Ärzte Zeitung online, 28.08.2013

Phytos made in Germany

Eine Erfolgsgeschichte

Phytopharmaka in Deutschland: Das ist eine Erfolgsgeschichte. Auf den ersten Blick lässt das die Marktentwicklung der vergangenen Jahre zwar nicht erkennen. Auf den zweiten wird deutlich, dass die Branche eine komfortable Nische besetzt, in der sie weitgehend immun gegen politische Gängelung ist.

Von Christoph Winnat

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Tropfen aus der Pflanze: Die Phyto-Branche hierzulande blüht.

© Schlierner / fotolia.com

FRANKFURT/MAIN. 3,5 Milliarden Euro werden nach Angaben des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) jedes Jahr europaweit mit pflanzlichen Arzneimitteln erwirtschaftet. Etwas mehr als ein Drittel - und damit der Löwenanteil - fällt in Deutschland an.

Die große Zäsur im OTC-Geschäft der zurückliegenden Dekade, den Ausschluss nicht rezeptpflichtiger Präparate aus der GKV-Erstattung 2004, haben die Phyto-Anbieter aus heutiger Sicht gut weggesteckt. Zwar waren ihre Produkte anfänglich besonders stark betroffen.

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So brach der Umsatz der verordneten rezeptfreien Phytopharmaka 2004 um rund 50 Prozent ein. Auf der anderen Seite trug eine wachsende Nachfrage nach pflanzlichen Präparaten in der Selbstmedikation dazu bei, dass sich der Markt schnell wieder erholte.

Rund 1,5 Milliarden Euro wurden im Jahr vor dem Erstattungsausschluss mit Phytos erlöst - und dieses Volumen bereits 2006 wieder erreicht. Sowohl nach Absatzmenge als auch nach Umsatz zeigt sich der Markt seither mit relativ geringer Schwankungsbreite stabil.

Satzungsleistung OTC bringt nichts

Warum aber entgegen der großen Akzeptanz in der Bevölkerung und der medialen Dauerkonjunktur in Sachen sanfter Medizin die Umsatz- und Absatzkurven nicht nach oben zeigen, ist auch Branchenkennern ein Rätsel.

"Schwer zu sagen", meint etwa Dr. Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft des BAH. Vermutlich halte dem starken Trend pro Naturmedizin eine volatile Zahlungsbereitschaft und kritische Stimmen zum Wirkversprechen pflanzlicher und homöopathischer Mittel die Waage.

Ein weiterer Grund könnte die Konkurrenz durch pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel sein, die zunehmend Einzug in Lebensmittelmärkte und Drogerien finden. Auch die wenigen politischen Bestrebungen, dem Absatz Impulse zu geben, haben bisher nicht gefruchtet.

2007 wurde mit dem Wettbewerbsstärkungsgesetz den gesetzlichen Krankenkassen die Möglichkeit eröffnet, Arzneimittel der so genannten "besonderen Therapierichtungen" per Wahltarif zu erstatten - dazu zählen auch Phytos. Kaum eine Handvoll anfänglicher Versuche verlief im Sande.

Seit 2012 gibt es die Option, rezeptfreie Medikamente als Satzungsleistung in die GKV-Erstattung zu nehmen. Rund ein Drittel der bundesweit 130 Kassen machten davon Gebrauch, meldete zu Beginn dieses Jahres der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Den Umsätzen der Phytobranche ist davon - jedenfalls herstellerübergreifend - bislang nichts anzumerken. Zu aufwendig sei die Abwicklung für die Patienten, die bei ihren Kassen Rechnungen einreichen müssten.

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Außerdem gebe es je nach Kasse unterschiedlich hohe Erstattungsdeckel, erklärt BAH-Geschäftsführer Kroth. Man werte die Aufnahme der Satzungsleistung "OTC-Kostenübernahme" ins SGB V erst einmal nur als eine prinzipielle Anerkennung des therapeutischen Potenzials der Rezeptfreien.

Nach dem Imageschaden für OTC-Präparate durch den einstigen Erstattungsausschluss, so Kroth, sei das schon ein Erfolg.

Ein Fünftel des Umsatzes rezeptiert

2012 war für die Phyto-Industrie eher eines der schwächeren Jahre. Nach Angaben des Marktforschers IMS Health gingen die Umsätze mit pflanzlichen Arzneimitteln in öffentlichen Apotheken um ein halbes Prozent auf 1,49 Milliarden Euro (zu Apothekenverkaufspreisen) zurück.

96 Prozent des Umsatzes entfielen auf Selbstzahler, vier Prozent auf Präparate, die rezeptpflichtig sind.

Freilich wurden weit mehr zu Lasten der GKV verordnet - etwa bestimmte Phytos für Kinder oder Präparate, die als Therapiestandard zur Behandlung schwerwiegender Erkrankungen gelten; beispielsweise Ginkgo-biloba-Extrakte gegen Demenz oder Mistel-Präparate zur palliativen Krebstherapie.

Mit 283 Millionen Euro waren immerhin noch knapp ein Fünftel (19 Prozent) des Gesamtumsatzes ärztlicherseits rezeptiert: 18,3 Millionen mal verordneten Ärzte Phytopharmaka. Davon entfielen jeweils ein Drittel auf GKV-Rezepte (33,8 Prozent), auf Privat-Rezepte (32,4 Prozent) und auf Grüne Rezepte (33,7 Prozent).

Nur Letztere konnten laut IMS zulegen. Auf 6,2 Millionen Grünen Rezepten stand 2012 ein pflanzliches Produkt; das ist ein Plus von 12 Prozent.

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