Ärzte Zeitung online, 18.09.2015

Kalifornien

Ärztliche Sterbehilfe bald legal?

Sterben mit ärztlicher Hilfe könnte im US-Bundesstaat Kalifornien in absehbarer Zeit legal werden. Es sei denn, ein Veto verhindert die umstrittene Entwicklung.

Von Claudia Pieper

SACRAMENTO. Das Thema Sterbehilfe hat auch in den Vereinigten Staaten wieder Hochkonjunktur. In Kalifornien wartet man derzeit gespannt darauf, ob Gouverneur Jerry Brown den "End of Life Option Act" unterzeichnen oder aber mit seinem Veto belegen wird.

Falls Brown den Weg ebnet, gesellt sich Kalifornien zu den drei Bundesstaaten, die eine ärztliche Sterbehilfe per Gesetz erlauben: Oregon, Washington und Vermont.

Den Erfolg der Gesetzesinitiative schreiben Befürworter unter anderem dem Einfluss der Kalifornierin Brittany Maynard zu. Die 29-Jährige litt an einem unheilbaren Gehirntumor und war im Herbst 2014 mit ihrer Krankheitsgeschichte an die Öffentlichkeit gegangen.

Die Entscheidung, den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen zu wollen, bedeutete für Maynard, dass sie in den Nachbarbundesstaat Oregon umziehen musste, weil die ärztliche Sterbehilfe in Kalifornien nicht legal war.

Maynard machte es vor ihrem Tod zu ihrem erklärten Ziel, den Zugang zum selbstbestimmten Sterben zu verbessern - ein Ziel, das ihre Familie seither mit viel Determination weiterverfolgt hat.

Immenser Medienrummel

Der immense Medienrummel um Maynards Schicksal hat nicht nur in Kalifornien zu einer Wiederbelebung der Sterbehilfebewegung geführt. In mehr als der Hälfte der Bundesstaaten hat es seitdem Gesetzesinitiativen für ein "Sterben mit Würde" gegeben.

Nirgendwo sind die Bemühungen allerdings so weit gediehen wie in Maynards Heimat-Bundesstaat. Und selbst hier mussten die initiierenden Abgeordneten zu einem Trick greifen: Nachdem der Gesetzentwurf es nicht geschafft hatte, erfolgreich aus der Ausschussphase hervorzugehen, brachten Befürworter den Entwurf in einer Sondersitzung zur Abstimmung.

Dieses Vorgehen hat Gouverneur Brown kritisiert. Brown, der Katholik ist und als junger Mann sogar erwogen hatte, Priester zu werden, hält sich ansonsten bisher bedeckt, wie er zu dem "End of Life Option Act" steht.

Der Gouverneur hat auf jeden Fall ein Dilemma: Die katholische Kirche gehört zu den Organisationen, die die ärztliche Sterbehilfe vehement verurteilen.

Dass ein "Sterben mit Würde" auch möglich ist, wenn das Wie und Wenn nicht in die eigene Hand genommen wird, wurde in christlichen Kreisen fast zeitgleich zu Maynards Fall am Beispiel von Kara Tippetts gefeiert.

Die 38-jährige Frau eines Pastors und vierfache Mutter litt an unheilbarem Brustkrebs und hatte in einem offenen Brief an Brittany Maynard versucht, die Leidensgenossin von ihrem Vorhaben abzubringen. Interessanterweise brachte es die Geschichte Tippetts‘ aber nie zu einer ähnlichen Popularität.

Alte und Schwache herausdrängen?

Während Tippetts hervorhob, dass beim Vorwegnehmen des Todes wertvolle persönliche Momente für den Sterbenden und die Angehörigen verloren gehen, befürchten andere Gegner der Sterbehilfe, dass ihre Legalisierung die Tür für Missbrauch öffnet.

Dr. Aaron Kheriaty, Direktor des Ethikprogramms an der Medizinerschule der Universität von Kalifornien in Irvine, warnte davor, dass die Option der Sterbehilfe vor allem arme und schlecht versicherte Patienten unter Druck setzen würde.

Wer sich von astronomisch hohen Behandlungskosten überwältigt fühle, so Kheriaty, könne leicht versucht sein, dem Leben mit ein paar legal verschriebenen, vergleichsweise günstigen Pillen ein Ende zu setzen. Drastischer drückte es in der politischen Diskussion im kalifornischen Parlament der konservative Senator Ted Gaines aus: "Ich werde die Alten und Schwachen nicht aus diesem Leben herausdrängen - meiner Meinung nach ist das die ungewollte Konsequenz dieses Gesetzentwurfs."

Die Befürworter des Gesetzes sind dagegen der Ansicht, dass genug Schutzmaßnahmen in dem Entwurf enthalten sind, um solche Szenarien zu verhindern.

So schreibt der "End of Life Option Act" in Anlehnung an Oregons "Death with Dignity Act" vor, dass der Patient die tödlichen Medikamente zweimal mündlich und einmal schriftlich in zurechnungsfähigem Gemütszustand verlangen muss. Außerdem muss er die Medikamente selbst einnehmen.

Für Befürworter ist das Recht zur Sterbehilfe eine Frage der Selbstbestimmung und Barmherzigkeit. Das gab der demokratische Senator Mark Leno zum Ausdruck, als er angesichts der Abstimmung im Parlament sagte: "Solche Entscheidungen gehören in die Hände der Patienten und ihrer Ärzte, nicht in die der Regierung."

Eine Frage der Formulierung

Die Öffentlichkeit ist derweil nach wie vor gespalten, wenn sie zur Sterbehilfe befragt wird. Meinungsumfragen lassen keinen Zweifel darüber, dass Formulierungen bei den Ergebnissen eine große Rolle spielen.

Wird der lange übliche Begriff "assisted suicide" (Beihilfe zum Selbstmord) in der Befragung benutzt, sind die Zustimmungsraten wesentlich niedriger, als wenn der Ausdruck vermieden wird und statt dessen Formulierungen benutzt werden wie "aid in dying" (Hilfe beim Sterben) oder "legally end a patient's life by some painless means" (das Leben eines Patienten legal mit schmerzlosen Mitteln beenden).

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