Ärzte Zeitung, 12.08.2015

Patienten in Athen

"Wir geben die Hoffnung nicht auf"

Enttäuschung, Angst, Hoffnung, Wut: Die Krise ruft bei Menschen in Athen ganz unterschiedliche Emotionen hervor. Ein Besuch.

Von Jana Kötter

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Wenn Not erfinderisch macht: In zehn Sprachen bittet der Obdachlose Evangelos Violotas um Spenden für die alternative Behandlung seines Hirntumors.

© Kötter

ATHEN. "Helft mir, liebe Leute! Habt ein Herz für eure Mitmenschen, helft mir!" Evangelos Violotas steht auf dem Athener Syntagma-Platz, nur wenige Meter entfernt vom griechischen Nationalparlament, und schwenkt seine Transparente. "Mehr Demokratie", steht darauf, "bessere Gesundheitsversorgung", aber auch seine eigene Geschichte: Evangelos ist obdachlos und hat einen Hirntumor.

"Vier Jahre ist es her, dass ich die Diagnose bekommen habe", erzählt er. Mit seinem kleinen Stand - sein Plakat hat er in zehn Sprachen übersetzt - will er auf die Missstände in seinem Land aufmerksam machen.

"Für Leute wie mich gibt es hier doch überhaupt keine Absicherung mehr", sagt er. Er sei auf die Spenden der Passanten angewiesen, um zu überleben.

Für eine Operation wolle er nicht sparen: "Der Tumor liegt hinter dem Auge. Die Ärzte sagten, es bestehe das Risiko, mein Augenlicht zu verlieren", sagt Evangelos einem Passanten, der ihn anspricht.

Weil der Tumor seit der Diagnose nicht gewachsen sei, überwiege seine Angst davor, zu erblinden.

Eine zermürbende Situation

In Evangelos‘ Worten ist die Enttäuschung über sein eigenes Land deutlich zu hören - wie bei vielen seiner Landsleute.

Die Krise dauert seit über fünf Jahren, und zuletzt wurden in einem hoch emotionalen Wahlkampf Versprechungen gemacht, die die Regierung nicht halten kann.

Zwar stehen die Zeichen mittlerweile - zumindest wirtschaftlich - auf Besserung. Die Banken sind wieder geöffnet, die Weichen für ein drittes EU-Hilfspaket in Höhe von mehr als 80 Milliarden Euro gestellt.

Doch die Reformgesetze, die das ermöglicht haben, bedeuten für die Bevölkerung neue Einschnitte, neue Sparmaßnahmen - auch im Gesundheitswesen. Hier ist noch lange keine Hoffnung auf Besserung in Sicht.

"Solch eine Situation kann sehr zermürbend sein", sagt Christos Sideris. Seit April ist der junge Athener, der zuvor 14 Jahre bei einer Spedition gearbeitet und Waren rund um den Globus verschifft hat, arbeitslos. Umso mehr engagiert er sich nun in der Sozialklinik im Athener Stadtteil Elliniko, die er mit einigen Freunden gegründet hat.

Psychologischer Beistand kann helfen

"Unsere Idee war nicht nur, Menschen ohne Versicherung hier eine kostenfreie Gesundheitsversorgung zu bieten, sondern auch psychologischen Beistand. Lange Arbeitslosigkeit ist sehr belastend, sie kann Menschen zerstören." Damals wusste er noch nicht, dass er das am eigenen Leib erfahren würde.

Auch Yannis Tsaras, gelernter Tontechniker, hätte das nie für möglich gehalten. Seit 2009 ist er bereits arbeitslos, und ist damit als Patient auf das Angebot der Ehrenamtlichen angewiesen.

Wie rund ein Drittel der Bevölkerung hat er keine Krankenversicherung mehr. "Warum ich hier sitze?", fragt er. "Weil es die Politik so will. Die Politik meines Landes, die Politik deines Landes."

Mit dieser Meinung steht Yannis nicht allein da, auch die Enttäuschung über Europa ist bei vielen Athenern zu hören. "Die Deutschen machen hier genau das, was sie bei sich selber nicht wollen", beklagt Apothekerin Olga Tavropoulou. "Unser Rentenalter ist jetzt höher als in Deutschland, und wir sollen unsere Arzneien auch im Supermarkt verkaufen - das macht ihr doch auch nicht?"

Keine Wut auf deutsche Besucher

Olga Tavropoulou spürt in manchen Momenten richtige Wut im Bauch, sagt sie. Dann wird sie auch einmal lauter, wenn sie sagt: "Das ist doch keine Europäische Union, das ist eine Deutsche Union!"

Manchmal frage sie sich, wann die Wut wo ausbreche. "Wir Griechen müssen doch irgendwohin damit."

Die Enttäuschung, ja vielleicht sogar die Wut gegen die Regierung, Europa und die deutsche Rolle in den Brüsseler Verhandlungen richten die Griechen aber nur in Einzelfällen gegen deutsche Besucher.

"Wir kleine Menschen können doch nichts dafür", sagt Tavropoulou versöhnlich. "Das sind die Politiker, nicht du oder ich."

Diese Versöhnlichkeit ist auch auf Athens Straßen zu spüren. Hier ist die Stimmung nun, da Bewegung in die Verhandlungen mit den Gläubigern gekommen ist, wieder gelöster.

Das Leben geht weiter, Geschäfte werben um Kunden, die Tavernen sind gefüllt - man konsumiert einfach weniger. Doch ihr soziales Leben wollen sich die Griechen nicht nehmen lassen.

"Anderswo ist es noch schlimmer"

Sie habe schon Mut, dass es auch in anderen Bereichen wieder bergauf geht, sagt Anna Sideropoulous. Die 53-Jährige trägt ihren Arm in Gips. "Gebrochen, ich bin hingefallen", erklärt sie mit mildem Lächeln.

Die Versorgung im Krankenhaus sei "in Ordnung" gewesen - natürlich habe sie warten müssen, und natürlich wisse sie, dass die Situation in den staatlichen Kliniken keine gute sei. "Aber ich bin mir sicher, dass es anderswo auf der Welt noch schlimmer ist."

Den Kopf aufrecht zu halten, die Hoffnung nicht aufzugeben, das haben sich viele Griechen fest vorgenommen.

"Das alles, die Krise, die schlechte Lage der Gesundheitsversorgung, das alles ist nicht erst seit gestern", sagt Sideris.

"Und es wird mit Sicherheit noch lange dauern, bis es wieder bergauf geht. Aber ich bin Grieche, und wir Griechen geben die Hoffnung nie auf."

Weitere Beiträge zur Serie:
"Griechenland: Innenansichten einer Krise"

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