Ärzte Zeitung online, 05.09.2013

Karl Lauterbach

Der rote Schattenminister

Professor Karl Lauterbach gehört dem Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück an und will Daniel Bahr als Chef im Gesundheitsministerium beerben. Wir haben ihn beim Pflegetag der SPD beobachtet. Ein Porträt.

Von Christoph Fuhr

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Will Daniel Bahr als Gesundheitsminister ablösen: Karl Lauterbach, Mitglied im Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

© Metodi Popow / imago

LEIPZIG. Professor Karl Lauterbach (50), der Sozialdemokrat mit dem markanten rheinländischen Akzent, gerät beim Pflegetag der SPD in Leipzig nur ein einziges Mal ins Schwimmen.

Das passiert, als ein Teilnehmer in breitestem Sächsisch hochkomplexe Fragen stellt, die beim besten Willen nicht zu verstehen sind. "Der Dialekt kann ein Problem bereiten", formuliert Lauterbach höflich zurückhaltend. Eine des Sächsischen mächtige Dame im Saal erbarmt sich und übersetzt.

Die SPD hat zu diesem halbtägigen Kongress vor der Wahl geladen. Das Thema: "Mehr Zeit für Zuwendung! Für gute Arbeit in der Pflege." Menschen aus dem Berufsfeld Pflege sind gekommen, Experten, Arbeitnehmervertreter, Nachwuchskräfte, Pflegeschüler.

Der Frust an der Basis ist groß. Es geht um Arbeitsüberlastung, schlechte Bezahlung, fehlende gesellschaftliche Wertschätzung.

Viele Pflegekräfte sind arm und den Menschen, die gepflegt werden müssen, geht es meist genau so, analysiert Lauterbach. Ein "doppeltes Armutssegment" also, und diesen Kreislauf will er durchbrechen. Konsequenz: Der Pflegeberuf muss attraktiver werden.

Dazu werden sechs Milliarden Euro zusätzlich benötigt, und deshalb muss der Beitragssatz für die Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte erhöht werden. Arbeitsplätze schaffen und zugleich Familien direkt entlasten - das sei das Gebot der Stunde, sagt er.

Lauterbach kommt aus einer Arbeiterfamilie, er hat nach dem Abitur Medizin studiert, die renommierte Harvard School of Public Health in Boston besucht und ist schließlich Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Köln geworden.

2001 wird er Mitglied der SPD und Berater der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Dass "Politik ein Hochrisikojob" ist, in dem man "binnen einer Woche sein Einkommen, seine Reputation und seine berufliche Perspektive" einbüßen kann, das hat Lauterbach, wie er jetzt in einem Interview mit dem "Spiegel" einräumte, dabei immer im Blick gehabt.

2005 schafft er den Sprung in den Bundestag, bei der Wahl zum gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion fällt er auf die Nase - doch vier Jahre später ist seine Kandidatur für dieses Amt erfolgreich.

Weg mit dem Arzneiregress!

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Lauterbach steckt Niederlagen weg. Er verfügt über eine große Fachkenntnis, formuliert rhetorisch geschliffen, geht Konflikten - auch mit der Ärzteschaft - nicht aus dem Weg und baut Netzwerke auf. Ein markanter Typ, der schnell klar macht, dass er nicht ins Parlament eingezogen ist, um jahrelang auf einer Hinterbank zu sitzen.

Die Fliege ist sein Markenzeichen, warum sie zu seinem Standardoutfit gehört, hat er oft genug erklärt. Als junger Mediziner kommt er 1988 nach Texas, absolut korrekte Kleidung ist Pflicht. Er arbeitet in der Unfallchirurgie - mit Krawatte.

"Aber die hing mir ständig in irgendwelchen Wunden herum", berichtet er und entscheidet sich für die Klipp-Fliege als Alternative. Ihr ist er bis heute treu geblieben.

Mit der Berufung ins Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat der Rheinländer ein wichtiges Zwischenziel erreicht. Jetzt kann es für Lauterbach eigentlich nur noch eine Steigerung geben - und das ist die Übernahme des Chefsessels im Bundesgesundheitsministerium.

Parteichef Sigmar Gabriel liefert in Leipzig eine ganz eigene Charakterisierung des Mannes, der in seiner Freizeit die seltene chinesische Kampfsportart Wing Tsun betreibt: "Karl Lauterbach versteht von ganz wenig ganz viel. Und über die Zeit von immer weniger immer mehr. Bis er am Ende von nichts alles versteht", sagt Gabriel schmunzelnd. Da lacht der Saal und der Professor lacht mit.

Lauterbach ist immer für Überraschungen gut. Etwa mit der Ankündigung, Arzneimittelregresse nach einem Wahlsieg zu kippen, weil sie nicht mehr zeitgemäß seien und junge Ärzte davon abhielten, sich als Hausärzte niederzulassen.

Er steht zu einer hausarztzentrierten Versorgung und will mit Blick auf eine bessere Fachärzteversorgung auf dem Land Krankenhäuser für die ambulante Versorgung der Bevölkerung öffnen.

Über mögliche gesundheitspolitische Schnittmengen mit der Union für den Fall, dass es doch zu einer großen Koalition kommt, will Lauterbach nicht reden. "Mit dieser Frage setze ich mich nicht auseinander", stellte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" klar.

"Unser Ziel ist der Wahlsieg und eine rot-grüne Regierung, nichts anderes zählt". Jetzt heißt es für ihn weiterkämpfen und abwarten bis zur Entscheidung am 22. September. Dann hat nur noch einer das Wort - und das ist der Wähler.

btw2013spd

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