Ärzte Zeitung, 21.05.2008

Ärztetag fordert Debatte über Pflege Demenzkranker

Delegierte votieren für eine 30-prozentige Aufstockung der Personalbudgets in Heimen / Plädoyer für flächendeckende geriatrische Reha

ULM. Angesichts der wachsenden Zahl dementiell erkrankter Menschen steht in Deutschland eine ethische Debatte an, "ob ein schwer demenzkranker Mensch überhaupt menschenwürdig leben kann".

111. Deutsche Ärztetag in Ulm

Foto: sbra

Von Florian Staeck

Zeit und Zuwendung für Demenzkranke: zwei Merkmale einer humanen Pflege.

Foto: dpa

Mit dieser Prognose hat Professor Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, am Mittwoch die Delegierten des Ärztetages konfrontiert. Im Jahr 2040 werde es vermutlich mindestens zwei Millionen Menschen geben, die dementiell erkrankt sind. Dabei entstünden pro Jahr schon jetzt Behandlungskosten von 43 000 Euro pro Demenzpatient. Kruse appellierte an den Ärztetag, ein klares Signal abzugeben, "dass ein Mensch niemals die Menschenwürde eines anderen Menschen definiert". Dem Menschen sei qua seines Menschseins Würde gegeben.

Der Ärztetag hat als Konsequenz seiner mehrstündigen Debatte über die Situation pflegebedürftiger - und vor allem dementiell erkrankter -Menschen in Deutschland an Politik und Gesellschaft appelliert, eine Debatte zu führen, wie die wachsende Zahl Demenzkranker künftig versorgt und dabei würdig leben können. "Wir brauchen eine Enttabuisierung der Probleme, die mit Altersverwirrtheit zusammenhängen", forderte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer Dr. Cornelia Goesmann.

Besonders der Zusammenhang von Alter, Multimorbidität und Demenz und seine Konsequenzen für Betreuung und Versorgung seien noch nicht ausreichend thematisiert worden: "Es ist uns bisher nicht gelungen, ein tragfähiges Gesellschaftskonzept für das Miteinander der Generationen zu entwickeln", so die Hausärztin Goesmann. Von den zur Zeit über eine Million Demenzkranken in Deutschland werden etwa 605 000 ambulant gepflegt "und erfahren teilweise gar keine Betreuung durch ambulante Dienste", beklagte der Altersforscher Kruse.

Der Ärztetag hat sich daher für die "angemessene Versorgung" Alter und Demenzkranker in ihrem häuslichen Umfeld ausgesprochen. Dafür müssten auch Steuergesetze geändert werden. So sollten die Kosten für die Betreuung von Kindern, Kranken und alten Menschen und alten Angehörigen zu Hause "künftig voll steuerlich absetzbar sein", heißt es einem Beschluss des Ärztetags.

Als völlig unzureichend wird dabei die bisherige Personalsituation in Pflegeheimen gesehen. Daher plädierte der Ärztetag für eine Aufstockung der Personalbudgets in Heimen um 30 Prozent. Die Mehrkosten sollten aus Steuermitteln und durch die Pflegeversicherung finanziert werden.

Zwar begrüßten die Delegierten, dass die Bundesregierung in so genannten Leuchtturmprojekten die Forschung zur Prävention von dementiellen Erkrankungen und die Behandlung der Patienten gesondert fördert. Doch dürfe es nicht bei Modellprojekten bleiben. Nötig sei es vielmehr, die gewonnenen Erkenntnisse für die Versorgung "in der Fläche nutzbar zu machen". Der Ärztetag forderte zudem, "endlich die im Gesetz garantierte Rehabilitation geriatrischer Patienten bundesweit sicherzustellen". Denn eine ambulante oder stationäre Reha verbessere auch bei schwer demenzkranken Menschen die Mobilität und erhöhe ihre Autonomie. Nach einer solchen Reha "musste nur jeder fünfte Demenzpatient in eine Pflegeeinrichtung übersiedeln, 80 Prozent konnten nach Hause entlassen werden", berichtete Goesmann.

Der Altersforscher Kruse skizzierte das Anforderungsprofil für eine humane Pflege und Betreuung demenzkranker Menschen: Auch schwerst demenzkranke Patienten, berichtete Kruse über Ergebnisse mimischer Ausdrucksanalyse von Patienten an seinem Institut, "verfügen über ein viel reichhaltigeres affektives Leben" als man gemeinhin annehme. Er widersprach damit angeblich wissenschaftlichen Befunden, wonach aktivierende Techniken (etwa Musik-, Tanz- und Maltherapie) nicht mehr die körperliche, kognitive oder emotionale Situation schwerpflegebedürftiger Menschen verbessere. Der Schutz der Würde des Menschen sei oberstes Gebot. Kruse zitierte als Gewährsmann Friedrich Schiller: "Habt ihr die Blöße des Menschen bedeckt, so zeigt sich die Würde von selbst."

STICHWORT

Demenz

Gegenwärtig sind etwa vier Millionen Bürger über 80 Jahre alt, im Jahr 2050 werden es Prognosen zufolge etwa zehn Millionen sein. Zur Zeit sind etwa zwölf Prozent der 75- bis 80-Jährigen von einer Demenz betroffen. In der Altersgruppe der 80- bis 90-Jährigen ist es schon jeder Vierte. Bei Menschen über 90 Jahre gelten fast 30 Prozent als dementiell erkrankt. Gegenwärtig sind etwa 1,3 Millionen Menschen demenzkrank. Etwa jeder Zweite bezieht Leistungen aus der Pflegeversicherung. Für das Jahr 2050 gehen Prognosen von 2,3 Millionen Betroffenen aus.

Eine dementielle Erkrankung ist der mit Abstand wichtigste Grund für eine Heimunterbringung.

Lesen Sie dazu auch die Dokumentation:
"Es geht um Lebensqualität, Selbstverantwortung und Teilhabe"

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