Ärzte Zeitung, 11.11.2013

Schwarz-rote Idee

Altenheim statt Klinik

Union und SPD wollen die Kliniklandschaft kräftig umbauen: Aus nicht benötigten Häusern sollen Heime oder MVZ werden. Bedrohte Kliniken auf dem Land dürfen auf einen Fördertopf hoffen.

Von Sunna Gieseke

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Die Arbeitsgruppen von CDU/CSU und SPD treffen sich zurzeit in Berlin zu den Koalitionsverhandlungen. Hier die Arbeitsgruppe Gesundheit.

© Maurizio Gambarini / dpa

BERLIN. Viele der rund 2000 Krankenhäuser sind insolvenzgefährdet. Ein Investitionsfonds über 500 Millionen Euro soll nun helfen, einen Strukturwandel voranzutreiben und Kliniken in beispielsweise Altenheime umzuwandeln.

Das haben Union und SPD nach mehrstündigen Verhandlungen in der Arbeitsgruppe Gesundheit am Freitag in Berlin angekündigt. Mit den Mitteln könne die Umwandlung nicht mehr benötigter Krankenhäuser in medizinische Versorgungszentren oder Altenpflegeheime unterstützt werden, sagte CDU-Verhandlungsführer Jens Spahn.

Kliniken ließen sich nicht einfach schließen: Oft brauche es vor Ort neue Perspektiven vor allem in Bezug auf die Arbeitsplätze.

In sehr dünn besiedelten Gebieten, in denen es nur wenige Kliniken gibt, soll es hingegen einen Sicherstellungszuschlag geben, kündigte Spahn an. Auf diese Weise sollen die Häuser erhalten werden können.

"Krankenhäuser sollen für die Patienten gut, gut erreichbar und sicher sein", sagte Spahn. Daher müsse eine flächendeckende Versorgung sichergestellt werden.

Um diese steigende Zahl an Operationen einzudämmen, sollen Patienten zudem verstärkt durch die Ärzte auf die Möglichkeit hingewiesen werden, Zweitmeinungen einzuholen. "Wir haben in Deutschland viele Eingriffe, die zu oft gemacht werden", kritisierte der Verhandlungsführer der SPD, Karl Lauterbach.

Zwischen Veranlassung und Durchführung einer Operation soll künftig eine Zehn-Tages-Frist eingeführt werden. Binnen dieser Frist könne der Patient selbst eine zweite Arztmeinung einholen können. Das gelte jedoch nur für eine eingeschränkte Zahl an Eingriffen, die vom GBA definiert werden müssten, ergänzte Spahn.

Die Zweitmeinung müsse von der Kasse bezahlt werden. Verbesserungen in der Krankenpflege erwarten sich Union und SPD dadurch, dass Kliniken künftig nachweisen sollen, dass sie bezahlte Pflegeleistungen wirklich erbracht haben.

Die Kassen reagierten positiv auf die Umstrukturierungspläne. "Finanzielle Anreize, um das Klinikangebot besser am Bedarf der Patienten auszurichten, halten wir für sinnvoll", sagte der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz.

Neues Beitragsgeld brauche es dafür aber nicht. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, sagte hingegen, eine kostendeckende Klinikfinanzierung sei besser.

(mit Material von dpa)

[11.11.2013, 23:19:17]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Ist das Krankenhaus zu klein, geht es in das Altenheim"?
Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) publiziert die dazu passende Studie und Jens Spahn (CDU/CSU) darf damit endlich seinen Master-Abschluss machen. Wohnort- und Patienten-nahe Krankenhausversorgung ist out, während bei der Infrastruktur gerade mal die Regionalisierung wiederentdeckt wurde.

Das passt einfach nicht zusammen: Die GKV u n d PKV in Dysbalance zwischen Solidarität und Selbstverantwortung. Gesetzlich und privat Krankenversicherte können bei beliebig vielen Leistungsanbietern mit gedeckeltem Budget in einer Art „flatrate“ oder „all you can eat“ Manier besinnungslos personelle und technische Medizinbetriebs-Ressourcen abgreifen. Oder sie bezahlen horrende Prämiensteigerungen in der PKV-Branche.

O h n e sinnvolle Steuerung durch Gesundheitserziehung, Prävention, medizinische Fachberufe, Ärztinnen und Ärzte im primärmedizinischen Bereich. Denn dort wird rationiert und ausgedünnt auf Teufel komm' raus. Zugleich werden der gesunde Menschenverstand bzw. bewährte Haus- und Naturheilmittel bei Bagatellerkrankungen des Alltags für die Bewahrung von Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstbehauptung abgeschafft. Zugunsten von Telemedizin und Internet-gesteuerter Selbstdiagnose und -Therapie mit differenzialdiagnostischen Fragestellungen in Chat-rooms und anonymen Foren.

Andererseits schreiten Spezialisierung, Medizinalisierung und Medikalisierung durch Klinik- und MVZ-Zentralisierung voran. Jeder banale Husten zum Lungenfacharzt, zum Thorax-CT und zum MRT, weil da eine minimale Pleuranarbe zu sehen war. Bei Rückenschmerzen immer NMR-LWS und mindestens Lasertherapie statt Physio. Bei Schnupfen sinnloses NNH-Rö und Fensterungs-Eingriff. Bei Gelenkschmerzen sicherheitshalber Rö, CT und mindestens bds. NMR zum Seitenvergleich mit der völlig beschwerdefreien Seite. Jeden Fließschnupfen mit Rachenabstrich, allgemeiner Keim und MRSA-Diagnostik beantworten. Bei jedem symptomatischen Kopfschmerz Schädel-MRT, Neurologie und Neurochirurgie. Jede minimale Verletzung wird geröntgt, dem Klinik-Chirurgen vorgestellt und jede Arthrose ist mit Sicherheit Rheuma, jede Schilddrüse trägt ein Karzinom.

Die Steuerung (Lotsenfunktion) und Koordination mit abgestuften und offen vernetzten Strukturen durch primärmedizinische Hausärzte/-innen auf der Basis von präformiertem medizinischen Laienwissen, allgemeinärztlich-internistisch-pädiatrischen Grundversorgung, fachärztlicher-, spezialmedizinischer-, ambulanter bis stationärer Stufendiagnostik, Therapie und Versorgung vom Kreiskrankenhaus bis zur Universitätsklinik gehen völlig verloren. Die Versorgungs-u n g l e i c h h e i t im ländlichen und städtischen Raum, in Ballungszentren, sozialen Brennpunkten und Randbezirken wird durch Klinikschließungen und Bettenstreichungen zementiert. Die Massenabfertigung in Schwerpunkt-Praxen, Fließband- und Rotationsmedizin in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), Akkordtaktung und Arbeitsverdichtung in den Kliniken führen zu Aufmerksamkeitsfallen.

Klinikzentren und private Krankenhauskonzerne bieten dann nur noch kostendeckende bis gewinnbringende Sparten- und Spezialmedizin. Rechtes Kniegelenk in München, linkes Kniegelenk beim Experten in Hamburg. Die Appendektomie beim Kind nur noch im 250 km entfernten kinderchirurgischen Zentrum, weil es im regionalen Kreiskrankenhaus nur noch einmal im Jahr einen Akutfall mit Komplikationen gegeben hatte. Geburten sind nur noch in 15 Perinatalzentren in ganz Deutschland möglich, kleine Frauenkliniken haben keine Chance mehr. STEMI und NON-STEMI, TAVI, BMS- und DES nur noch in Zentral- und Universitäts-Krankenhäusern, wo Organ-Explantations- und Implantationsteams nur noch auf schwerwiegende Komplikationen lauern, um transplantationsmedizinische Heldentaten zu vollbringen.

Natürlich ist das polemisch und gemein. Sicher tue ich diesen selbsternannten "Gesundheitsexperten" von Union und SPD bitter unrecht, wenn sie fachmännisch die Kliniklandschaft umbauen wollen, ohne von Krankheit jemals eine Ahnung gehabt zu haben: Alle bedrohten Kliniken auf dem Land dürfen jetzt wieder hoffen, endlich Heime oder MVZ werden zu dürfen – „Hauptsache gesund!“

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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