Ärzte Zeitung, 21.10.2015

Friedrich-Ebert-Krankenhaus

Syrische Ärzte helfen in der Flüchtlingsversorgung

In Neumünster haben in der Flüchtlingsambulanz an der Klinik zwei syrische Ärzte ihre Arbeit aufgenommen. Vielen nach Deutschland geflüchteten Kollegen fehlt noch die Anerkennung.

Von Dirk Schnack

Syrische Ärzte helfen in der Flüchtlingsversorgung

Munzer Shekho (l.) und Dilovan Alnouri sind froh, in Deutschland ärztlich tätig sein zu können.

© Dirk Schnack

NEUMÜNSTER. Die Flüchtlingsambulanz am Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) in Neumünster dient der Versorgung und der Integration zugleich. Ärzte aus Syrien behandeln die Flüchtlinge.

"Das Wichtigste ist, dass wir in Sicherheit sind." Munzer Shekho und Dilovan Alnouri sind aus Syrien geflohen und froh, dass sie und ihre Familien inzwischen in Kiel leben können.

Seit zwei Jahren sind die beiden in Deutschland und erleben, wie immer mehr Landsleute und Menschen aus anderen Krisenregionen Zuflucht in Deutschland suchen und Hilfe brauchen.

Sheko und Alnouri können unmittelbar helfen: Sie sind Ärzte und seit Kurzem in Diensten des FEK.

Sie arbeiten in der neu gegründeten "Einheit Integrierende Versorgung", ein im Norden einzigartiges Modell, mit dem Versorgung und Integration zugleich gelingen soll.

Überlastung der Notaufnahme

Auslöser für das Modell war die Überlastung der Notaufnahme des Krankenhauses in Neumünster. In dessen Umgebung befinden sich zwei Erstaufnahmeeinrichtungen, in denen zusammen zeitweise bis zu 5000 Menschen untergebracht sind.

Zwar gibt es in beiden Einrichtungen Erstuntersuchungen und hausärztliche Sprechstunden, an den Wochenenden und außerhalb dieser Zeiten aber gehen die Flüchtlinge in das FEK. Die Zahlen steigen rasant.

Im Januar waren es noch 48 Flüchtlinge, die ambulant und 25, die stationär im FEK behandelt werden mussten, im September bereits 238 (ambulant) und 144 (stationär).

Diese zusätzliche Belastung konnte die Notaufnahme nicht dauerhaft auffangen. Nach Gesprächen mit Stadt und Land wurde schnell die Lösung EIV gefunden, vom Land mit zwei Millionen Euro finanziert und umgesetzt.

"Wir verfolgen vier Ziele", erläuterte der Ärztliche Direktor PD Dr. Ivo Heer:

- Erkrankungen sollen schnell erkannt werden,

- die Patienten sollen bei Bedarf zügig in die Klinik überführt werden,

- besondere Erkrankungen müssen erkannt werden und

- bei der Behandlung soll kein Sprachproblem auftreten.

In der EIV arbeiten mit Alnouri und Shekho nun Ärzte, die arabisch, kurdisch, englisch und deutsch sprechen und die die Situation der Flüchtlinge aus eigener Erfahrung kennen.

Die Zahl der Ärzte soll auf sechs aufgestockt werden, was nach Angaben von Geschäftsführer Alfred von Dollen kein Problem wäre - genügend interessierte Ärzte aus Krisenregionen hätten sich gemeldet.

Engpass ist derzeit die Situation in der Krankenpflege. Insgesamt zehn Beschäftigte werden benötigt, hier sucht das FEK dringend Personal. In den bestehenden Abteilungen kann man nicht auf Dauer auf die Pflegekräfte verzichten. Der 45-jährige Shekho ist Internist und stammt aus Aleppo.

Deutsch ist die vierte Sprache, die er beherrscht. Gelernt hat er sie erst, nachdem er vor zwei Jahren hierher kam. "Es ist mir sehr wichtig, dass ich hier in meinem Beruf arbeiten kann", betont er. Sein 39-jähriger Kollege Alnouri ist Chirurg und stammt aus dem Norden Syriens.

Beschleunigte Anerkennung

Beide haben ein beschleunigtes Anerkennungsverfahren durchlaufen, um als Arzt tätig sein zu können - zunächst noch als Assistenzärzte unter fachärztlicher Aufsicht. "Das ist nicht so einfach für so erfahrene Kollegen wie die beiden", sagt Heer.

Er ist aber optimistisch, dass beide nach der befristeten Berufserlaubnis ihre Facharztanerkennung erhalten.

Alnouri berichtet, dass schon mehrere tausend Ärzte aus Syrien in Deutschland sind - auf ihre fachliche Unterstützung muss das deutsche Gesundheitssystem aber meist noch verzichten, weil sie nicht schnell genug in Deutschkurse gelangen.

Diese Hürden haben Alnouri und Sheko schon genommen. Am ersten Wochenende ihres Einsatzes in der Flüchtlingsambulanz haben sie 23 Patienten behandelt.

Diese Zahl, ist Heer sicher, wird sich schnell erhöhen, wenn sich das neue Angebot herumgesprochen hat - und die Zahl der Flüchtlinge in Neumünster wird noch steigen.

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