Ärzte Zeitung online, 05.12.2013

Koalitionsvertrag

Pflegeverband zieht ernüchternde Bilanz

Das Pflegepersonal sollte deutlich mehr entlastet werden als es Union und SPD planen, fordert der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Versorgungsdaten zeigen bereits Folgen des Fachkräftemangels in der Pflege.

ERFURT. Enttäuschung in der Pflegebranche: Die bisherigen Ergebnisse der Koalitionsgespräche von SPD und Union in Berlin gehen dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) nicht weit genug.

"Wir hatten wesentlich mehr zur Entlastung des Pflegepersonals erwartet", sagte Geschäftsführer Bernd Tews bei der vierten bpa-Qualitätskonferenz in Erfurt.

Von den ursprünglich angekündigten 125.000 zusätzlichen Pflegekräften, die Peer Steinbrück noch als SPD-Kanzlerkandidat versprochen hatte, sei nun keine Rede mehr. Kritisch äußerte sich Tews auch zur angekündigten erneuten Überprüfung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs.

"Es darf nicht nur um einen tollen, neuen Begriff gehen, sondern um mehr Leistung für die Pflegebedürftigen", so Tews. Es bestehe sogar das Risiko, dass Menschen mit Demenz dadurch schlechter gestellt werden, erklärte er überraschend.

Vor allem im ambulanten Pflegesektor habe es in den vergangenen Jahren schon Fortschritte gegeben, so Tews. In der Pflegestufe 0 etwa könnten Demenzkranke heute mit mindestens 225 Euro rechnen. "Diese Leistungen werden jedoch kaum in Anspruch genommen, weil sie schlecht kommuniziert werden."

In Pflegestufe eins bestehe in der Tagespflege Anspruch auf bis zu 1400 Euro monatlich. "Wir dürfen nicht so tun, als gäbe es keine Leistungen für Demenzkranke. Was nützt ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, wenn sie nachher weniger erhalten", warnte Tews.

Regionaler Flickenteppich

Eine weitere große Baustelle sei die Umsetzung des vor knapp zwei Jahren in Kraft getretenen Pflegeneuausrichtungsgesetzes (PNG). Eine wichtige Neuerung betraf den ambulanten Sektor, in dem Pflegebedürftige nun die Wahl zwischen einer leistungs- oder zeitorientierten Pflege haben.

Viele Bundesländer zögern die Einführung hinaus, auch in der Hoffnung, dass die neue Bundesregierung die Regelungen zurücknimmt. Damit sei jedoch nicht zu rechnen, so Tews. Das Resultat: ein regionaler Flickenteppich.

Während Bremen das PNG bereits vor einem Jahr umsetzte, gebe es in Rheinland-Pfalz mit den Pflegekassen weder eine Vereinbarung zur Stunden- noch zur Leistungskomplex-Vergütung.

Als "skurril" bezeichnete Tews, dass in Bremen bisher nur 0,63 Prozent der ambulanten Pflegebedürftigen die Zeit-Option wählten.

"Wir dokumentieren uns dumm und dämlich"

Für heftige Debatten sorgte in Erfurt auch das Thema Dokumentation. Thüringen ist neben Rheinland-Pfalz das Bundesland mit den schlechtesten Pflegenoten. Im stationären Bereich liegt Thüringen bei 1,3 (Bundesschnitt 1,2) und ambulant 1,7 (Bund: 1,5).

"Für mich drückt sich hier der Fachkräftemangel aus", sagte die bpa-Landesvorsitzende Margit Benkenstein. "Wir müssen entbürokratisieren, denn wir dokumentieren uns dumm und dämlich."

Für Diskussionen sorgten ebenso Zahlen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) in Thüringen. Im vergangenen Jahr wurde demnach bei 41,6 Prozent der geprüften Pflegebedürftigen ein Dekubitusrisiko festgestellt. Nur bei 62 Prozent sei eine gewebeschonende Lagerung vorgenommen worden.

"Da liegt sicher noch Potenzial vor", meinte Doris Wenzel vom MDK. Ein Kontrakturrisiko wurde sogar bei 75,6 Prozent festgestellt, bei 51,8 Prozent lag ein Risiko bei der Flüssigkeitsversorgung vor.

Ausfüllen von Formularen kostet Zeit

Im Publikum regte sich angesichts der Zahlen Kritik am MDK. Eine Altenpflegerin monierte die Überregulierung: "Wir hatten den Fall einer Intimpflege bei einer Dame. Da kritisierte der MDK, warum nicht dokumentiert wurde, dass wir dafür Toilettenpapier verwendet haben."

Das Gegenargument von Doris Wenzel: "Klar gibt es Ressourcen. Aber das muss auch so sein. Wenn ich zu 100 Prozent alles erfüllt habe, kann etwas mit den Kriterien nicht stimmen."

bpa-Chefin Benkenstein sieht das nüchtern: "Es ist noch keiner verhungert und verdurstet. Qualität ist für mich, mehr Zeit für die Bewohner zu haben. Stattdessen verbringen wir im Schnitt 30 bis 35 Prozent mit dem Ausfüllen von Formularen."

Sie hoffe, dass die Pflegekräfte bei der nächsten Reform, bei den MDK-Prüfungen stärker einbezogen werden. "Dies würde uns auch von Bürokratie entlasten, weil nicht mehr jede Selbstverständlichkeit im Detail aufgeschrieben werden muss." (rbü)

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