Donnerstag, 24. April 2014
Ärzte Zeitung, 04.09.2013

Bürgerversicherung

Für Ärzte kein gewinnbringender Weg

Was wäre wenn? Die Absichtserklärung aus Oppositionskreisen, die duale Krankenversicherung zugunsten eines einheitlichen Marktes aufgeben zu wollen, lässt Konvergenzszenarien wie Pilze aus dem Boden schießen.

Von Ilse Schlingensiepen

Für Ärzte kein gewinnbringender Weg

Am Wahltag geht es auch um die Privatmedizin: Die Oppositionsparteien befürworten den Systemwechsel.

© FM2 / Fotolia.de

KÖLN. Im Vorfeld der Bundestagswahl beschäftigt die künftige Gestaltung des Krankenversicherungssystems nicht nur Regierung und Opposition. Die Bewertung des von SPD, Grünen und Linken favorisierten Mammutprojekts Bürgerversicherung hält auch viele Gutachter auf Trab.

Zusätzlich zu den älteren Studien zum Thema haben in der jüngsten Vergangenheit Wissenschaftler und andere Experten verschiedene Aspekte rund um das Konzept untersucht - mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

PVS rechnet Einbußen vor

Für den Verband der Privatärztlichen Verrechnungsstellen hat dessen Vizevorsitzender Dr. Hans-Joachim Kaiser skizziert, welche Auswirkungen die Umstellung auf eine Bürgerversicherung und eine einheitliche Gebührenordnung für die niedergelassenen Ärzte hätte.

Seine Ergebnisse werden bei vielen Ärzten die Alarmglocken läuten lassen. Jedes Jahr werden durch privat erbrachte Leistungen Zusatzhonorare in Höhe von 5,38 Milliarden Euro - im Durchschnitt 43.400 Euro je niedergelassenem Arzt - erzielt.

Besonders betroffen wären demnach von einer Abschaffung der GOÄ-Abrechnung Radiologen und Nuklearmediziner mit jährlichen Einbußen von rund 240.000 Euro, die geringsten Verluste hätten Allgemeinmediziner mit rund 14.700 Euro.

TK entwirft drei Szenarien

Auch Professor Jürgen Wasem hat gemeinsam mit weiteren Gesundheitsökonomen im Auftrag der Techniker Krankenkasse untersucht, welche Folgen ein einheitliches Vergütungssystem in einem einheitlichen Krankenversicherungsmarkt für die ambulante Versorgung hätte.

Die Wissenschaftler unterscheiden drei Szenarien: Wenn alle PKV-Versicherten in das einheitliche Versicherungssystem überführt werden, verlieren die Ärzte im Umstellungsjahr 4,3 Milliarden Euro. 2030 wären es 6,0 Milliarden Euro.

Bleiben die PKV-Bestände unberührt, verlören die Ärzte im ersten Jahr kein Honorar, 2030 müssten sie dann auf 1,5 Milliarden Euro verzichten. Erhalten PKV-Versicherte ein einmaliges Wahlrecht, müsste die Ärzteschaft zunächst mit einem Minus von 1,6 Milliarden Euro rechnen, 2030 wären es dann 3,1 Milliarden Euro.

Je nach Modell variiert der Kompensationsbedarf für die Ärzte, der allerdings an Bedingungen geknüpft wird. Ein Ausgleich soll nur für GKV-Leistungen geschaffen werden. Zudem könnte er zeitlich begrenzt, degressiv gestaltet und mit künftigen Honorarsteigerungen verrechnet werden.

Für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat der Journalist und Berater Dr. Robert Paquet untersucht, wie sich die Einführung der Bürgerversicherung auf die Arbeitsplätze in der GKV und vor allem der PKV auswirken würde.

Massiver Arbeitsplatzabbau

Paquet kommt zu dem Schluss, dass die Umstellung mit einem sofortigen Stopp der Neuzugänge für die private Vollversicherung in der PKV fast die Hälfte der rund 60.000 Stellen kosten könnte. Außerdem wären viele Versicherungsvermittler betroffen.

Kompensationsmöglichkeiten durch das Geschäftsfeld Zusatzversicherung sieht Paquet nicht, Ersatzarbeitsplätze in der GKV auch nicht.

Unter dem Motto "Gerecht, effizient und nachhaltig" haben Bertelsmann Stiftung und Verbraucherzentralen ein Plädoyer für eine "integrierte Krankenversicherung" veröffentlicht - quasi die Bürgerversicherung unter Beibehaltung der PKV.

Laut Studie des Berliner IGES-Institut würde ein solches neues System, das einen höheren Steuerzuschuss voraussetzt, insbesondere Haushalte mit einem geringen Nettoeinkommen gegenüber der heutigen Situation finanziell entlasten.

Haushalte mit einem Nettoeinkommen zwischen 24.000 und 50.000 Euro würden dagegen mit bis zu vier Prozent zusätzlich belastet, diejenigen mit 78.000 Euro und mehr um bis zu zehn Prozent.

Nach einer Untersuchung von Professor Stefan Greß und Professor Karl-Jürgen Bieback für die Arbeiterwohlfahrt ist eine Bürgerversicherung für die Kranken- und die Pflegeversicherung sinnvoll, machbar und verfassungsrechtlich unbedenklich.

Neben der Integration der Versicherungssysteme halten die Wissenschaftler eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze auf das Niveau der Rentenversicherung und die Heranziehung weiterer Einkommensarten für notwendig.

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