Ärzte Zeitung online, 17.09.2013

Wahlkampf mit Humor

Qigong mit Martina Bunge

Ärzte haben Dr. Martina Bunge als Politikerin mit "Herz und Verstand" schätzen gelernt. Darauf setzt die einstige Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern auch im Wahlkampf - plus den Faktor Humor. Der "Ärzte Zeitung" zeigt sie ihre Qigong-Übungen.

Von Johanna Dielmann-von Berg

Qigong mit Martina Bunge

Flyer, Feuerzeuge und ein rotes Rad: Auch Urlauber wie Familie Linke aus Görlitz nutzen die Gelegenheit, dass ihnen Bundestagsabgeordnete Martina Bunge (l.) am Infostand in Bad Doberan Rede und Antwort steht.

© jvb

BAD DOBERAN. "Mit Herz und Verstand" wirbt Martina Bunge um Stimmen. In großen weißen Lettern auf arbeiterrotem Hintergrund steht ihr Motto auf dem Wahlplakat.

Die Linken-Politikerin weiß, sie überzeugt vor allem im persönlichen Gespräch. Daher legt sie täglich zwischen 200 und 300 Kilometer im Wahlkreis 13 zwischen Ostsee und Mecklenburgischer Seenplatte zurück.

Immer mit von der Partie - das rote Rad, ihr mobiler Infostand. Für die 62-Jährige kann jede Stimme die entscheidende sein.

Wie schon bei der letzten Wahl 2009 liefert sie sich mit Karin Strenz (CDU) ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Rund drei Prozent gaben damals den Ausschlag - zugunsten von Strenz.

Martina Bunge zog auf Platz drei der Landesliste in den Bundestag ein. Das soll sich dieses Jahr nicht wiederholen.

Sitz im Bundestag ist fraglich

Schließlich hat die Gesundheitspolitikerin auf der Landesliste inzwischen zwei Plätze eingebüßt und damit kaum eine Chance auf einen Sitz im Bundestag, wenn sie nicht das Direktmandat im Wahlkreis gewinnt.

Aber Bunge ist optimistisch: "Die Stimmung dreht gerade ein bisschen", sagt sie. Die Linke liege derzeit etwa bei gut 23 Prozent, etwa drei Prozent könne sie bei der Erststimme über den Parteiwert noch zulegen.

Dafür gönnt sich die 62-Jährige fast keine Pausen. An diesem Donnerstag im August steht Bad Doberan bei Heiligendamm auf dem Plan. Erste Station: Reha-Klinik. Herzliche Begrüßung mit dem Geschäftsführer - man kennt sich aus alten Zeiten.

Sie: ehemalige Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns. Er: damals auf Kassen-, jetzt auf Klinikseite tätig. Rasch entwickelt sich ein fast freundschaftliches Gespräch.

Dabei hat der Klinikleiter große Sorgen: Der Deckel beim Reha-Budget wurde wieder nicht gelüftet, jetzt fehlen die Patienten. "Es ist wichtig, dass Sie für uns ein offenes Ohr haben", gibt er der Abgeordneten mit auf den Weg. "Sie wissen ja, ich bin ein bisschen verseucht", antwortet Bunge und lacht, wie sie es immer tut, wenn sie begeistert von ihrem Faible für Prävention erzählt.

Zur Rehabilitation hat die Gesundheitspolitikerin ein besonderes Verhältnis. Grund dafür ist ihre Ministerzeit in der rot-roten Koalition mit der SPD von 1998 bis 2002. "Ich habe Regieren probiert", sagt sie und schmunzelt, wenn sie heute über diese Zeit spricht. Sie erzählt von Verhandlungen bis weit nach Mitternacht, um Kassen und KV miteinander zu versöhnen.

"Politikerin zum Anfassen"

Der langjährige KV-Chef Dr. Wolfgang Eckert beschreibt sie damals als Politikerin, die mit "Herz und Verstand" den Dialog zu den Ärzten sucht. Auch Kassenvertreter sehen sie als "Politikerin zum Anfassen". "Pro Tag habe ich damals nur vier bis fünf Stunden geschlafen", erzählt Bunge.

Gedankt wurde es ihr nicht. Die erste Sozialministerin der PDS wurde 2002 zum Sündenbock ihrer Partei auserkoren. Sie führten das schlechte Wahlergebnis auf Bunges "mangelndes Profil" in der Gesundheits- und Sozialpolitik zurück.

Sie zieht daraus freilich andere Schlüsse: "Mir geht das Sachinteresse vor Partei", das komme nicht immer gut an. Eine gute Politikerin brauche vor allem Rückgrat, um Entscheidungen gegen Widersacher - auch in der eigenen Partei - durchzufechten, das habe sie gelernt. Dadurch ist sie auch unter den Genossen nicht unumstritten. Ihr Prinzip: "Wenn ich mit meinem Gewissen klarkomme, kann ich alles aushalten."

Doch der Schmerz der Zurückweisung saß tief, auch körperlich plagten sie Gelenkbeschwerden. Sie nahm sich eine Auszeit. "Die Reha hat mein Leben verändert." In der Kur entdeckte Martina Bunge ihr Geheimrezept: Jeden Morgen trainiert sie Kung-Fu und schwimmt danach zur Abkühlung in der Ostsee.

Den Abschluss des Morgenrituals bilden zehn Minuten Qigong. "Dabei sortiere ich nicht nur meine Wirbelsäule, ich kann auch von der Welt abschalten", sagt Bunge. Das helfe ihr auch, lange Sitzungen im Bundestag durchzustehen.

Und die Gelenkbeschwerden? Die Verbesserung sei auf Röntgenbildern deutlich zu sehen.

Eine Präventionsfetischistin

Seitdem ist Bunge Präventionsfetischistin. Vom Präventionsgesetz der schwarz-gelben Koalition hält sie aber nichts. "Das ist eher ein Anti-Präventionsgesetz", wettert sie. Prävention müsse umfassend gedacht werden, sich also nicht nur auf Ärzte beschränken, sondern auch Jugendämter, Schulen oder Arbeitsämter einbinden. Wenn sie über Gesundheitspolitik spricht, passt sie sich in der Wortwahl ihrem Gegenüber an, etwa Frau B.

Die Seniorin hat die rechte Hand zur Faust geballt, den Arm kann sie kaum anheben. Jeden Tag fährt sie 20 Kilometer mit dem Bus zur Physiotherapie in die Reha-Klinik. Für was sie sich einsetze, will sie von Martina Bunge wissen.

"Dafür, dass jeder, der eine Reha braucht, auch eine machen kann", bringt diese die Abschaffung des Reha-Deckels auf den Punkt.

Ein weiteres Lieblingsthema der Gesundheitspolitikerin, über das sie mit jedem an diesem Donnerstag spricht: Soziale Ungleichheit abbauen.

Sie hat ein Herz für die kleinen Leute, denn auch sie hat unten angefangen. In der damaligen DDR schließt die gebürtige Leipzigerin eine Berufsausbildung bei der Eisenbahn mit Abitur ab.

Nebenbei studiert sie Mathematik, Marxismus sowie Leninismus und promoviert in Ökonomie an der Universität Rostock. Kurz vor der Wende wird sie an die Akademie für Gesellschaftswissenschaften des Zentralkomitees der SED berufen.

Dort soll sie in ihrer Habilitation untersuchen, wie die Produktivkräfte besser genutzt werden können. Sie habe etwa vorgeschlagen, das Ministerium für Bildung von Margot Honecker überflüssig zu machen, erzählt sie und lacht.

Aber als keiner ihrer Vorschläge aufgegriffen wurde, "war mir klar: Das wird nichts mehr mit der DDR.""Wer sozial benachteiligt ist, steht auch gesundheitlich meist schlechter da", sagt sie.

Bürgerversicherungs-Modell aus ihrer Feder

Mit der Bürgerversicherung solle soziale Ungleichheit im Gesundheitswesen angeglichen werden. Bunge kennt jedes Detail, denn das Modell der Linken stammt aus ihrer Feder.

Die Kernpunkte: Alle Einkommen, auch Mieten, sollen einbezogen werden, Zusatzbeiträge und Beitragsbemessungsgrenze würden abgeschafft. So soll der Beitragssatz für die Krankenversicherung auf 10,5 Prozent sinken.

Vor allem bei Ärzten kommt die Bürgerversicherung aber oft nicht gut an. Ihnen ist es zu ungewiss, ob die für sie essenziellen Einnahmen durch Privatpatienten kompensiert werden können, wenn es keine Privatversicherten mehr gibt.

Und was, wenn es mit der Wiederwahl nicht klappt? Martina Bunge hat bereits einige Ideen. So kann sie sich vorstellen, die linke Bundestagsfraktion weiterhin auf ihren Fachgebieten Gesundheitspolitik und ostdeutsche Rentenprobleme zu beraten.

"Bis zum 22. September zählt aber nur der Wahlkampf", sagt sie, steigt ins Auto und fährt ins heimische Wismar.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Langes Arbeiten kann tödlich sein

Eine lange Wochenarbeitszeit erhöht das Risiko für Herzerkrankungen und Krebs. Forscher konnten die Stundenzahl sogar exakt angeben, ab der sich das Risiko stark erhöht. mehr »

Ausschuss reißt Frist des Gesetzgebers

Das neue Qualitätsmaß für Pflegeheime gerät in Verzug. Eine Studie bietet eine Alternative an. mehr »

Jeder dritte Demenz-Fall vermeidbar

Finge die Demenz-Prävention bereits in der Kindheit an, könne die Krankheit bei einem Drittel aller Erwachsenen verhindert werden – so eine Studie. mehr »