Ärzte Zeitung online, 02.12.2013

Schwarz-Rot plant

Schluss mit Schönheits-Op für Minderjährige

Ästhetische Operationen ohne medizinischen Grund soll es für Kinder und Jugendliche nicht mehr geben - die möglichen Koalitionspartner CDU und SPD wollen ein Verbot. Fachchirurgen sind skeptisch.

Von Sunna Gieseke

Schluss mit Schönheits-Op für Minderjährige

"Eine Brustvergrößerung als Geschenk für eine 15-Jährige zu Weihnachten finde ich jedenfalls völlig inakzeptabel", so Jens Spahn.

© iStockphoto / Photos.com plus

BERLIN. CDU und SPD wollen offenbar Schönheitsoperationen bei Minderjährigen ohne medizinischen Grund verbieten. Das berichtete die "Frankfurter Rundschau" in ihrer Montagsausgabe.

Demzufolge einigte sich Schwarz-Rot bei ihren Koalitionsverhandlungen darauf, ein entsprechendes Verbot in dem für 2014 geplanten Präventionsgesetz zu verankern.

Zwar tauche der Vorstoß nicht ausdrücklich im Koalitionsvertrag auf, er sei jedoch von den Gesundheitspolitikern informell vereinbart worden, als es um die Inhalte des Präventionsgesetzes ging.

Konkrete Vereinbarung der großen Koalition in spe hat es dazu aber noch nicht gegeben, hieß es am Montag aus dem Büro des gesundheitspolitischen Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion, Professor Karl Lauterbach. Dieser befürwortet aber ein solches Vorhaben.

So auch der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn: "Zum Jugendschutz gehört es auch, Jugendliche vor den Folgen eines falschen Schönheitswahns zu bewahren", sagte er der "Ärzte Zeitung".

Ärztekammern und Länder ins Boot holen

Einen jungen Körper im Wachstum unnötig einem solchen massiven Eingriff auszusetzen, könne körperlich und geistig fatale Folgen haben. "Eine Brustvergrößerung als Geschenk für eine 15-Jährige zu Weihnachten finde ich jedenfalls völlig inakzeptabel", so Spahn.

Medizinisch nicht notwendige Schönheitsoperationen bei Minderjährigen zu verbieten sei einfach, transparent und unbürokratisch. "Es steht zwar nicht im Koalitionsvertrag, aber wenn die SPD da mitmacht, können wir es bald regeln", betonte Spahn.

SPD-Politikerin Carola Reimann betonte, dass Union und SPD seit langem eine gemeinsame Meinung zu diesem Thema hätten. Allerdings, so Reimann, sei das Thema sehr komplex.

"Hier sind schnell bundespolitische Grenzen erreicht", sagte sie der "Ärzte Zeitung". In jedem Fall müssten Ärztekammern und Länder mit ins Boot geholt werden.

Verbot der Ops: Keine neue Idee

Zum Hintergrund: Die Idee, Schönheitsoperationen bei Minderjährigen zu verbieten, ist nicht neu - bislang mündete dieses Vorhaben jedoch in keinem Gesetz. Bereits im Jahr 2008 gab es hierzu eine Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages.

In einem gemeinsamen Antrag haben die Fraktionen von Union und SPD die Bundesregierung und die Länder aufgefordert, ein Verbot von nicht medizinisch indizierten Schönheitsoperationen bei Minderjährigen zu prüfen. Spahn preschte dann im Jahr 2011 noch einmal mit dieser Forderung vor.

Zuletzt hatte die Union im April 2012 versucht, ein Verbot durchzudrücken - allerdings auch dieses Mal ohne Erfolg. Der Unionsfraktion im Bundestag ging offenbar das damals geplante Patientenrechtegesetz nicht weit genug.

Piercings sollten jedoch von dem Verbot ausgenommen bleiben, die Begriffe Schönheitschirurgie, ästhetische Chirurgie und kosmetische Chirurgie sollten geschützt werden.

Gesellschaften: Nur ein marginales Problem

Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) sieht diesen erneuten Vorstoß zum Verbot der Operationen sehr kritisch. Bei ästhetischen Eingriffen an Minderjährigen handle es sich "um ein marginales Problem", sagte Professor Jutta Liebau.

Seit Jahren kritisiert die DGPRÄC, dass eine Erhebung aus dem Jahr 2004 falsch zitiert werde. Hier seien zehn Prozent Eingriffe bei Minderjährigen genannt worden. Eine Zahl die auch heute noch von der CDU genannt wird.

Diese bezog sich allerdings seinerzeit auf sämtliche plastisch-chirurgischen Operationen wie etwa Fehlbildungen der Hand oder die Behandlung von Verbrennungsfolgen.

Im Jahr 2011 seien lediglich 1,16 Prozent der ästhetischen Eingriffe durch Plastische und Ästhetische Chirurgen an Minderjährigen durchgeführt worden. Für 2012 geht die Organisation von einer ähnlich geringen Anzahl aus.

Laut der aktuellen Patientenbefragung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGPÄC) aus dem Jahr 2013 sind sogar lediglich 0,9 Prozent der Patienten, die in Deutschland einen Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie aufsuchen, unter 18 Jahre alt.

Insgesamt gebe es pro Jahr etwa 135.000 ästhetisch-plastischen Operationen. Hinzu kämen etwa ebenso viele ästhetische Injektionsbehandlungen.

"Lösung eines Problems, das sich nicht stellt"

Die häufigste Schönheitsoperation bei Jugendlichen ist der DGPÄC zufolge das Anlegen abstehender Ohren (87 Prozent).

Auch die Korrektur der Brüste - insbesondere auch bei Jungen - werde relativ häufig vorgenommen (vier Prozent). Ein seriöser Facharzt nehme keine rein ästhetisch bedingten Eingriffe bei Minderjährigen vor, so die Vertreter der Organisation.

Brustvergrößerungen bei Minderjährigen seien in der Statistik gar nicht zu finden, sagte DGPRÄC-Sprecherin Kerstin van Ark der "Ärzte Zeitung". Durch ein Verbot könne ein zusätzliches Hindernis für Jugendliche entstehen, die zum Beispiel unter abstehenden Ohren leiden.

Sie bräuchten dann womöglich erst die Zustimmung eines Psychologen. "Wenn man 13 ist und man hat abstehende Ohren, ist das eine eindeutige Indikation", so van Ark. Derzeit brauchen Minderjährige für einen solchen Eingriff das Einverständnis der Eltern.

"Aus unserer Sicht wird hier die Lösung eines Problems versucht, das sich in der Praxis eigentlich nicht stellt. Denn der Anteil minderjähriger Patienten in der Ästhetisch-Plastischen Chirurgie beträgt in Deutschland weniger als ein Prozent", sagte DGPÄC-Präsident, Sven von Saldern, der "Ärzte Zeitung".

Ohrenkorrektur schützt Betroffene vor Hänseleien

Auch sei die Grenzziehung zwischen medizinisch und ästhetisch begründeten Eingriffen sei nicht pauschal zu treffen und eigentlich nur im Einzelfall möglich.

Die Ohrenkorrektur sei zudem mittlerweile ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittel, um Kinder und Jugendliche vor Hänseleien zu schützen. Diese Operation werde von den Krankenkassen oft übernommen.

"Übrigens genau entgegen der politischen Forderung in der Regel nur bis zur Pubertät und später nicht mehr", betonte von Saldern.

[03.12.2013, 16:22:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Dem-Tect-Test für "Gesundheits"-Politiker/-innen?
Auch wenn es bei unseren selbsternannten Gesundheitspolitikern (an echte Krankheiten würden die sich nie 'ran trauen) in der Nosologie und im Medizin-Systemischen hapert: Es macht schon einen Unterschied, ob
• medizinisch-plastisch zur Wiederherstellung und zum Funktionserhalt,
• medizinisch-ästhetisch zur Verbesserung eines optischen Erscheinungsbildes,
• schönheitschirurgisch zur Augmentation und Korrektur von Präformiertem oder
• modifizierend im Sinne von "Body-Modification"(BodMod) gearbeitet wird.
Letzteres wäre im weitesten Sinne auch Piercing, Tattooing, Scaring, und "tribal body art". Im Übrigen, auch kieferorthopädische Maßnahmen und Eingriffe haben neben einem funktionell-kurativen auch immer einen ästhetischen Schönheits-Aspekt.

Doch unsere Politiker vergessen tunlichst, das plastische und wiederherstellende Chirurgie sich auch auf Missbildungen, Entstellungen, Unfallfolgen, Nasenbeinfrakturen, Septumdeviationen, Schlupflider, infizierte Bauchschürzen, Keloide, Verbrennungen, Narben, Verwachsungen, Dupuytren'sche Kontrakturen, Amputationsstumpf-Probleme, psychosoziale Folgen von abstehenden Ohren usw. beziehen können.

Absolut disqualifizierend ist die so populistisch wie realitätsfremde Äußerung eines Jens Spahn, immerhin gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktionen, der ins Blaue konfabuliert: "Eine Brustvergrößerung als Geschenk für eine 15-Jährige zu Weihnachten finde ich jedenfalls völlig inakzeptabel". Oder bezieht er sich dabei auf ihm bekannte Gesellschaftsschichten im Umfeld seiner Partei?

Ich habe jedenfalls in meiner Praxis im GKV- und PKV-Bereich eher mit Gutachten, Gegengutachten und Kostenübernahme-Problemen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu kämpfen, die als normal gebauter Mann deutlich voluminöse Brüste haben, als Frau überschwere Brüste, wegen abstehender Ohren Hänseleien nicht mehr aushalten können, nach erfolgreichem "Abspecken" eine "Fettschürze" mit sich herumtragen oder, sehr selten, sich als Transsexuelle in einem "wrong-body-syndrome" einer Geschlechtsumwandlung nach ärztlich-psychologischem Gutachtenverfahren unterziehen wollen.

D a s sind die 0,9 Prozent der Patienten unter 18 Jahre, die in Deutschland einen Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie aufsuchen, n i c h t die zehn Prozent, die in einer Art "schmutzigen Fantasie" in den Köpfen der Meinungsbildner und Entscheidungsträger herumgeistern.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Kaprun/A)
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