Ärzte Zeitung, 10.10.2012

Beschneidung

Jetzt muss der Bundestag ran

Das Kabinett hat den Gesetzentwurf zur Beschneidung gebilligt. Der Zentralrat der Juden spricht von einem bestandenen Toleranztest, Kinderärzte bleiben skeptisch.

Bei der Beschneidung hat jetzt der Bundestag das Wort

Vorhaut unterm Messer: Der geplante Beschneidungsparagraf nimmt eine weitere Hürde.

© Kay Nietfeld / dpa

BERLIN (chb). Beschneidungen sollen auch künftig in Deutschland straffrei möglich sein. Einen entsprechenden Gesetzentwurf hat am Mittwoch das Bundeskabinett auf den Weg gebracht.

Jetzt soll der Bundestag das Gesetz noch in diesem Jahr beschließen, damit es so schnell wie möglich in Kraft treten kann.

Der Gesetzentwurf eröffne die Chance, "die durch das Urteil des Landgerichts Köln entstandene rechtliche Verunsicherung zu beseitigen", kommentierte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger die Kabinettsentscheidung.

"Jetzt kann sich der Bundestag intensiv mit dem Thema befassen", sagte sie. Das Parlament soll das Gesetz noch in diesem Jahr verabschieden, der Fraktionszwang wird dabei vermutlich aufgehoben.

Als bestandenen Toleranztest bezeichnet der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, den Gesetzentwurf.

Er hofft, dass sich die Debatte nun versachlichen wird. "Wir sind doch keine Gruppe von Sadisten und Masochisten", sagte er im Interview mit dem Nachrichtensender "Phoenix".

Kritik von den Pädiatern

"Wenn mit der Beschneidung große Gefahren für die Kinder verbunden wären, würden wir das doch gar nicht machen." Judentum bedeute, dass am achten Tag beschnitten werde, "das können wir nicht freihändig ändern", so Graumann.

Juden würden Christen doch auch nicht sagen, dass sie den Karfreitag auf den Mittwoch verlegen sollten oder Weihnachten in den Sommer, weil es da wärmer sei.

Mit dem Gesetz soll im Bürgerlichen Gesetzbuch der neue Paragraf 1631d eingefügt werden. Es setzt voraus, dass eine Beschneidung nur nach den Regeln ärztlicher Kunst vorgenommen werden darf.

Dazu gehört, dass ein Kind im Zweifel eine Betäubung oder eine Narkose bekommt. Allerdings sollen in den ersten sechs Lebensmonaten auch Nicht-Ärzte beschneiden dürfen, wenn sie über bestimmte Qualifikationen verfügen.

Vor allem diesen Punkt sehen Kinderärzte kritisch, weil die Beschneider keine Vollnarkose geben dürfen.

Das sei nach Auffassung pädiatrischer Schmerzspezialisten aber unerlässlich, so der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

Impressionen vom Urologenkongress 2012 in Leipzip: So steht ein Urologe zur Beschneidung.

© Nicola Birner, Alexandra Ullrich / Springer Medizin

[14.10.2012, 02:18:24]
Dipl.-Med Matthias Junk 
Es ist alles gesagt - und der Irrsinn geht weiter
Da steht nun schon lange fest, dass die Pseudoargumente der Verdummer (und das sogar z.T. aus unseren eigenen ärztlichen Reihen, zumindest aus dem Dunstkreis des Kreationisten-Ländles USA) bezüglich irgendwelcher hygienischer Begründungen für generelle Knaben-Circumcision (ja sogar ganz generell Vorhaut-Manipulationen im weiteren Sinn) im zivilisierten Teil der Welt völlig absurde Irreführung in einer hinterhältigen oder dummen Art sind (wahrscheinlich gemischt).
Der Kinder-Penis ist ein physiologisch völlig anderes Organ als der postpubertäre Erwachsenen-Penis. Hoffentlich haben das wenigstens nach den vielen Beiträgen alle Fachbeteiligten wahrgenommen - und ggf. eigene pseudoplausible Argumentations-Gedankenketten korrigiert.
Kinderpenisse müssen weder so funktionieren wie Erwachsen-Penisse, noch muss eine später nötige und wichtige Funktionsweise frühzeitig herbeigezwungen werden.
Wer auf den irrsinnigen Einfall käme, kleinen Mädchen das Üben des Tampon-Tragens mit ggf. einhergehender Defloration anzutrainieren, damit es später gut klappt, der würde sich bestimmt - auch zu Recht! - entsetzten Vorwürfen und juristischen Einwendungen ausgesetzt sehen.
Genauso ist die "Eichel-Hygiene" bei kleinen Jungs noch unphysiologischer Nonsens.
Sie wird nur durch die partiell nachvollziehbare, aber völlig falsche Pseudo-Plausibilität des "...später ist Smegma schlimm, deshalb zeitige Erziehung zur genitalen Männersauberkeit.." verständlich, aber deshalb schon lange nicht mehr akzeptabel.
Medizinisch notwendige Eingriffe und Korrekturen an Präputiom und Penis - auch an kleinen Jungen - waren und bleiben über jede Diskussion erhabene ärztliche Aufgabenstellungen.
Anderes per Gesetz zu legalisieren ist ein moralischer Rückschritt und eigentlich sogar ein Verbrechen der Akteure an einem solchen Treiben, denn SIE WISSEN; WAS SIE TUN !!
Kann man sie noch bremsen?
Könnte man eine vorauseilende Sammelklage oder Aufsichtsbeschwerde gegen all jene herbeiführen, die das Grundgesetz an wichtiger Stelle mit Voesartz und WIDER BESSERES WISSEN unterhöhlen wollen?
Mindestens aber verlangt die Entwicklung dieser Thematik (nach dem gesellschaftlichen Aufwachen durch das "Blitzlicht" des Kölner Urteils und seine Scheinwerfer-Funktion auf die bestehende Gesetzlichkeit und die stillschweigend praktizierte Ungesetzlichkeit) eigentlich den mutigen, wachsenden und nicht mehr nur stillen Protest der versammelten Ärzteschaft.
Oder haben wir ausschließlich Sinn nach Honorarstreit und keinen bezüglich des öffentlichen Disputs zum Schutz eines kleinen wehrlosen Klientels?
Und es ruft sogar nach innerärztlicher gegenseitiger und nachbarschaftlicher Aufmerksamkeit, die ethische Sauberkeit ärztlichen Handelns gemäß den Regeln der Berufsordnung zu schützen.
Wie sollen denn künftig ggf. Abweichungen durch einzelne "Täter" ("Kollegen" ???) innerhalb der Kammer oder ggf. zivil- und strafrechtlich reguliert werden können, wenn die "Mandats-Verräter" ( sie machen eindeutig mehrheitswidriges im Parlament) in den gesetzgeberischen Gremien das moderne und humanistische Grundgesetz regelrecht "kastrieren" wollen im Kniefall vor überalterten Ritualen einiger einflußreicher religiöser Minder(!!)-heiten , die mit der Opferung einzelner Knaben-Körperteile einen unter naturwissenschaftlich aufgeklärter Sichtweise nicht mehr tolerierbaren Kult betreiben !?
Und JA, wir dürfen und müssen den Mut aufbringen, uns als Heutige in den Diskussionen, die dazu gesamtgesellschaftlich geführt werden, nicht mehr von Gestrigen unter die moralische Sippenhaft der Nazi-Zeit stellen zu lassen. Das Anliegen ist diametral gegesätzlich zu allem, was Faschismus und Nationalsozialismus gegen Minderheiten geredet, perfide geplant und aggressiv getan hat. DIAMETRAL GEGESÄTZLICH !
Hier geht es um konkreten Schutz, und nicht um Schaden!
Die das negieren oder demagogisch verschleiern, sind eigentlich diejenigen, die zur Ordnung und Sauberkeit in der Diskussionskultur zu rufen sind - oder von öffentlichen Diskussionen ausgeschlossen werden sollten, da sie die gesellschaftliche Wohlfahrt und den Frieden einer aktiven und lebendigen Demokratie stören und zusätzliche gefährliche Polarisierungen auslösen.
Die Brisanz des Themas ist schon schwere gesellschaftliche Aufgabe genug.
Es ist geradezu absurd, wie es diesen Protagonisten in den vergangenen Wochen gelang, dass das bei Meinungsumfragen und in öffentlichen Diskussionsrunden "gefühlte" Diskussionsklima und der öffentliche Frieden eher durch die Beiträge der Beschneidungskritiker hinsichtlich einer überlebten Praxis und die damit leider verbundenen NÖTIGEN VERUNSICHERUNGEN "gestört" worden sein soll.
Na klar soll gestört werden, was nicht in Ordnung ist - auch, wenn es früher immer so war.
Die Welt verändert sich und entwickelt sich.
Das ist keine persönliche Glaubensansicht, sondern x-mal bewiesene Realität.
Und wenn früher Schläge als Erziehungsmittel üblich waren, so sind sie es eben heute gar nicht mehr. Auch wenn die Ordnungshüter da manchen brüllenden und schlagenden Familienvorsteher "unterdrücken" müssen.
Gott sei Dank - oder wem nun ?!?
Uns wohl eher - bzw. den positiven Veränderern unter uns. Und den vielen Veränderinnen!
Wo bleiben die weiblichen Kommentare zu den Themen VOR-Haut und (traditionell patriarchalische) VOR-Herr-Schaft im Kopf und im Leben?
Wer das Herrschen realer und immer wieder ändernder und oft verbessernder Entwicklungskräfte negiert, provoziert gesellschaftliche Reibungen und Schwierigkeiten in einem Gesellschafts- und Staatssystem, das von einem um Demokratie bemühten, realistisch und humanistisch orientierten und am Fortschritt interessierten gesellschaftlichen Zusammenleben geprägt ist.
Wenn unter dem argumentativen Mantel des Minderheitenschutzes innerhalb des pluralistischen Gesellschaftsentwurfs im besonderen Fall die Opferung humanistischer Mehrheitsinteressen vollzogen wird, ist das ein Zündfunke für gesellschaftliche Spannungen und Fehlentwicklungen. Und Unfrieden.
Wer das demagogisch fordert oder wer sich daran aktiv beteiligt, ist ein gefährlicher Störer der gesellschaftlichen Balance - und auf dem Weg in die Irre.
Leider führt natürlich diese extrem plötzlich erwachte Verantwortungs- und Schutzbereitschaft großer Teile der Gesellschaft bezüglich der schutzbedürftigen Interessen tausender kleiner Jungen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft im Hinblick auf die Bewahrung ihrer körperlichen Unversehrtheit und die Unterstützung ihrer optimalen seelisch-körperlichen Entwicklung, die sich durch das "in-das-gesellschaftliche- Rampenlicht-stellen" eines bisher eher im gesellschaftlichen Nischen-Bereich praktizierten alten Rituals und seiner multidimensionalen Auswirkung für das Individuum ausgelöst wurde, zu Verunsicherungen und auch zu erschreckter und hektischer Betriebsamkeit im Bereich der Öffentlichkeit und im Bereich der Legislative.
Und es tut mir auch persönlich leid, wenn ich mir vorstelle, welche inneren Stürme und Proteste ausgelöst werden bei all jenen, deren Lebenseinstellung in extrem einseitiger Weise durch das Monopol von Glaubenssätzen und überlieferten gemeinschaftsbildenden Ritualen stabilisiert und verfestigt wird.
Insbesondere können natürlich überall dort, wo Bildung, Schwingungsfähigkeit und Kritikbereitschaft nur teilweise und eingeschränkt entwickelt sind, die aber eine Notwendigkeit für die individuelle und gesellschaftliche Entwicklungsfähigkeit sind, mangelhafte Bereitschaft und ungenügende Fähigkeit vorausgesetzt werden, an Veränderungen zum Besseren mitzuwirken.
Dies so klar auszusprechen, ist kein verachtender Chauvinismus, sondern einfache und bereits vielfach bewiesene Realität.
Hierzulande und überall.
Sie zu ignorieren und schöner zu lügen ist Betrug und damit gesellschaftliches Verbrechen.
Betroffenen Hilfen in dieser Richtung anzubieten - und sich zu bemühen, ihnen argumentativ beizustehen bei der Meisterung des Eindrucks, überfahren zu werden, ist eine große und wichtige weltpolitische Aufgabenstellung.
Aber weiterhin Lebenseinstellungen zu dulden, die partielle oder totale Verletzungen humanistischer Prinzipien auf der Basis "ich allein bin auf dem richtigen Weg und zusammen sind wir Rechthaber unschlagbar, weil wir von weiter oben als unser Nachbar in ein höheres Recht gesetzt sind" propagieren und dabei für sich noch eine gesellschaftliche Toleranz abfordern, ist für eine lebendige moderne humanistische Demokratie perspektivisch nicht akzeptabel und nicht zu leisten.
Und diese Rechthaberei auf Glaubensgrundlage ist in der typisch männlichen Ausprägung innerhalb patriarchalischer Strukturen die gefährlichste und für Mensch und Natur tötlichste Sache der Welt.
Das lehrt der Lauf der Geschichte und die politische und akademische Gegenwart in Form erlebbarer Realität und gewachsener Erkenntnisse.
Nicht nur in den Ergebnissen der Geistes-, Natur- und Religionswissenschaften, sondern in jeder erlebten Alltagssituation lässt sich die Unterschiedlichkeit der wahrnehmenden und gestaltenden Kreativität des Menschen sehen. Geistig und fast göttlich Heiles neben bestialisch Grausamen, Banales neben Grandiosem, Biologistisches neben Kulturellem.
Aber wir dürfen dieser Auswahl keine beliebig gleichberechtigte Chancen geben.
Wir haben nun mal - Weib sei Dank ?! - vom Baum der Erkenntnis gegessen. Welch edles Bild für die typischsten aller menschlichen Eigenschaften: denken zu können und wissen zu wollen, so viel nur geht, um schaffen zu können, so gut es geht...
Alleine. Als Menschen. Mit dem Verantwortungsbewußtsein des Kain : wo ist die herrlich gefühlvolle und größere Freuden spendende Vorhaut seines Bruders Abel?
Es darf nicht mehr Toleranz für autoritär geregelten Unfug auf der Grundlage bornierter Beratungsresistenz geben, wenn naturwissenschaftlich- humanistisch orientierte Lebensbewältigungsstrategien individuell und gesellschaftlich bessere Zukunftsaussicht geben.
Und deutsche Oberrabbiner und alle anderen Glaubenslehrer, die (z.B. öffentlich) von der Evolutionstheorie und vielleicht auch anderen modernen Erkenntnissen als Unsinn schwafeln und zu Ungehorsam gegenüber humanistischen irdischen Gesetzen aufrufen, damit inhumane himmlische Gesetze nicht verletzt werden, all diese sind keinen Nageldreck besser, als predigende oder explodierende muslimische Terror-Idioten, die zu unbeweglich und zu fanatisch sind, die Absurdität ihrer kranken und kriminellen Auslegung von äußerst diskussionsbedürftigen überlieferten Vorväter-Meinungen zu erkennen.
Ja, liebe Kollegenschaft, all diese Fakten hängen an der Diskussion um die Unduldbarkeit unnötiger Verstümmelung kleiner Jungen in UNSERER zivilisierten Welt.
Und nicht nur die Schutzbedürftigkeit dieses an sich kleinen Schnipselchen Vorhaut.
Sondern die Schutzbedürftigkeit des gebildeten humanistischen Fortschritts gegenüber allen schädigenden und gefährdenden Tendenzen archaischer Rituale UND GEGENÜBER ALL DEREN VERFECHTERN.
Klar kann einem da mulmig werden - vor allem, weil man ja Auswirkungen der gereizten pubertären Wut und Unreife aus diesen Glaubensgebieten der Welt kennt.
Aber wir sollten uns als Deutsche da - wenn auch argumentativ wacklig, weil ja wieder religiös eingegerenzt - eher ein Beispiel an Luthers Mut nehmen: auch er musste mit einem gewaltigen Unmut der verstockten und entarteten herrschenden Religiosität rechnen, hat aber Nötiges beherzt begonnen und eine Reformation im Bereich der außer- und innerklerikalen damaligen Kirche erreicht.
Packen auch wir es an.
Und lassen wir die Achtsamkeit bitte nicht sinken.
Wo bleiben die Kommentare in der Öffentlichkeit?
Wo bleiben Ihre ggf. plakativen Statements in Ihren Praxen, Häusern, Stationen?
Die "Politischen" scheinen ihr Gewissen partiell verloren, vor Angst versteckt oder vor Gier bzw. aus Kalkül vor internationalem ungünstigen (Finanz-?)Echo verkauft zu haben.
Müssen wir das auch?
Ich hoffe nicht.
Bitte....

Mit kollegialen Grüßen
M.Junk, Kinderarzt aus Leipzig


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