Ärzte Zeitung online, 16.09.2013

Unterwegs mit Sabine Bätzing-Lichtenthäler

Etwas Praxis-Check und etwas Praxis-Schock

Die Bundestagsabgeordnete Sabine Bätzing-Lichtenthäler hat einen Vormittag in einer Landarztpraxis ihres Westerwälder Wahlkreises verbracht. Die drei Ärzte haben ihr einige Botschaften mit auf den Weg nach Berlin gegeben.

Von Christiane Badenberg

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Dr. Isabelle Hornburg, Dr. Klaus Kohlhas und Dr. Michael Fink (v.l.) vor ihrer Gemeinschaftspraxis mit der SPD-Abgeordneten Sabine Bätzing-Lichtenthäler.

© Denis Nößler

GEBHARDSHAIN. "Vertraut Sabine" steht in großen Buchstaben auf dem roten Alfa Romeo, mit dem Sabine Bätzing-Lichtenthäler pünktlich um acht vor der Gemeinschaftspraxis in Gebhardshain vorfährt.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete und frühere Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat wie Parlamentarier anderer Parteien auch die Einladung der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz angenommen, sich ein Bild von der Arbeit in einer Landarzt-Praxis zu machen.

Ob die drei Ärzte ihr vertrauen? Sicher ist, sie wollen ihr in den kommenden Stunden einiges anvertrauen.

Werbung für Landarztpraktikum

Der Praxis-Besuch als Audio-Reportage

Wir haben Sabine Bätzing-Lichtenthäler nicht nur mit Notizblock begleitet, sondern auch mit dem Mikrofon. Erleben Sie ihren Besuch in Gebhardshain, als wären Sie selbst dabei gewesen.

Zu den Ärzten gehört Praxisgründer Dr. Michael Fink. Den 60 Jahre alten Hausarzt hat es 1986 aus Wiesbaden in den Westerwald verschlagen, weil seine Frau hier eine Stelle als Lehrerin gefunden hatte.

Außerdem: Dr. Klaus Kohlhas (50), der ihm 1994 in die Gebhardshainer Praxis folgte und dessen Frau das Praxisteam als Diabetesberaterin unterstützt.

Und seit Anfang dieses Jahres die 35 Jahre alte Dr. Isabelle Hornburg, im Westerwald geboren und aufgewachsen. Die junge Mutter ist für die Landarztpraxis so etwas wie ein Sechser im Lotto. Junge Landärzte werden verzweifelt gesucht und nur selten gefunden.

Die Atmosphäre zwischen der 38 Jahre alten Abgeordneten und den Ärzten ist entspannt. Das liegt auch daran, dass Sabine Bätzing-Lichtenthäler eine gute Zuhörerin ist.

Ihre rosa Handtasche hat sie an der Anmeldung deponiert. Ihr Besuch wird deshalb auch nicht von einem einzigen Blick aufs Handy oder gar einem Telefonat unterbrochen. Die volle Aufmerksamkeit gilt den Ärzten, den Mitarbeiterinnen und den Patienten.

Aber auch die drei Ärzte sorgen durch ihre unaufgeregte Art dafür, dass beide Seiten etwas von dem Praxisbesuch haben. So nutzt Isabelle Hornburg die Gelegenheit, bei der Parlamentarierin für ein obligatorisches Landarzt-Praktikum während des Medizinstudiums zu werben.

"Verpflichtende Praktika auf dem Land können helfen, Vorurteile abzubauen", ist sie überzeugt. "Es ist nachgewiesen: Wer vom Land kommt, den zieht es auch wieder dahin zurück." Hornburg selbst ist dafür das beste Beispiel.

Seit 2002 im Bundestag

Die beiden Mittdreißigerinnen Bätzing-Lichtenthäler und Hornburg verbindet einiges. Sie sind gut ausgebildet, beruflich stark engagiert und haben kleine Kinder, bei deren Betreuung die Familie eine wichtige Rolle spielt. "Ohne Oma geht hier gar nichts", sagt Sabine Bätzing-Lichtenthäler.

Vom Leben auf dem Land muss die Parlamentarierin nicht überzeugt werden. Sie ist in Altenkirchen im Westerwald geboren, hat hier ihre Ausbildung zur Diplom-Verwaltungswirtin bei der Verbandsgemeinde gemacht und sitzt seit 2002 für die SPD im Bundestag.

Dort vertritt sie den Wahlkreis Altenkirchen/Neuwied. Mit Mann und Tochter lebt sie in Forst, einem kleinen Ort mit nicht einmal 700 Einwohnern.

Welche Folgen es aber hat, dass es nur wenige junge Ärzte aufs Land zieht, wird Sabine Bätzing-Lichtenthäler an diesem Morgen plastisch und drastisch vor Augen geführt.

Patient auf Patient kommt in die Praxis in der Gebhardshainer Ortsmitte. Schnell ist das Wartezimmer voll und auch im ersten Stock warten zahlreiche Patienten in der Diabetologischen Schwerpunktpraxis auf Dr. Kohlhas.

Einer von ihnen ist Herr B. Der 71-Jährige hat nichts dagegen, dass Sabine Bätzing-Lichtenthäler beim Arztgespräch dabei ist. Herrn B's HbA1c-Wert hat sich seit dem letzten Besuch in der Schwerpunktpraxis von 6,9 auf 7,1 erhöht. Doch noch soll es erst einmal ohne Insulingabe weitergehen.

Dr. Kohlhas mahnt eine Untersuchung beim Augenarzt an. Er vermutet eine Wartezeit von neun Monaten und wird später von seinen Mitarbeiterinnen eines schlechteren belehrt: Anderthalb Jahre müssen Patienten im Westerwald sich wegen eines Termins beim Augenarzt gedulden.

Ähnlich lange Wartezeiten gibt es bei Hautärzten, weiß die Abgeordnete aus eigener Erfahrung. Wer einen Termin in der Schwerpunktpraxis von Dr. Kohlhas braucht, darf sich im Januar/Februar 2014 vorstellen.

18 Monate Wartezeit

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Auf dem Wahlkampfauto von Sabine Bätzing-Lichtenthäler steht "Vertraut Sabine".

© Nößler

Für die Patienten sind im Westerwald nicht nur die Wartezeiten ein Problem, sondern auch der Weg in die Praxis. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert mehr schlecht als recht, im Winter wird er manchmal komplett eingestellt.

"Manche unserer Patienten lassen sich gemeinsame Termine geben, damit sie Fahrgemeinschaften bilden können", berichtet Dr. Fink. Geht das nicht, müssen manchmal Angehörige einen Tag freinehmen, um den Patienten zum Arzt zu fahren.

Am mangelnden Einsatz der Gebhardshainer Ärzte kann es nicht liegen, dass auch bei ihnen die Wartezeiten lang sein können. Denn ein Blick in den Terminkalender von Klaus Kohlhas weist für den Vortag 110 Patientenkontakte aus. Für Nicht-Ärzte eine unfassbare Zahl.

Sabine Bätzing-Lichtenthäler, in Wahlkampfzeiten selbst im Westerwald von einem Termin zum nächsten unterwegs, schaut ungläubig. Dabei kann der Diabetologe ihr anhand der nackten Zahlen auch noch zeigen, dass sich viel Arbeit für einen Hausarzt nicht unbedingt rechnet.

Für die Behandlung von Herrn B. erhält Kohlhas 56 Euro im Quartal. Die setzen sich zusammen aus einer halben Versichertenpauschale, die zwischen 15 und 20 Euro liegt, 20 Euro für die DMP-Quartalsdokumentation sowie einer Chronikerpauschale von 17,50 Euro.

Mehr gibt es für die Behandlung des Patienten nicht, egal wie oft Herr B. die Praxis im Quartal aufsucht. Aber um Herrn B's Gesundheit kümmern sich außer Dr. Kohlhas noch die Diabetesassistentinnen und eine Diabetes-Beraterin in der Praxis. Auch die wollen bezahlt werden.

Für Nöte der Landärzte sensibilisiert

Vor allem Dr. Fink und Dr. Kohlhas nutzen an diesem Morgen jede Gelegenheit, die Abgeordnete mit der Praxisrealität vertraut zu machen. So liegt Dr. Kohlhas viel daran, dass auch die Mitarbeiterinnen der Abgeordneten mit auf den Weg geben können, was ihnen wichtig ist.

"Bitte sorgen Sie dafür, dass im Notdienst 20 Euro Praxisgebühr fällig werden", ergreift Lisa Nilius ihre Chance. Denn wer 20 Euro Praxisgebühr zahlen müsse, der komme nicht wegen einer Kruste in der Nase in den Notdienst, so die Diabetesassistentin.

Sie ärgert sich darüber, dass immer mehr Patienten den Notdienst missbrauchen. "Dann müssen die richtigen Notfallpatienten lange warten."

Im normalen Praxisalltag sind die beiden Diabetesassistentinnen dagegen froh, dass sie nun nicht mehr die zehn Euro kassieren müssen. "Das spart eine Menge Arbeit", sagt Sandra Groß.

Doch Jammern ist für die Gebhardshainer Ärzte und ihr Team keine Option. Sie bauen darauf, dass Sabine Bätzing-Lichtenthäler durch ihre Erfahrungen an diesem Dienstagmorgen für die Nöte der Haus- und Landärzte sensibilisiert wurde.

Dieses Ziel scheinen sie erreicht zu haben. Auf die Frage, was sie von dem Tag mitnimmt, antwortet die Politikerin: "Dass Beratung Zeit kostet, sich die Arbeit der Ärzte aber immer mehr verdichtet."

"Solche Erfahrungen in der Praxis bringen mir mehr, als seitenlange Eingaben zu lesen. Da entstehen ganz andere Eindrücke, auf die ich später zurückgreifen kann." Dann steigt sie in den roten Alfa und fährt davon.

Zurück bleiben drei Ärzte, die jetzt darauf vertrauen müssen, dass Sabine Bätzing-Lichtenthäler im Falle ihrer Wiederwahl in den Deutschen Bundestag die Botschaft nach Berlin trägt: Die Lage auf dem Land ist für Ärzte und Patienten dramatisch. Es muss etwas passieren - und zwar schnell.

btw2013spd
[16.09.2013, 18:14:53]
Jörg Dähn 
Lisa Nilius hätte vorher ihren Chef fragen sollen.
Nicht 20 Euro Notfallgebühr für die Kassen sondern Abrechnung nach GOÄ und Rechnung für den Pat., der das Ganze dann bei seiner kranken Kassen einreicht. DAS entzerrt den Notfalldienst ungemein. zum Beitrag »

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