Ärzte Zeitung, 11.11.2013

Wartezeiten

Termin-Garantie stößt Fachärzten sauer auf

Eine maximale Wartefrist von vier Wochen auf einen Termin beim Facharzt sorgt bei den Ärzten für Kopfschütteln.

BERLIN. Angesichts der teils harschen Kritik an Plänen für maximale Fristen für die Vergabe von Facharztterminen hat der gesundheitspolitische Verhandlungsführer der Union, Jens Spahn (CDU), klargestellt, dass dieses Reglement nur für ärztliche Überweisungen zum Facharzt gelten soll. Ärzte-Organisation hatten zuvor mit Ablehnung auf die Pläne reagiert.

Spahn stellte nun klar: KVen sollten dazu – auch mit den Kassen – einen Terminservice einrichten mit dem Ziel, dass der überwiesene Patient innerhalb einer Woche einen Behandlungstermin vermittelt bekommt.

Im Regelfall sollte eine Wartezeit von vier Wochen nicht überschritten werden. Mit der ärztlichen Überweisung gilt die medizinische Notwendigkeit der Facharztinanspruchnahme als nachgewiesen.

Mit Zweifel bis Ablehnung reagierten am Freitag Ärzte-Organisationen auf die am Donnerstag von den Koalitions-Verhandlungsführern in Sachen Gesundheit, Spahn und Karl Lauterbach (SPD), reagiert.

KBV-Chef Dr. Andreas Köhler verwies auf die Versichertenbefragung der KBV. 80 Prozent der Versicherten hätten keine Probleme, zügig einen Termin zu bekommen. Dort, wo es längere Wartezeiten gebe, müsse jedoch im Interesse der Patienten eine Lösung gefunden werden, sagte Köhler.

Ob eine pauschale Vier-Wochen-Frist ohne Prüfung der medizinischen Indikation sinnvoll sei, müsse kritisch hinterfragt werden. Wenn Fachärzte und KVen in die Pflicht genommen werden sollten, dann müsse auch eine Lösung dafür gefunden werden, wie die heute schon überlasteten Praxen entlastet werden könnten.

Baumgärtner: Neue absurde Kampagne

Als "unausgereift" und "populistisch" wertet Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender des Spitzenverbandes der Fachärzte, den Plan von Spahn und Lauterbach. Wenn es Wartezeiten auf Termine gebe, dann steckten dahinter handfeste versorgungspolitische Gründe. Diese ließen sich nicht mit einer Termin-Garantie lösen.

Gassen: "Wir jonglieren täglich in unseren Praxen mit knappen Budgets und einer steigenden Nachfrage nach Leistungen." In einigen Fachgruppen und Regionen könne die gedeckelte Vergütung zu Wartezeiten führen.

Als ein "leeres und vielleicht sogar teures Versprechen" wertet Gassen den Anspruch auf ambulante Klinikbehandlung nach Ablauf der Vier-Wochen-Frist. Dort seien lange Wartezeiten bei Patienten gefürchtet, auch Facharzt-Standard sein dort nicht garantiert. Die Kliniken würden sich solche Leistungen teuer bezahlen lassen.

Eine "neue absurde Kampagne gegen niedergelassene Fachärzte" vermutet Dr. Werner Baumgärtner, Chef von Medi Geno Deutschland.

Der Plan von Spahn und Lauterbach bedeute, dass niedergelassene Fachärzte weiterhin budgetiert blieben, die Krankenhäuser gleiche Leistungen aber ohne Budget erbringen dürften. Das werde dazu führen, dass viele Facharztpraxen im Wettbewerb mit Kliniken auf der Strecke bleiben würden. (HL)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nur ein Placebo?

[11.11.2013, 15:57:47]
Anne C. Leber 
Leserzuschrift von Dr. Herbert Mück
Absurditäten beseitigen, statt neue Regelungsinstrumente einführen

So anerkennenswert die Grundidee der Herren Lauterbach und Spahn auch sein mag, für Patienten die Wartezeit auf Facharzttermine zu verkürzen, so unsinnig wirkt die vorgeschlagene bürokratische Vorgehensweise. Dass das Prinzip nicht greifen kann, Patienten nach vier Wochen vergeblichen Wartens in die Klinik zu schicken, zeigt am überzeugendsten das Beispiel „Warten auf Erstgespräche in der Psychotherapie“. So gut wie kein Krankenhaus der Regelversorgung kann diese Lücke füllen. Der nächste logische Schritt wäre, in allen Krankenhäusern auch Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie anzustellen. Dies würde das derzeitige Gesamtsystem der psychotherapeutischen Grundversorgung aber komplett in Frage stellen würde und wäre mangels entsprechend ausgebildeter Fachärzte personell auch gar nicht zu leisten. Auf sinnvollere Ansätze hat die Ärzte Zeitung vor kurzem hingewiesen (24.10.2013): Eine derzeit noch aktive Petition regt an, die unsinnige finanzielle Unterbewertung von Erstgesprächen (im Vergleich zu regulären Therapiesitzungen) abzuschaffen (62,10 Euro statt 81,90 Euro). Das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bereitschaft zu Erstgesprächen steigern und damit die momentan oft noch mehrmonatige Wartezeit messbar verkürzen. Bis heute haben über 1.500 (!!!) Bürger und Bürgerinnen, darunter viele Kolleginnen und Kollegen, durch ihre Unterschrift die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorgehens verdeutlicht(http://goo.gl/LONT6V). Von Seiten der Politik gab es allerdings bis heute darauf noch keine Reaktion.
Dr. Dr. med. Herbert Mück
Facharzt für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
Prävention & Gesundheitsförderung
Sportmedizin/Ernährungsmedizin
aus Köln
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