etwas weniger als für die Honorare der Vertragsärzte (17,2 Prozent). Der größte Ausgabenposten ist der Krankenhausbereich, der rund 35 Prozent des GKV-Budgets absorbiert.

Gleichwohl: Im Zeitablauf kann Griechenland in der Arzneimittelversorgung einige Erfolge vorweisen: Noch im Jahr 2010 lagen die Arzneimittelausgaben bei sagenhaften 4,4 Milliarden Euro - für etwa zehn Millionen Menschen. Das ist pro Kopf der Bevölkerung weitaus mehr, als sich das reiche Deutschland leistet.

Die Ursachen sind in den griechischen Apotheken zu besichtigen. Auffällig ist der hohe Anteil von Originalprodukten, die Verbreitung von Generika ist - im Vergleich zu Deutschland - außerordentlich gering.

"Starke Vorbehalte gegen Generika"

Laut Pro Generika haben Generika in Griechenland einen Marktanteil von fünf Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Anteil in der Versorgung 76 Prozent.

"Griechenland hat bislang darauf verzichtet, durch die Förderung von Generika Patienten dauerhaft Zugang zu Arzneimitteln zu verschaffen", kritisiert Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika, in einer Mitteilung. "Nur wenn Generika in ausreichendem Maß Eingang in die Versorgung finden, kann der Zugang zu einer bezahlbaren Arzneimittelversorgung nachhaltig sichergestellt werden."

Dr. Susanne Keitel vom European Directorate for the Quality of Medicines & HealthCare in Brüssel erklärt: "In einigen europäischen Ländern, darunter auch Griechenland, existieren starke Vorbehalte gegen Generika. Die Diskussion um die ,guten‘ Innovatoren und die ,schlechten‘, weil billigen Generika-Hersteller dominiert den Diskurs etwa in Griechenland oder Frankreich, während sie hierzulande in den 1970ern beendet wurde."

Neben dem extrem geringen Generika-Anteil überrascht bei einem Besuch in griechischen Apotheken auch die Tatsache, dass von Arzneimitteln, die typischerweise bei chronischen Krankheiten verordnet werden, meist nur kleine Packungen abgegeben werden - anders als in Deutschland, wo auf den Märkten für chronische Krankheiten die ungefähr dreimal so große N3-Packung dominiert.

Eine Erklärung können Fehlanreize im System der Handelsspannen sein. Der Großhandel hat eine gesetzlich vorgeschriebene fünfprozentige Marge, die Apothekenspanne ist degressiv gestaltet: Bei Arzneimitteln bis zu 50 Euro liegt sie bei 25 Prozent, zwischen 50 und 80 Euro bei 20 Prozent und darüber bei 15 Prozent. In diesem System lohnt es sich für Apotheker, möglichst viele Kleinpackungen zu verkaufen - und Großpackungen erst gar nicht auf Vorrat zu halten.

Und die Preise? Sie sind nur mit Vorbehalt mit den deutschen zu vergleichen, da die Systeme der Apothekenspannen sich unterscheiden und hierzulande bei Generika der absolute Apothekenaufschlag dominant ist.

Etliche Arzneimittel, die in Deutschland Verkaufshits sind - etwa Bisoprolol, Diclofenac oder Pantoprazol -, kosten in der griechischen Apotheke ungefähr so viel wie in der deutschen Offizin, jeweils verglichen mit dem preisgünstigsten Generikum am deutschen Markt. Zehn Fertigpens des Insulins Lantus® sind mit 111,08 Euro sogar deutlich billiger als in Deutschland (Listenpreis: 147,06 Euro). Simvastatin ist mit rund 56 Euro (umgerechnet auf 100 Stück (40 mg); 30 Stück: 17,02 Euro) jedoch weitaus teurer als die N3-Packung in der deutschen Apotheke (23,97 Euro).

Ein einträgliches Geschäft

Diese Vergleiche hinken allerdings - und zwar nicht nur wegen der unterschiedlichen Apothekenmargen. Die offiziösen deutschen Apotheken-Verkaufspreise lassen keinen Rückschluss darauf zu, was die GKV den Herstellern tatsächlich bezahlt. Denn das ist inzwischen ganz überwiegend in zwischen Herstellern und Kassen vereinbarten Rabattverträgen geregelt - und hier werden Insidern zufolge Rabattnachlässe von bis zu 90 Prozent genannt.

So gesehen ist das griechische Pharmageschäft der internationalen Arzneimittelhersteller - auch wenn es mal zu Zahlungsausfällen kommt - ein im Vergleich zum deutschen GKV-Generikamarkt bequemes und einträgliches Geschäft.

Allein von 2010 bis 2012 stiegen die Exporterlöse deutscher Pharmahersteller in Griechenland von 586 auf 773 Millionen Euro. Und auch die Versuche der Griechen zu sparen, hat am deutschen Pharmageschäft in Griechenland nicht viel bewirkt: Die Exporterlöse sanken nur geringfügig auf 745 Millionen Euro.

Das erklärt auch, dass Anfragen zur aktuellen Problematik der griechischen Arzneimittelversorgung von großen deutschen Unternehmen sehr einsilbig ausfallen. Standardmäßig wird auf den europäischen Dachverband EFPIA verwiesen. Auf Anfrage der "Ärzte Zeitung" sagt der sehr allgemein: "EFPIA fordert Behörden und Unternehmen auf, gemeinsam sicherzustellen, dass für den griechischen Markt bestimmte Produkte die griechischen Patienten erreichen."

Die primäre Sorge des Verbandes ist wohl eine andere: dass Griechenland zu den Preisreferenz-Ländern zählt. Und jedes Zugeständnis, dass man den Griechen bei den Arzneipreisen machen würde, zurückschlägt auf andere europäische Märkte.

Weitere Beiträge zur Serie:
"Griechenland: Innenansichten einer Krise"

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