Ärzte Zeitung online, 23.12.2013

Koalitionsvertrag: Ein Text voller Kauderwelsch

Kommunikationswissenschaftler der Uni Stuttgart-Hohenheim haben den Koalitionsvertrag unter die Lupe genommen und auf Verständlichkeit überprüft. Das Urteil fällt vernichtend aus.

Von Lucie Neumann

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In den Händen der Kanzlerin: Kauderwelsch mit Unterschrift.

© Hannibal/dpa

STUTTGART. Bandwurmsätze mit bis zu 86 Wörtern, Wortungetüme wie "Transphobie", "Spitzenclusterwettbewerbe" oder Fachbegriffe wie "Thesaurierungsregelungen" - der hart verhandelte Berliner Koalitionsvertrag bekommt schlechte Noten von der Uni Hohenheim in Stuttgart.

Der Kommunikationswissenschaftler Professor Dr. Frank Brettschneider und sein Team fahndeten mit einer formalen Textanalyse nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern.

Das Ergebnis: Lediglich 3,48 von 20 möglichen Punkten erreichte das Werk von CDU, CSU und SPD im "Hohenheimer Verständlichkeitsindex". Im Detail kommt die Präambel mit 7,56 Punkten am besten weg. Am schlimmsten stehe es ums Kapitel "Europa" mit 1,96.

Zum Vergleich: Politikwissenschaftliche Doktorarbeiten erzielen durchschnittlich einen Wert von 4,7. Und die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung lägen bei 16,8. Die Wahlprogramme zur Bundestagswahl 2013 erreichten immerhin einen Wert von 7,7.

Nachgefragt an der Uni Hohenheim "Wie steht das Unterkapitel 2.4, also Gesundheit und Pflege da?" errechnete Frank Brettschneider spontan für die "Ärzte Zeitung" den Wert 3,1. Die größten Verständlichkeitshürden seien: viele lange Sätze, Sätze im Passiv, Sätze im Nominalstil, zahlreiche schwierige Wörter.

Im Analysebericht nachgeblättert zeigte sich, dass sich 10 der 13 angezählten Wortwirren auf Gesundheit beziehen wie zum Beispiel der Landesbasisfallwert oder der Morbi-RSA, sprich: Risikostrukturausgleich.

Angesichts des Verrisses lässt sich nun trefflich spekulieren, was hinter dem Kauderwelsch steckt. Führen Kompromisse zu unklaren Schachtelsätzen? Oder verschleiern Parteien durch abstraktes Verwaltungsdeutsch absichtlich unpopuläre Positionen?

Die einzige wohlmeinende Überlegung der Kommunikationswissenschaftler lautet: "Der Koalitionsvertrag ist das Ergebnis von Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Bürger ihr Fachchinesisch nicht versteht." Das sollten sie jedoch in Sachen Bürgernähe.

Ob der Koalitionsvertrag anno 2009 wirklich besser war, das ist noch ungeklärt. Er werde erst im nächsten Jahr analysiert, so Brettschneider auf Anfrage.

Aber er betont, "alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Dann sollen die Koalitionspartner ihre Absichten auch klar und verständlich darstellen."

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