Ärzte Zeitung online, 21.04.2017

March for Science

Demonstration für die Anerkennung von Wissenschaft

An diesem Samstag wollen Forscher zu Tausenden auf die Straße gehen – für die Wissenschaft und gegen Donald Trump. Zu den Unterstützern in Deutschland gehören auch etliche medizinisch-wissenschaftliche Institutionen.

Demonstration für die Anerkennung von Wissenschaft

Bereits im Februar gab es erste Proteste von Forschern gegen die Wissenschaftspolitik von US-Präsident Trump. Am 22. April sollen nun weltweit Demonstrationen den Stellenwert von faktenbasierter Wissenschaft untermauern.

© dpa

WASHINGTON/BERLIN. Eine kleine Version des nun anstehenden Protests gab es schon. Hunderte Forscher demonstrierten Mitte Februar in der US-Ostküstenstadt Boston gegen US-Präsident Donald Trump und für die Anerkennung der Wissenschaft. "Steht auf für die Wissenschaft!" oder "Echte Fakten, falscher Präsident" stand auf ihren Plakaten.

An diesem Samstag sollen es Tausende, vielleicht Zehntausende Demonstranten in Washington und mehr als 500 Städten auf der ganzen Welt werden. Dann findet der alljährliche "Earth Day" (Tag der Erde) zur Stärkung der Wertschätzung von Umwelt und Natur statt, der in diesem Jahr mit dem "March for Science" zum besonderen Event werden soll.

Der "March for Science" hat zum Ziel, dafür zu demonstrieren, "dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind.", heißt es auf der deutschen Webseite der Organisatoren. Und weiter: "Die gründliche Erforschung unserer Welt und die anschließende Einordnung der Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, ist die Aufgabe von Wissenschaft. Wenn jedoch wissenschaftlich fundierte Tatsachen geleugnet, relativiert oder lediglich "alternativen Fakten" als gleichwertig gegenübergestellt werden, um daraus politisches Kapital zu schlagen, wird jedem konstruktiven Dialog die Basis entzogen."

Hinter den Protesten steht als primäre Initiatoren eine Gruppe Wissenschaftler, die sich nach der Wahl des offen wissenschaftskritischen US-Präsidenten Trump spontan Anfang des Jahres zusammengefunden hatte und immer weiter wuchs. Mehr als 50.000 Menschen hätten sich bislang als freiwillige Helfer angeboten, teilen die Organisatoren mit. Trump hatte den Klimawandel einst als "Ente" bezeichnet und ist dafür bekannt, dass er Wissenschaft bestenfalls ignoriert, schlimmstenfalls offen ablehnt.

Die amerikanische Hauptveranstaltung des "March for Science" wird in Washington am Weißen Haus vorbeiführen. Für Deutschland sind unter anderem für Berlin, Frankfurt, Köln, München, Stuttgart, Hamburg und Greifswald Demonstrationen angekündigt. Viele wissenschaftliche Organisationen und renommierte Forscher haben sich als offizielle Unterstützer der Aktion eingetragen – darunter auch etliche Mediziner und medizinisch-wissenschaftliche Institutionen (s. Kasten)

Organisationen warnen davor Fakten infrage zu stellen

Wissenschaftsfeindlichkeit sei nicht nur in den USA ein Problem, warnte die deutsche Kommission der UN-Kultur- und Wissenschaftsorganisation Unesco. "In zahlreichen Ländern ist die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden bedroht, gegängelt und der Wert wissenschaftlicher Forschung wird grundlegend infrage gestellt."

In Deutschland begrüßte auch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen die Aktion. Dazu gehören die Alexander von Humboldt-Stiftung, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Hochschulrektorenkonferenz, Leibniz-Gemeinschaft, Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, Deutscher Akademischer Austauschdienst, Helmholtz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsrat. Sie gehören zu den offiziellen Unterstützern des "March for Science".

Stellungnahme deutscher Forscher

In einer gemeinsamen Stellungnahme erklärten sie: "Antidemokratische und wissenschaftsfeindliche Handlungen und Strömungen, verantwortet von politischen Entscheidungsträgern oder populistischen Bewegungen, bedrohen die Arbeit und die Werte der Wissenschaften und aller in ihr Tätigen. Sie beeinträchtigen die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit der Wissenschaften und rühren zugleich an die Grundprinzipien liberaler Verfassungsordnungen und offener Gesellschafts- und Lebensformen. Beidem müssen die Wissenschaft und ihre Organisationen nicht nur um ihrer selbst willen entschieden entgegentreten." Deutschland besitze ein weltoffenes, pluralistisches und auch deswegen besonders leistungsfähiges Wissenschaftssystem. Diese besondere Stellung sei zugleich Verpflichtung, Position zu beziehen gegen jedwede Bedrohung der Wissenschaften und ihrer Freiheit.

Ähnlich äußerte sich der bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar in einem Interview der "Frankfurter Rundschau": In den vergangenen zwölf Monaten gab es auf breiter Front einen beängstigenden Schritt weg von der Wissenschaft und von wissenschaftlicher Erkenntnis, hin zu einer Welt von ,alternativen Fakten‘. Zum Teil wird Wissenschaft bereits regelrecht abgelehnt – wie man an der Debatte in den USA um den angeblich nicht vorhandenen Klimawandel sehen kann. Deshalb muss die Wissenschaft jetzt aufstehen und die Logik der Aufklärung verteidigen."

Kritik an Politisierung der Wissenschaft

Aber nicht alle Wissenschaftler unterstützen den Protest. Einige sehen die Motive dahinter als zu liberal, zu politisch links und Anti-Trump an und warnen vor einer Politisierung der Wissenschaft. Viele haben auch Sorge, dass, wenn sie sich zu offen äußern, ihre Forschungsfreiheit und Finanzierung eingeschränkt werden könnte. "Ich gehe nicht zur Demonstration, weil die Menschen in Amerika Wissenschaft als extrem links ansehen", sagte etwa Nathan Gardner, Protein-Forscher an der University of Chicago, dem Fachmagazin "Nature".

Die Organisatoren dagegen sehen keine Alternative zum Demonstrieren: "Angesichts eines alarmierenden Trends in Richtung der Diskriminierung von wissenschaftlichen Konsensmeinungen und der Einschränkung von Forschung, müssen wir fragen: Können wir es uns leisten, die Wissenschaft nicht offen zu verteidigen?"

Proteste sollen auch nach den Demonstrationen weitergehen

Der "March for Science" soll erst der Anfang sein. "Wir haben nicht vor, das nach dem 22. April aufzuhören", sagte Wissenschaftlerin Caroline Weinberg, die dem Organisationskomitee der Proteste angehört, der "New York Times". "Für mich wäre es ein Versagen, wenn diese Bewegung und all die Leidenschaft nach dem 22. April verpufft." (dpa/run)

Diese medizinisch-wissenschaftlichen Institutionen gehören u.a. zu den Unterstützern des "March for Science"

» Allianz der Wissenschaftsorganisationen

» Anatomische Gesellschaft, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

» Deutsche Gesellschaft für Immunologie

» Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie

» Deutsche Gesellschaft für Psychologie

» Deutsche Gesellschaft für Toxikologie

» Deutsche Physiologische Gesellschaft (DPG)

» Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.

» Gesellschaft für Genetik e.V.

» Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

» Leibniz Institut für Molekulare Pharmakologie

» Medizinischer Fakultätentag der Bundesrepublik Deutschland e.V.

» Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), Hamburg

» Universitätsklinikum Heidelberg und Medizinische Fakultät Heidelberg

» Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), Hamburg

» Universitätsklinikum Heidelberg und Medizinische Fakultät Heidelberg

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