Ärzte Zeitung, 02.12.2015

Schmerztherapie

Grenzenlose Defizite

Die erste Zwischenbilanz eines Forschungsprojekts im Saarland und in Luxemburg zeigt: Die Schmerztherapie in Pflegeheimen ist extrem unbefriedigend.

Von Andreas Kindel

SAARBRÜCKEN. Im Saarland und in Luxemburg haben nur gut ein Drittel der Behinderten- und Altenpflegeeinrichtungen für die Schmerztherapie ihrer Bewohner jederzeit Zugang zu einem Arzt.

Wo dies nicht möglich ist, gibt es in vielen Fällen zwischen Einrichtung und verantwortlichem Arzt auch keine vorausschauende Planung.

Das geht aus einer derzeit noch laufenden Studie des Universitätsklinikums des Saarlandes und der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken hervor.

Erste Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts hat Professor Dr. Sven Gottschling vom Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie der Homburger Uniklinik bei einer gesundheitspolitischen Veranstaltung von Mundipharma in Saarbrücken vorgestellt.

Für ihre Studie hatten die Wissenschaftler in einer ersten Phase Vertreter von 147 Behinderten- und Altenpflegeeinrichtungen im Saarland und in Luxemburg zu ihrem Schmerzmanagement befragt.

Derzeit wird außerdem bei rund 600 Bewohnern der Schmerz konkret gemessen - inklusive Speichelkortisol und Parasympathikotonus.

Demenz: wachsendes Problem

Ein besonderes Problem ist die Schmerzbehandlung von Demenzkranken in den Einrichtungen. Schon jetzt gibt es in Deutschland etwa 1,5 Millionen Demenzkranke. Wie der Osnabrücker Pflegewissenschafts-Professor Dr. Hartmut Remmers auf der Veranstaltung in Saarbrücken berichtete, könnte diese Zahl in den nächsten 20 Jahren um 50 Prozent steigen.

Er warb dafür, bei allen Heimbewohnern schon bei der Aufnahme zu prüfen, ob und in welchem Ausmaß sie unter Schmerzen leiden. "Bei der Schmerzdiagnostik haben die Pflegekräfte eine wichtige Rolle", sagte Remmers. Daher müssten sie auch entsprechend geschult werden.

Die saarländische Studie ergab, dass es hausinterne schriftliche Festlegungen zur Schmerzerfassung in 85 Prozent der Luxemburger und in 100 Prozent der saarländischen Altenheime gibt, aber nur in etwa einem Viertel der Einrichtungen der Behindertenhilfe im Saarland.

Die große Mehrheit der Altenheime bietet den Pflegekräften auch Schulungen zur Schmerzmessung an, bei der Behindertenhilfe ist dies eher die Ausnahme.

Fünf Beobachtungs-Kategorien

Kann man die Bewohner nicht mehr selbst zu ihren Schmerzen befragen, funktioniert die Messung nur noch per Fremdeinschätzung. Am meisten genutzt wird dafür in den saarländischen Altenhilfe-Einrichtungen die "Skala zur Beurteilung des Schmerzes bei Demenz" (BESD).

Sie umfasst fünf Beobachtungs-Kategorien: Atmung, Gesichtsausdruck, Lautäußerungen, Körpersprache und Tröstbarkeit.

Wie sieht es mit der Unterstützung der Heime durch die niedergelassenen Ärzte aus? Nach Zahlen von KV und Ärztekammer gibt es im Saarland nur 20 niedergelassene Ärzte mit der Zusatzbezeichnung "spezielle Schmerztherapie", 47 mit der Zusatzbezeichnung "Palliativmedizin" und nur einen mit der Zusatzbezeichnung "Geriatrie".

Im Klinikbereich sind es immerhin doppelt so viele spezielle Schmerz-Mediziner und 17 Geriatrie-Spezialisten.

So wünschten sich die Pflegekräfte bei der Befragung durch die Saar-Forscher, dass überhaupt sichergestellt ist, dass jeder Patient von einem ausgebildeten Schmerztherapeuten behandelt werden kann.

Weitere Wünsche: Eine engere Zusammenarbeit mit den Medizinern und eine bessere Schulung der Ärzte. Ein Kritikpunkt: Oft würden Analgetika zu sparsam - nämlich unter der Wirkungsschwelle - verordnet. Doch selbst wenn die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegekräften reibungslos klappt, gilt es immer noch, Probleme aus dem Weg zu räumen.

Aus dem Bett gefallen

Sven Gottschling berichtete vom Fall eines 76-jährigen Heimbewohners. Der war nachts aus dem Bett gefallen, hatte sich zwar nichts gebrochen, litt jedoch unter starken Schmerzen und brauchte Medikamente. Das Rezept durfte aber nicht gefaxt werden.

Ein Bote brachte es in die 40 Kilometer entfernte Kooperations-Apotheke. Dort wurde das Medikament dann personalisiert verblistert und ans Heim geschickt. Bis der Patient die erste Dosis nach der Verordnung bekam, vergingen 48 Stunden.

Das Deutsche Netzwerk zur Qualitätssicherung in der Pflege hat im Internet viele Skalen zur Schmerzeinschätzung veröffentlicht.

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