Ärzte Zeitung, 19.09.2013

Jens Spahn

"Rotzlöffel" und großer Kommunikator

Jens Spahn ist 33 Jahre jung, in der Gesundheitspolitik gilt der CDU-Politiker aber schon als alter Hase. Im Wahlkampf biedert er sich nicht an, sondern bleibt höflich und bestimmt.

Von Sunna Gieseke

"Rotzlöffel" und großer Kommunikator

Jens Spahn mit mobilem Konterfei von Jens Spahn.

© Sunna Gieseke

RHEINE. Für das, was die Hausärzte dem System an Geld sparen, sollte man ihnen auf die Schulter klopfen, nicht ihnen Strafen auferlegen. Der weißhaarige Hausarzt aus dem Münsterland empört sich lauthals über den ständig drohenden Regress.

Jens Spahn dreht sich um und klopft dem Arzt mehrmals hintereinander auf die Schulter. Spahn ist zwar gerade einmal 33 Jahre alt, beherrscht aber schon die väterliche Geste.

Die anderen Ärzte brechen in lautes Gelächter aus: "Das wird der sein Leben lang nicht mehr vergessen", ruft einer von ihnen prustend.

Es ist Freitagnachmittag, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag sitzt bei Kaffee und Pralinen zusammen mit vier Ärzten im Wartezimmer einer Praxis in Legden im Münsterland.

Er diskutiert über die Gesundheitspolitik - über die Themen, die den Ärzten am Herzen liegen, drohende Regresse und die Zukunft der PKV.

Unterwegs im Spahn-Mobil

Der Terminplan von Spahn ist eng getaktet, und die nächste Veranstaltung wartet schon. Schnell lassen sich die Ärzte noch mit dem Politiker ablichten.

Dann besteigt er in das Spahn-Mobil: ein kleiner, schwarzer Bus - stylisch beklebt mit dem comic-haften Konterfei des jungen Politikers in schwarz-weiß und dem Wahlslogan: "Unterwegs zu Ihnen. Reden wir miteinander. Ihr Jens Spahn."

Auf dem Weg zum Auto erhält er noch kurze Anweisungen von seinem Wahlkampf-Team, was er auf dem Weg noch alles zu erledigen habe.

Spahn ist multitaskingfähig: Das Tablet hat er auf dem Schoß, um E-Mails zu beantworten, mit der Navigationsfunktion seines Handys weist er seinem Teamkollegen den Weg, der das Spahn-Mobil steuert. "Jetzt musst Du links, hier rechts."

Der CDU-Mann der neuen Generation versucht, die Stimmen junger und älterer Wähler zu gewinnen: Wer ihn einlädt, bekommt seine Aufmerksamkeit für kurze Zeit.

Er twittert, schreibt einen Blog, pflegt seine Facebook-Seite und es gibt sogar eine Spahn-App, gratis natürlich. Darin bewirbt er zum Beispiel den Kinoabend am heutigen Mittwoch mit ihm in Rheine: Die Zielgruppe sind Erst- und Jungwähler.

Die Kritik von der Opposition "Politik ist etwas Ernstes und nicht nur Spaß", schmettert er ab: "Deswegen gucken wir auch nicht ‚Terminator‘, sondern ‚Der Minister‘."

Keine großen Versprechen

Er kann aber auch technikfern sein. Im Straßenwahlkampf weiß er, wie man die Menschen ganz analog erreicht. "Darf ich Ihnen Informationen geben", fragt er höflich.

Wenn die Damen und Herren auf dem Markt in Burgsteinfurt die Informationen annehmen wollen, entspinnen sich nette Gespräche mit dem CDU-Mann.

Manche winken ab, dann wünscht Spahn, dessen Markenzeichen die kurz geschorenen Haare und die markante Designer-Brille sind, höflich ein schönes Wochenende.

Die Höflichkeit ist nicht aufgesetzt. Jens Spahn fällt das Kommunizieren einfach leicht. Er setzt in seinem Wahlkampf nicht auf große Versprechen.

Eine Frau auf dem Marktplatz in Steinfurt empört sich über die Zuzahlungen bei Arzneimitteln. "Daran werden wir erst einmal nichts ändern", sagt Spahn freundlich.

Später ein Besuch in einer Akupunkturpraxis: Spahn ist von Eltern eines Jungen eingeladen worden, der im Rollstuhl sitzt. Spahn, 1,91 Meter groß, breitschultrig, ist im Raum sofort sehr präsent: Gleich setzt er sich in die Mitte des Raumes auf die Liege, stemmt die Fäuste in die Hüfte.

Auch diesen Eltern macht er keine Versprechungen, redet ihnen selbst im Wahlkampf nicht nach dem Mund. Sein Wahlslogan ist Programm: Er redet mit den Menschen. Er verspricht ihnen nichts, was er nicht halten kann.

Spahn bleibt Spahn - das ist Konzept genug. Die Kasse zahlt die zusätzliche Akupunktur nicht, obwohl diese dem 18-jährigen Sohn hilft. Spahn sagt: Die Kasse sei im Recht und leiste das, was sie könne.

Die Eltern bedanken sich trotzdem aufrichtig: für seine Zeit, sein Interesse, für seine Aufmerksamkeit. Das ist es, was Spahn ausmacht. Er kann Menschen für sich einnehmen - wenn er will.

Spahn hat viele Kritiker

Jens Spahn ist intelligent und eloquent: Einser-Abitur, Latein habe er gerne gelernt, seine Mutter fragte ihn die Vokabeln ab. Das Atommüll-Zwischenlager in Ahaus fand der junge Spahn im Gegensatz zu Lehrern und Mitschülern gut.

Keine Attribute, die unbedingt mit einem Sympathieträger verbunden werden. Aber auch jemand wie Spahn hat eine Achillesverse: Er weiß, dass er gut ist. Das kann schnell überheblich wirken, und der überzeugte Katholik muss sich daher selbst oft bremsen.

In Berlin hatte er lange Zeit das Image eines "Rotzlöffels". Spahn sagt, was er denkt. Gestandenen Figuren im Gesundheitswesen gegenüber kann das respektlos wirken. 2010 lieferte er sich zum Beispiel mit dem damaligen GBA-Chef Rainer Hess einen Schlagabtausch im Gesundheitsausschuss.

Kern der Debatte waren die Pläne der Koalition zur künftigen Bewertung von Arzneimitteln, diese mündeten dann später im Arzneimittel-Marktneuordnungsgesetz. SPD-Gesundheitssprecher Karl Lauterbach warf Spahn schließlich vor, sich "im Ton vergriffen" zu haben.

Vor elf Jahren zog der damals 22-Jährige nach der Banklehre in den Bundestag ein. "Der hat noch nichts im Leben geleistet", warfen ihm Kritiker damals vor. An Spahn perlt das ab: Er sei nach seinem Engagement als Jugendlicher in der Politik "hängen geblieben".

Doch es ist eigentlich viel mehr als das: Er hat seinen Beruf, seine Berufung gefunden. Er ist Politiker mit Leib und Seele. Er stößt Themen an, testet mit Diskussionsbeiträgen die Reaktion des Gesundheitsministeriums.

Auf diesem Weg gibt es Misserfolge wie bei seiner Forderung nach Zwei-Bett-Zimmern in Kliniken.

Eine Passantin auf dem Marktplatz stellt die entscheidende Frage: "Was würden Sie machen, wenn Sie Gesundheitsminister werden?" Spahn wäre gerne Gesundheitsminister, er ist jedoch Profi genug, um das nicht deutlich zu sagen.

Sein Name ist in dem Zusammenhang bereits gefallen, aber nicht alle halten ihn für "ministrabel". Denn: Er kann stolpern - aber wenn, dann nur über sich selbst.

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