Ärzte Zeitung, 10.08.2016

Krise in Griechenland

Immer mehr Ärzte wandern aus

Nach mehr als fünf Jahren der Krise ist die Versorgung in Griechenland katastrophal. Laut einer Studie wandern mehr als 100.000 Menschen im Jahr aus - unter ihnen vor allem Ärzte und andere Akademiker.

Von Jana Kötter

Immer mehr Ärzte wandern aus

Offener Protest: Immer wieder demonstrieren griechische Ärzte gegen die Sparmaßnahmen, hier im Februar.

© Geiss / dpa

NEU-ISENBURG/ATHEN. Die Sparpolitik der griechischen Regierung hat das Gesundheitssystem hart getroffen.

"Die Situation der Ärzte - sowohl in den Kliniken als auch in der Niederlassung - hat sich erheblich verschlechtert", beobachtet Dr. Michael Kalavritinos. Der Kieferorthopäde engagiert sich ehrenamtlich für Ärzte der Welt in Griechenland - ist selber jedoch in der Schweiz tätig.

Mit der Entscheidung, das Land zu verlassen, ist der Kieferorthopäde nicht alleine. Wegen der schweren Finanzkrise haben 427.000 Griechen ihr Land verlassen und Arbeit im Ausland gesucht. Seit 2013 wandern sogar jährlich mehr als 100.000 Menschen aus, zeigt eine Studie der griechischen Zentralbank.

Dabei handele es sich eindeutig um ein sogenanntes Brain-Drain: Viele Facharbeiter und Akademiker, für deren Ausbildung der griechische Staat Geld aufgewendet hat, kehren der Heimat den Rücken zu.

Gerade für niedergelassene Ärzte wird die Lage immer schwieriger: Weil heute rund ein Drittel der elf Millionen Griechen - etwa aufgrund langanhaltender Arbeitslosigkeit - keine Krankenversicherung mehr hat, bleiben die Patienten zunehmend aus.

Gleichzeitig seien die Abgaben für Praxisinhaber stark gestiegen, berichtet Kalavritinos im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Wer kann, der geht"

Laut Dr. Charalambos Koulas, Vertreter der Panhellenic Medical Association als griechisches Gegenstück zur BÄK, warten die rund 8000 Kassenärzte im Land aktuell auf fünf Monate ihrer Honorar-Rückzahlungen durch die staatliche Einheitsversicherung EOPYY. Diese habe die offenen Beträge bisher lediglich bis Februar erstattet.

Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen übertrifft laut Studie der "Bank of Greece" 50 Prozent. "Wer kann, der geht", sagt Giorgos Tagaris, ein 52 Jahre alter Chirurg aus der Hafenstadt Patras.

Allein in seinem Krankenhaus seien in den vergangenen vier Jahren 17 Ärzte ausgewandert. Nur vier neue kamen dazu. "Der Staat muss sparen und wir arbeiten doppelt und dreifach", sagt er.

Tagaris bleibt nur aus einem Grund: Er hat Kinder, die noch zur Schule gehen.

Die Auswanderer, zeigt die Studie, gehen in ihrer Mehrheit nach Großbritannien, Deutschland und in die Vereinigten Arabischen Emirate. Tatsächlich rangiert Griechenland bei den ausländischen Ärzten laut BÄK-Ärztestatistik bereits heute auf Platz zwei: Die größte Zahl ausländischer Ärzte kam 2015 aus Rumänien (4062), Griechenland (3017) folgt noch vor Österreich (2573) und Syrien (2149).

In Griechenland verschlechtert sich die Versorgung dabei weiter. "Es häufen sich Fälle, in denen Patienten während eines Klinikaufenthalts Medikamente und sogar Verbandsmaterial aus eigener Tasche zahlen müssen", sieht Kalavritinos während seines Engagements im Land. Allein zwischen 2009 und 2012 wurden die staatlichen Ausgaben für Gesundheit in Griechenland um 24 Prozent zusammengestrichen.

Der Europarat beobachtet die gravierende Verschlechterung der Lage mit Sorge. Insbesondere die Versorgung von psychisch Kranken leide unter Personal- und Budgetkürzungen, stellte der Menschenrechtskommissar des Europarats, Nils Muizniek, kürzlich nach dem Besuch in einer Psychiatrie in Athen fest. "Die Situation ist sehr beunruhigend", sagte er.

Sie berge das Risiko, dass verstärkt zu Zwangsmaßnahmen und Beruhigungsmitteln gegriffen werde. Der Menschenrechtskommissar appellierte an Griechenland und die internationalen Geldgeber, in Sachen Gesundheit nicht noch mehr zu sparen.

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