Ärzte Zeitung, 04.09.2013

Annette Widmann-Mauz

Kinderlachen als Erholung im Wahlkampf

Gesundheitspolitiker unterwegs im Wahlkampf 2013: Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU) besucht eine Einrichtung für schwerkranke Kinder - und verteilt Lebkuchenherzen und viel gute Laune.

Von Rebecca Beerheide

Kinderlachen als Erholung im Wahlkampf

Lockere Unterhaltung über Autofarben: Annette Widmann-Mauz mit einem Kind aus der Arche IntensivKinder.

© Beerheide

KUSTERDINGEN. Gesetzestexte und Alltag liegen oft sehr weit auseinander - im besten Fall helfen Politiker aber, das Leben von Menschen zu verbessern.

Ein Ort, an dem das gelingt, ist die Arche IntensivKinder in Kusterdingen, knapp zwölf Kilometer östlich von Tübingen: In einer Wohnsiedlung finden dauerbeatmete Kinder ein zu Hause, sie werden umsorgt, betreut und gefördert.

In der Arche werden Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch V abgerechnet, nicht nach dem SGB XI mit der Pflegekasse - ein Halbsatz im Paragrafen 37 SGB V macht es möglich.

"Ich habe die Arche immer als Referenz genommen, als wir in der großen Koalition das Gesetz um diesen Halbsatz erweitert haben", erklärt Annette Widmann-Mauz. In dem Halbsatz heißt es: Versicherte können häusliche Krankenpflege "in ihrem Haushalt, ihrer Familie oder sonst an einem geeigneten Ort" erhalten.

Die Arche liegt im Wahlkreis der Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, die CDU-Politikerin ist die Schirmherrin der Einrichtung.

Zu Zeiten der großen Koalition zwischen 2005 und 2009 war sie gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, hat "bis tief in die Nacht" mit der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) über Reformen verhandelt.

Autofarben sind Kinderglück

Bei ihrem Besuch an einem Samstag-Vormittag ist Widmann-Mauz stolz darauf, wie sich die Arche entwickelt hat. Sie habe die beiden Initiatorinnen von Anfang an begleitet, habe bei Verhandlungen unterstützt, erzählt sie an diesem Vormittag immer wieder.

Die Politikerin trifft gerade ein, als in der Wohngruppe Frühstück gemacht wird. Die Kinder freuen sich über den unbekannten Gast, lachen unbekümmert, die Staatssekretärin lacht fast genauso unbekümmert zurück.

Sie ist herzlich und scheint es zu genießen, dass hier keine Wähler mit Standardsätzen von ihrer Politik im fernen Berlin überzeugt werden müssen.

Ein lockerer Satzwechsel mit einem Jungen über Autofarben reicht für das Kinderglück. Die Politikerin schickt ihren Fahrer zum Auto, er soll für die Kinder ihre "Annette"-Wahlkampf-Lebkuchenherzen holen.

Widmann-Mauz informiert sich über die Neuerungen im Haus: Da ist der integrative Kindergarten, die Elternwohnung, die neue Kooperation mit Pädiatern aus der Uniklinik Tübingen.

Alles ist in hellen Farben mit viel Holz gestaltet, an die schweren Erkrankungen er Kinder erinnern nur die Handdesinfektions-Spender an jeder Wand und die ständigen Pips-Geräusche der Beatmungsgeräte.

"Spannend, nicht spannungsreich"

Im vollen Terminkalender einer Wahlkämpferin scheinen diese zwei Stunden mit den Kindern eine Erholung zu sein - und sie passen zu dem Bild, das Widmann-Mauz vermitteln möchte: Eine Politikerin mit Herz für die Großen und Kleinen, die sich im fernen Berlin für die Wünsche und Forderungen der Menschen aus ihrem Wahlkreis einsetzen will.

In den letzten vier Jahren hat Widmann-Mauz nach je einer Legislaturperiode in der Opposition und auf der Regierungsbank die Seiten zur Exekutive gewechselt.

Als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium - "Merkels Aufpasserin für Bahr" wird sie von kritischen Zungen genannt - habe sie immer einen guten Kontakt zu allen Fraktionen gepflegt, erzählt sie.

Die vergangenen vier Jahre mit zwei FDP-Ministern an der Spitze des Hauses bewertet sie als "spannend, aber nicht im Sinne von spannungsreich" - sie blieb aber in den Augen vieler Beobachter neben den beiden FDP-Ministern nach außen inhaltlich eher unscheinbar. S

ie habe ihre Arbeit im Ministerium als Dienstleisterin für alle Fraktionen gesehen, habe die fachliche Vorbereitung bei europäischen und internationalen Gesundheitsfragen oder die Gesetzgebung mitorganisiert. Runde Tische zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie initiiert. "Da wurde beispielsweise einiges bei den Vorgaben für schwangere Ärztinnen entrümpelt", erzählt sie.

"Wir müssen erst die Wahl gewinnen"

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Als CDU-Frau in einem vom kleineren Koalitionspartner geführten Ministerium soll sie nah dran sein an der Kanzlerin, wird in Berlin gerne erzählt.

Fragen dazu oder zu ihrer politischen Zukunft nach dem 22. September beantwortet sie nicht, und wenn, nur in Politikersprache: "Wir müssen erst einmal die Wahl gewinnen" oder "Gesundheitspolitik mache ich mit Leidenschaft und gerne."

Mit Landeslistenplatz vier und als Direktkandidatin mit dem Wahlkreis 290 Tübingen ist sie auf jeden Fall Mitglied des nächsten Bundestages.

Auch steht ihre Hausmacht innerhalb der baden-württembergischen CDU: Sie ist seit 2003 stellvertretende Landesvorsitzende, seit 1995 Vorsitzende der Frauen Union im Land, seit 2011 auch stellvertretende Bundesvorsitzende.

Egal, was man über sie in Berlin sagt, besonders im ländlichen Teil ihres Wahlkreises lebt die CDU-Wählerschaft.

Während in der Uni-Stadt für eine CDU-Politikerin wenig zu holen ist, sieht das in den ländlichen Gemeinden in der Umgebung ganz anders aus: 2009 bekam sie vielerorts mehr als 40 Prozent der Stimmen.

In diese Provinz lädt sie nun Bundesprominenz aus dem Kabinett ein - in Kürze erklärt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Rottenburg die Finanzkrise, kurz danach kommt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Widmann-Mauz dokumentiert alles auf ihrer Seite bei Facebook, jedes Volksfest, die Begegnungen und Gespräche.

Lebkuchenherzen mit "Annette"

Offenheit und Vertrauen schaffen sind auch ihre Themen für die kommenden vier Jahre. Die Tonlage in den Diskussionen mit den Funktionären aus der Gesundheitspolitik habe sich deutlich entschärft, sagt sie.

Ein Mega-Thema sei mehr Transparenz bei der Behandlungsqualität im Gesundheitswesen. "Es soll bei den Patienten kein Misstrauen entstehen, wir müssen die Akzeptanz des Gesundheitssystems erhalten."

Nach diesem Politiker-Satz verteilt sie ihre "Annette"-Lebkuchenherzen an die Kinder der Arche, winkt noch einmal. Sie verspricht, wieder zu kommen, für Spenden zu werben, sich einzusetzen. Dann geht es weiter zum nächsten Termin: einem Dorffest in Wurmlingen.

btw2013union

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