Ärzte Zeitung online, 29.10.2008

Gab es Organdiebstahl in Albanien? Zweifel werden immer lauter

BELGRAD (dpa). Haben albanische Freischärler wirklich zwischen 1998 und 2001 rund 300 Serben nach Nordalbanien gekarrt, ihnen dort Nieren, Lungen, Lebern und Herzen entnommen und weltweit verkauft? Zweifel an dieser Geschichte werden laut, auch weil eine solch hoch komplizierte Chirurgie in einer der ärmsten Regionen nicht möglich scheint.

Der serbische Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Vladimir Vukcevic, brachte in dieser Woche eigenhändig neue "Beweise" nach Albanien. Sie sollen diese Horrorgeschichte "belegen": Aus der früheren serbischen Provinz Kosovo hätten albanische Freischärler zwischen 1998 und 2001 rund 300 Serben auf Lastwagen über die Grenze nach Nordalbanien gekarrt. Dort seien ihre Körper regelrecht ausgeschlachtet worden. Die Nieren, Lungen, Lebern und Herzen seien über den Flughafen der albanischen Hauptstadt Tirana weltweit verkauft worden.

Für Behörden und Medien in Serbien ist die Sache klar. Den meist jungen Serben seien die Organe in der neurochirurgischen Abteilung des Gefängnisses 320 in der Nähe der nordalbanischen Stadt Tropoje entnommen worden. Außerdem ist immer wieder von einem berüchtigten "gelben Haus" die Rede.

Dort, bei der Ortschaft Burrel nördlich von Tirana, sollen Ärzte den Serben ebenfalls Organe herausoperiert haben. Die menschlichen Überreste der Opfer seien im Bergwerk Deva oder in anderen Massengräber verscharrt worden. Albanien und das heute selbstständige Kosovo sprechen von serbischen Hirngespinsten.

Wer einmal in den Bergen Nordalbaniens gewesen ist, muss sich die Augen reiben. Hoch komplizierte Chirurgie "am Ende der Welt"? Es handelt sich um eine der ärmsten Regionen Europas - ohne feste Straßen und nur gelegentlich gibt es Strom und fließendes Wasser. Gerade hat der Belgrader Sender B92 eine Reportage von den Originalplätzen ausgestrahlt. Sie beweist nichts - weder in der einen noch in der anderen Richtung. Warum das "gelbe Haus", das heute weiß getüncht ist, im allgegenwärtigen Grau und Braun der Landschaft und der schäbigen Häuser eigens so knallig gestrichen worden sein soll, bleibt ebenfalls offen.

Zweifel hegt selbst ein serbischer Professor für Neurochirurgie

Zweifel hegt selbst der serbische Neurochirurgieprofessor Momcilo Djordjevic: "Für so etwas sind eine ausgefeilte Organisation, Technik, Technologie, ein perfektes Wissen und eine ebenso perfekte Logistik notwendig." Weiter führte er im Belgrader Magazin "Nin" aus: "Das alles konnte Albanien in der damaligen Zeit nicht besitzen und hat es selbst heute nicht". Die albanische Staatsanwaltschaft lehnt neue Untersuchungen ab, da internationale Nachforschungen schon vor drei Jahren keine Anhaltspunkte ergeben hätten.

Die Gemengelage aus Mutmaßungen, Spekulationen, Politik und vielen Nebelkerzen auf allen Seiten lässt offensichtlich alles zu. Die frühere Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals, Carla Del Ponte, sprach von einem Organraub und -handel vom Hörensagen ohne Beweise. Die serbischen Anklagebehörden beschuldigen den heutigen albanischen Regierungschef Sali Berisha, er habe auf Druck des Kosovo-Freischärlerführers Ramush Haradinaj alle Spuren vernichten lassen. Zufällig sind beide Politiker die Lieblingsfeinde Belgrads.

Jetzt soll der Europarat Klarheit bringen. Der Schweizer Dick Marty wird noch in diesem Jahr für eine Bestandsaufnahme nach Albanien reisen. Im nächsten Juni soll sein Bericht vorliegen - genügend Zeit für alle Seiten, angebliche oder echte Beweise zu manipulieren.

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