Ihre Meinung ist gefragt: Machen Sie bei unserer Online-Umfrage mit!

Ärzte Zeitung, 21.05.2008

Wie können Demenzkranke besser versorgt werden?

Delegierte des Ärztetages in Ulm diskutieren über mögliche Handlungsoptionen / Immer noch erhebliche Defizite / Zahl der Erkrankungen steigt

ULM. Die Versorgung von Demenzpatienten in Deutschland bleibt unbefriedigend, die Widersprüche werden sich nach Ansicht von Experten in den kommenden Jahren verschärfen, weil die Zahl der Betroffenen rasant steigen wird. Grund genug für die Delegierten des Deutschen Ärztetags in Ulm, sich intensiv mit dem Themenkomplex Demenz und Pflege auseinanderzusetzen.

Von Christoph Fuhr

 Wie können Demenzkranke besser versorgt werden?

Verwirrte Seniorin - Demenz bleibt eine große Herausforderung fürs Gesundheitswesen.

Foto: Imago

Keine Bewegung in Sachen Demenz? Professor Hans Gutzmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie- und -psychotherapie, bleibt skeptisch: Die Hoffnung, "dass die Herausforderung der Demenzen in ihrer Gesamtheit erkannt und nachhaltig gelöst wird", keime zuweilen auf, sagt er. "Aber diese Hoffnung wird leider immer wieder enttäuscht. "

Kein Zweifel: Die Versorgung von Demenzpatienten wird Gesundheits- und Sozialpolitiker in Zukunft vor immer größere Herausforderungen stellen. Hauptursache ist der demografische Wandel. Etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer demenziellen Erkrankung - und die Tendenz ist steigend. Denn mit zunehmendem Alter gibt es immer mehr Demenz-Erkrankungen.

Von den 75- bis 78-Jährigen sind rund zwölf Prozent, von den 80- bis 90-Jährigen ein Viertel und von den über 90-Jährigen die Hälfte der Menschen von Demenzen betroffen.

Kooperation mit Ärzten ist nicht immer befriedigend

Entfielen im Jahr 2000 auf 100 000 Einwohner etwa 1000 Demenzkranke, so ist bis zum Jahr 2050 mit einer Verdreifachung zu rechnen. Immer stärker in den Fokus rücken dabei neben Hausärzten pflegende Angehörige und Pflegedienste, die eine Schlüsselfunktion bei der Versorgung haben.

Wie sieht die Versorgung im häuslichen Umfeld aus Sicht von Mitarbeitern ambulanter Pflegedienste aus? Unterstützt vom Unternehmen Merz Pharmaceuticals GmbH hat die Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie zu diesem Thema vor kurzem eine aktuelle Studie vorgelegt. Eine Kernaussage: Die Kooperation mit niedergelassenen Ärzten läuft - aus Sicht der Pflegedienste - oft alles andere als optimal.

Von den 903 ambulanten Diensten, die an der Befragung teilnahmen, wurden 64 970 Patienten betreut, davon hatten 12 975 eine vom Arzt diagnostizierte Demenz. Bei weiteren rund 7000 Patienten gingen die Pfleger von einer von Ärzten nicht diagnostizierten Demenzerkrankung aus.

Das sind die wichtigsten Studienergebnisse:

  • Hauptursache für einen Umzug von Demenzkranken in ein Pflegeheim ist meist eine Überforderung der pflegenden Angehörigen.
  • Bei vielen Demenzkranken, die zu Hause versorgt werden, fehlt bisher - aus Sicht der Pflegekräfte - eine ärztliche Diagnose.
  • Weniger als die Hälfte aller Patienten mit der ärztlichen Diagnose Demenz werden mit Antidementiva versorgt, etwa ein Drittel erhalten Neuroleptika.
  • Die Mehrheit der Vertreter von Pflegediensten beklagt eine mangelnde Kommunikationsbereitschaft von niedergelassenen Ärzten. Das bedeutet: Zu wenige Ärzte nehmen aus Sicht der Pflegekräfte von sich aus Kontakt zu den Diensten auf. Klar wird allerdings auch: das Thema polarisiert. Immerhin ein Drittel der Pflegedienste gibt Ärzten bei der Bereitschaft zur Kontaktaufnahme gute Noten.
  • Nur etwa jeder zehnte Pflegedienst fühlt sich umfassend zum Themenkreis Demenz informiert und beklagt Defizite. Eine deutliche Mehrheit der Pflegekräfte konstatiert, dass mehr Wissen die tägliche Arbeit erleichtern würde.

Pflegekräfte fühlen sich oft schlecht über Demenz informiert.

Harsch kritisiert Gerontopsychiatrie-Verbandschef Gutzmann, dass Demenzen in der im Januar 2008 veröffentlichten Liste der Krankheiten für den Morbi-Risiko-Strukturausgleich nicht aufgeführt sind. Die medizinische Versorgung der Demenzpatienten werde sich deshalb weiter verschlechtern, prognostiziert er. Gutzmanns Begründung: "Es ist für eine Krankenkasse betriebswirtschaftlich interessant, möglichst viele Patienten mit genau den Krankheiten in der Mitgliederschaft zu haben, für die sie im Finanzausgleich Geld bekommen. Die Demenzen werden nicht dazu gehören."

Die Delegierten des Deutschen Ärztetages in Ulm werden sich außer einer umfassenden Bestandsaufnahme der Versorgungssituation auch mit Handlungsperspektiven für die Zukunft beschäftigen. Dabei könnten - unter anderen - folgende Fragen in den Fokus rücken:

  • Kann durch einen Ausbau der Prävention und der geriatrischen Rehabilitation Pflegebedürftigkeit vermieden, verzögert oder gemindert werden?
  • Wie ist es in Zukunft möglich, ambulante Pflegeangebote und alternative Wohnkonzepte zielgerichtet auszubauen?
  • Wie kann Versorgungsmanagement mit dem Hausarzt als Koordinator verbessert werden?

Die Delegierten werden einen weiteren Aspekt im Blick behalten: Entscheidend für eine bessere Versorgung ist eine offene gesellschaftliche Debatte, die zwei Ziele in den Fokus rückt: Tabus müssen abgebaut werden, Demenzkranke und ihre Angehörige dürfen in unserer Gesellschaft nicht länger das Gefühl haben, isoliert zu sein.

Herausforderung Demenz

Etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer demenziellen Erkrankung. Häufigste Ursache eines demenziellen Syndroms im Alter ist mit 60 Prozent die Alzheimer-Demenz. Etwa 25 bis 30 Prozent der Demenzkranken werden von Familienangehörigen betreut.

Die Mehrheit der Deutschen (58 Prozent) wollen - wie eine Befragung des Unternehmens Janssen-Cilag ergeben hat - bei einer Alzheimer-Erkrankung zu Hause oder bei Angehörigen gepflegt werden. Zugleich sieht die Bevölkerung die Notwendigkeit, Demenz-Patienten für die sachkundige Betreuung finanziell zu unterstützen: 78 Prozent der Befragten befürworten die mit der Pflegereform geplante Erhöhung der finanziellen Zusatzleistung für Demenzkranke von bis zu 2400 Euro jährlich. (eb)

Das Wichtigste und Interessanteste vom 111. Deutschen Ärztetag in Ulm »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »